Es gibt Menschen, die sind einfach zu beneiden. Sie können sich den Zahnarztbesuch sparen, weil sie ein Gebiss wie aus Granit haben. Andere verschieben diesen Termin aus Angst vor dem Bohrer ad infinitum.
Und manche können sich den Besuch beim Dentisten nicht leisten. Das trifft zum Beispiel auf Millionen von Amerikanern zu, die keine entsprechende private Krankenversicherung haben. Als zwei US-Forscher im Jahr 2005 solche Menschen nach ihren größten gesundheitlichen Problemen befragten, bekamen sie „fehlenden Zugang zu zahnärztlicher Behandlung“ als häufigste Antwort.
Fluor macht Kinderzähne hart
Wer sich keine Plomben oder Implantate leisten kann, kauft bald nur mehr weiches Essen mit geringerem Nährwert. Viele Arme betäuben Zahnschmerz mit Alkohol. Und wer sich nicht zu lächeln traut, weil seine Zähne löchrig sind oder fehlen, hat es schwer, einen Arbeitsplatz zu finden. „Weil ich kein Lächeln hatte, konnte ich nicht einmal an der Kassa arbeiten“, zitierte die „New York Times“ vor zwei Jahren eine 51-jährige Frau, die in Folge schwerer Diabetes alle Zähne verloren hatte.
Die US-Wirtschaftsforscher Sherry Glied und Matthew Neidell von der Mailman School of Public Health an der Columbia University in New York haben diese Überlegungen zum Anlass genommen, den wirtschaftlichen Wert der Zähne zu erforschen (ihr Papier „The Economic Value of Teeth“ ist beim National Bureau of Economic Research als Working Paper No. 13879 erschienen).
Ausgang ihrer Studie war die bewiesene Erkenntnis, dass Menschen gesündere Zähne haben, wenn sie als Kinder viel Fluorid bekommen haben. Es macht nämlich den Zahnschmelz härter und weniger anfällig für Karies.
Heutzutage kann jedes Kind in Amerika und Europa billig mit Fluorid versorgt werden, indem seine Eltern fluoridierte Zahnpasta kaufen. 1945 war das noch nicht möglich. Und so wählte die US-Gemeinde Grand Rapids in Michigan einen anderen Weg. Sie setzte dem Trinkwasser Fluoride zu. In den folgenden Jahrzehnten schlossen sich weitere Gemeinden an – und lieferten den Ökonomen Glied und Neidell eine hervorragende Gelegenheit, die These zu testen, wonach Menschen mit schöneren Zähnen leichter Arbeit finden und mehr Geld verdienen.
Der wahre „Schönheitsmythos“
Und das tun sie. Glied und Neidell haben die Verbreitung der Fluorisierung mit sozioökonomischen Daten der Bewohner der betreffenden Städte und Ortschaften verglichen. Ergebnis: Kinder, die fluoridiertes Wasser trinken, verdienen als Erwachsene um rund zwei Prozent mehr als jene, deren Wasser nicht fluoridiert wurde.
Dieser Effekt kommt aber fast nur Frauen zugute. Sie verdienen folglich bis zu 4,5 Prozent mehr, wenn ihr Gebiss dank Fluoridzusatz durch härteren Zahnschmelz geschützt wird. Besonders stark profitieren die ärmsten Frauen aus den bildungsfernen Schichten davon, gute Zähne zu haben. Waren sie als Kinder fluoridiertem Wasser ausgesetzt, verdienten sie später einen Dollar mehr pro Stunde – bei elf Dollar Durchschnittslohn, wohlgemerkt. Glied und Neidell haben auch die Rendite errechnet, die man am Arbeitsmarkt verdient, wenn man statt einer Zahnlücke ein Implantat hat. Für die ärmsten Frauen sind das 3,3 Prozent oder fast 720 Dollar pro Jahr.
Diese „Zahn-Rendite“ bestätigt laut den Forschern den „Schönheitsmythos“: die Vermutung, wonach Frauen bei der Arbeitssuche stärker nach ihrem Äußeren beurteilt werden als Männer.
Dass Torbergs Tante Jolesch im Umkehrschluss recht hatte, ist aber eine böse Unterstellung.
■Fluoride machen Zähne hart.Viele US-Gemeinden setzen dem Trinkwasser diese Salze der Fluorwasserstoffsäure zu. Zwei Ökonomen haben erforscht, dass dies bewirkt, dass Frauen dank besserer Zähne mehr verdienen.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.12.2008)

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