Washington. Es ist eine gute Zeit, sich in den USA ein Auto zu kaufen. Händler werben mit Nachlässen von bis zu 20 Prozent, in Kalifornien gibt einer beim Kauf eines Neuwagens sogar ein Gebrauchtauto kostenlos dazu. Nur etwas braucht man: Bargeld. Denn die Banken sind wegen der Wirtschaftskrise mit der Vergabe von Krediten äußerst zurückhaltend.
Und genau das ist der Grund, warum die US-Autoindustrie in eine der schwersten Krisen seit Erfindung des Autos gerutscht ist. Die Verkäufe im Vormonat gingen um 35 Prozent zurück, nach einem Rekordeinbruch im September von 30 Prozent. Über das Jahr gerechnet wurden 15 Prozent weniger Autos verkauft als 2007.
Das machte die „großen Drei“ – General Motors, Ford, Chrysler – sehr kleinlaut, als sie in der Nacht auf Mittwoch vor einem Senatsausschuss um staatliche Hilfe ansuchten. 25 Mrd. Dollar wollen die drei Firmen haben, um die Krise zu überstehen.
Skeptische Senatoren
Was passieren kann, wenn man den günstigen Kredit nicht bekommt, machte GM-Chef Rick Wagoner unmissverständlich klar: „Ein Versagen von GM, Ford oder Chrysler hätte katastrophale Folgen für die gesamte Industrie: drei Millionen Arbeitslose mehr, in drei Jahren 150 Mrd. Dollar an Einkommensverlusten und 156 Mrd. Dollar an verlorenen Steuereinnahmen.“
Wagoner weiß, wovon er spricht. General Motors steht mit Ende des Jahres vor der Zahlungsunfähigkeit, zur Zeit verbraucht man zwei Mrd. Dollar pro Monat. Auch Chrysler-Chef Robert Nardelli gab offen zu: „Ohne sofortige finanzielle Hilfe könnte die Liquidität meiner Firma unter die Grenze fallen, die notwendig ist, um die Geschäfte aufrechtzuerhalten.“
Nardelli gestand während der vierstündigen Anhörung, die am Mittwoch vor dem Repräsentantenhaus fortgesetzt wurde, sogar offen ein, dass man den Weg in die Pleite als Rettung überlegte. Eine Bankrotterklärung würde der Firma die Möglichkeit geben, Verbindlichkeiten zu halbieren und Verträge neu zu verhandeln. Man habe sich aber dagegen entschieden, weil dieser Weg „zu lange dauern würde“, so Nardelli.
Probleme der Autoindustrie wirken sich direkt auf die US-Wirtschaft aus. 240.000 Menschen arbeiten für Ford, GM und Chrysler. Die „großen Drei“ sind die größten Abnehmer von Aluminium, Stahl, Eisen, Plastik und Elektronik-chips in den USA. Im Vorjahr kauften sie Autoteile im Wert von 156 Mrd. Dollar. Die Autoverkäufe machen etwa vier Prozent des Bruttosozialprodukts aus.
Trotz der dramatischen Worte zeigten die meisten Senatoren wenig Bereitschaft, der Autoindustrie zu helfen. Erst im Frühjahr hatte man einen günstigen Kredit in Höhe von ebenfalls 25 Mrd. Dollar genehmigt, um den großen Drei die Adaptierung ihrer Fabriken zum Bau verbrauchsarmer Autos zu ermöglichen.
„Ich habe für die 25 Mrd. Dollar gestimmt“, meinte etwa Senator Robert Menendez (Demokrat). „Aber ich sehe keine Perspektive, wie dieser Zuschuss sie in die Lage versetzt, den Kredit jemals zurückzuzahlen.“ Ähnlich klang der republikanische Senator Michael Enzi: „Wir haben keinen Hinweis, dass zusätzliche 25 Mrd. Dollar langfristig erfolgreich helfen.“ Richard Shelby meinte skeptisch: „Ist das das Ende oder erst der Anfang? Viele Menschen glauben, dass es ihre Schuld ist, weil sie auf die falschen Modelle gesetzt haben.“
Kein Abnehmer für Importautos
Tatsächlich ist die Krise teils selbst verschuldet. Ford, GM und Chrysler setzten auf große Geländewagen, die aber in Zeiten hoher Benzinpreise niemand mehr kaufen will (auch wenn der Benzinpreis mittlerweile wieder auf 2,10 Dollar pro Gallone gefallen ist). Die Umstellung auf und die Produktion von kleineren, effizienteren Modellen dauert aber.
Ausschussvorsitzender Christopher Dodd ließ durchblicken, dass ein gangbarer Weg die Bereitstellung des Kredits aus den 700 Mrd. Dollar sein könnte, die der Kongress für die Rettung von Finanzinstituten genehmigt hatte. Dafür müssen die CEOs aber persönliche Einschnitte hinnehmen: „Ihre Entlohnung ist sehr großzügig, sie sollten das freiwillig einschränken, wenn sie schon Geld vom Steuerzahler wollen.“ GMs Wagoner kam im Vorjahr auf insgesamt 20,7 Mio. Dollar, Fords CEO Alan Mulally auf 21,7 Mio. Dollar.
In der Zwischenzeit werden die Abstellplätze für neue Autos knapp. Im Hafen von Long Beach (Kalifornien) stauen sich tausende frisch importierte Fahrzeuge, die kein Händler haben will.
■Die großen Drei General Motors, Ford und Chrysler suchten um staatliche Hilfe in Höhe von 25 Mrd. Dollar an. Sollte die US-Regierung diesem Ansuchen nicht zustimmen, könnten in den nächsten drei Jahren in der US-Autobranche drei Millionen arbeitslos werden.
■ In den USA wurden heuer 15 Prozent weniger Autos verkauft als im Vorjahr. Allein im Oktober brach der Absatz um 35 Prozent ein.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 20.11.2008)
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