Wien (jaz/ag.).Der Coup des Jahres ist geglückt. Nach einem etwas mehr als einmonatigen Übernahmekampf gibt der deutsche Autozulieferkonzern Continental gegenüber seinem wesentlich kleineren Konkurrenten klein bei. Die in Familienbesitz befindliche Schaeffler-Gruppe wird vorerst zwar maximal 49,99 Prozent der Continental-Anteile kaufen. Die Kontrolle übernimmt sie damit aber de facto sofort. Damit ist Schaeffler nun der drittgrößte Autozulieferer der Welt nach Bosch und der japanischen Denso.
Triumphierende Österreicherin
Es ist dies der persönliche Triumph für Maria-Elisabeth Schaeffler, über den sie sich vier Tage nach ihrem Geburtstag freuen kann. Die 67-jährige in Prag geborene und in Wien aufgewachsene Österreicherin heiratete 1962 in das Unternehmen ein. Der Aufstieg in die Oberliga der deutschen Industrie gelang aber erst ab dem Jahr 1996. In diesem Jahr starb der Mann von Maria-Elisabeth Schaeffler, und sie musste sich entscheiden, ob sie das Unternehmen verkauft oder selbst die Führung übernimmt.
„Alle haben erwartet, dass ich verkaufen werde“, sagte sie jüngst gegenüber deutschen Medien. Doch sie versuchte den anderen Weg. Zusammen mit dem branchenerfahrenen Manager Jürgen Geißinger, den sie auf einer Messe kennen lernte und vom Fleck weg engagierte, landete sie seither einen wirtschaftlichen Erfolg nach dem anderen. Darunter fiel auch die erstmalige feindliche Übernahme eines börsennotierten Unternehmens durch einen Betrieb in Familienbesitz. So kaufte Schaeffler 2001 gegen den Willen des dortigen Managements FAG Kugelfischer. Ein Coup, der ihr den Spitznamen „die listige Witwe“ einbrachte.
Und auch bei Continental gab es am Anfang heftige Gegenwehr. Vor allem Continental-Chef Manfred Wennemer schoss sich schon kurz nach dem Bekanntwerden des Interesses von Schaeffler Mitte Juli auf den potenziellen Käufer ein. So sei das Vorgehen des Familienunternehmens „egoistisch, selbstherrlich und verantwortungslos“. Schaeffler habe sich rechtswidrig an Continental herangeschlichen, spielte er auf den Trick an, den Schaeffler angewandt hatte. Denn der Zulieferer hatte mehrere Banken je 2,99 Prozent der Conti-Aktien kaufen lassen und sich die Anteile über Optionen gesichert. So blieb Schaeffler unter der Meldeschwelle von drei Prozent und hatte dennoch sofort Zugriff auf 36 Prozent der Conti-Anteile.
Gerhard Schröder passt auf
Doch weder die scharfen Worte noch das Anrufen der deutschen Finanzmarktaufsicht oder die Suche nach einem „Weißen Ritter“ fruchteten, sodass Continental in der Nacht von Mittwoch auf Donnerstag dem Einstieg von Schaeffler doch zustimmte. Conti hat sich dabei jedoch eine Reihe von Regelungen ausbedungen. So darf Schaeffler vier Jahre lang nicht die Mehrheit bei Conti übernehmen. Und auch ein Verkauf von Conti-Anteilen durch Schaeffler ist reglementiert. In diesem Fall dürfte der von Conti eingesetzte „Aufpasser“ – der ehemalige deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder – über den Käufer mitentscheiden. Schaeffler erhöhte darüber hinaus ihr Angebot auf 75 Euro je Conti-Aktie, was einem Gesamtwert von zwölf Mrd. Euro entspricht.
So hat der Kampf schlussendlich für fast alle ein erfreuliches Ende gefunden. Lediglich einer blieb dabei auf der Strecke: Conti-Chef Wennemer gab noch am Donnerstag seinen Rücktritt per Monatsende bekannt.
■Schaeffler, mit einem Umsatz von 8,9 Mrd. Euro, übernimmt die Kontrolle bei Conti (26,4 Mrd. Euro Umsatz). Schaeffler ist nun der weltweit drittgrößte Autozulieferer nach Bosch und Denso.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.08.2008)

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