Rom (pk/ag). Über Monate hatten Journalisten die Lufthansa bestürmt: „Erwägen Sie einen Einstieg bei der Alitalia?“ Über Monate kam die stereotype Antwort: „Der italienische Markt ist für uns sicherlich interessant. Zu allem anderen – kein Kommentar.“ Auch am Freitag, als Lufthansa-Chef Wolfgang Mayrhuber im Amtssitz von Silvio Berlusconi mit Staatssekretär Gianni Letta verhandelte und sich danach in der deutschen Botschaft mit vier Gewerkschaftschefs traf, gab es nur das übliche „Interesse“. Immerhin wurde bestätigt, Mayrhuber sei in Rom.
Der Lufthansa-Boss hat lange gewartet – und jetzt offenbar die besseren Karten als Konkurrent Air France/KLM, der auch als Retter im Gespräch ist. Sowohl Berlusconi als auch Teile der Gewerkschaften sollen die Deutschen hofieren– um der Schmach zu entgehen, die im Frühjahr verschmähten Franzosen als Retter der bankrotten Alitalia wieder an Bord holen zu müssen.
Obwohl die Alitalia 1,2 Mrd. Euro Schulden hat und täglich mehr als zwei Mio. Euro verbrennt, ist sie interessant. Es geht um einen Markt von mehr als 30 Millionen Passagieren jährlich. Es geht auch um den bisher größten privaten Konkurrenten der Alitalia, die Air One, die gemäß dem Rettungsplan der Unternehmergruppe CAI in die „Alitalia neu“ fusioniert werden soll. Es geht um die mehrere hundert Millionen Euro schweren „Slots“, also die Landerechte auf internationalen Flughäfen. Und es geht um zwei wichtige europäische Drehkreuze, um die Flughäfen Mailand-Malpensa und Rom-Fiumicino.
Piloten blieben hart
Wenn nun der Staat die Schulden übernimmt und auch gut 3200 Beschäftigte abgebaut werden, ist die Braut attraktiver, als sie es je war. Dass Italiens Regierung nur eine Minderheitsbeteiligung zulassen will, besagt nichts: Der dringend geforderte „ausländische Partner“ wird schon deswegen das Sagen bei der Alitalia haben, weil zur CAI nur ein einziger wirklich luftfahrtkundiger Investor gehört. Außerdem wurde kolportiert, dass die Lufthansa möglicherweise sogar mehr als 20 Prozent kaufen möchte.
Mayrhuber hat jetzt noch einen Vorteil: Er bekommt die marode Airline fast umsonst. Während sich die Air France/KLM im Frühjahr bereit erklärt hatte, die Alitalia zum Marktpreis zu kaufen und sowohl die Schulden als auch die unrentablen Konzernteile zu übernehmen, haben fünf Gewerkschaften bereits den Abbau von 3250 Stellen unterschrieben und der Aufspaltung der Alitalia in eine „good“ und eine „bad company“ zugestimmt. Jetzt geht es „nur“ mehr darum, die widerspenstige Pilotengewerkschaft zu überzeugen. Während zuletzt auch die Flugbegleiter dem Sanierungsplan zu gestimmt haben, haben die Piloten bis Freitagnachmittag ihre Unterschrift verweigert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.09.2008)

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