Afrikas neue Lehensherren

Der Hunger nach Ackerland lässt Staaten und Firmen vermehrt ins Ausland schielen. Das extremste Beispiel: Ein südkoreanischer Konzern wollte die Hälfte der bebaubaren Flächen Madagaskars pachten. Neokolonialismus, sagen die Kritiker.

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(c) Reuters (Siphiwe Sibeko)

Der eine Herr hat's gegeben, der andere hat's genommen: Marc Ravalomanana, der soeben gestürzte Präsident Madagaskars, wollte dem südkoreanischen Staatskonzern Daewoo Logistics 1,3 Millionen Hektar Land für ein Butterbrot überlassen. Um Soja und Mais für Korea anzubauen – auf einer Fläche, die der Hälfte des bebaubaren Ackerlandes auf Madagaskar entspricht. Es wäre der mit Abstand größte derartige Deal gewesen, weltweit. Doch als eine der ersten Amtshandlungen hat Andry Rajoelina, der neue starke Mann der Insel, Daewoo signalisiert, dass es seine hochfliegenden Pläne vergessen kann.

Dass der Bedarf nach Agrarland Staaten und Firmen ins Ausland schielen lässt, ist kein neues Phänomen: Schon Ende der 80er-Jahre kauften sich Japaner in mehreren US-Bundesstaaten ein, um dort Kobe-Rinder zu züchten. Die Produktionsbedingungen waren um so vieles günstiger, dass es sich lohnte, die Tiere erst kurz vor der Schlachtung nach Japan zu verschiffen.

Doch erst als in der Nahrungsmittelkrise 2008 die Preise für Weizen und Reis um ein Vielfaches nach oben kletterten, hat der Wettlauf um fruchtbare Böden richtig eingesetzt. Mit der Rückkehr der Brotrevolten in den ärmsten Ländern verhängten 25 Staaten Exportverbote, 36 waren auf Hilfslieferungen angewiesen. Plötzlich waren sich etwa die Wüstenstaaten am Persischen Golf nicht länger sicher, ob der Weltmarkt ihren steigenden Bedarf immer decken können würde. Nur ein Prozent der Landfläche in den Vereinigten Arabischen Emiraten eignet sich für den Ackerbau. Und die saudische Regierung musste ihr seit den 70ern laufendes Programm, Wüste in Weizenanbaugebiet zu verwandeln, 2008 aufgeben. Zu hoher Wasserbedarf, zu teuer. Gut 60 Prozent ihrer Nahrungsmittel müssen die Golfstaaten importieren.


Landkauf im Stillen. Also lieber das Problem an der Wurzel packen und gleich selbst Land kaufen. Etwa im Sudan, wo ein beträchtlicher Teil des Ackerlandes derzeit ungenutzt ist – während Millionen Menschen auf Nahrungsmittelhilfe aus dem Ausland angewiesen sind. Auch in der Ukraine, Pakistan, Brasilien und halb Südostasien haben die Golfstaaten angeklopft. China, derzeit noch de facto Selbstversorger, will seinen Devisenschatz ebenso für den Kauf von Ackerland nutzen. Zumindest jeder dritte Bauer ist Chinese, aber nur neun Prozent der weltweiten Ackerflächen liegen in der Volksrepublik.

Genaue Zahlen über Preis oder Fläche der verkauften Böden gibt es offiziell nicht. Die Staaten kaufen ihre Dependancen lieber im Stillen. Sie sind auch nicht die Einzigen, die es auf die Äcker Afrikas und Asiens abgesehen haben. Die Aussicht auf konstant steigende Preise lockt auch Finanzinvestoren wie Goldman Sachs ins Agrargeschäft. In Afrika verspricht der Landkauf bis zu 400 Prozent Rendite, schätzt Grain, eine Organisation, die solche Deals in Entwicklungsländern genau beobachtet. „Es ist ein gutes Geschäft“, sagt Harold Liversage, Landrechtsexperte beim Internationalen Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung IFAD. Die Gefahren dürften jedoch nicht unterschätzt werden.


Neokolonialismus. Sehen wir tatsächlich erste Anzeichen eines Neokolonialismus? Zumindest einige Geschäfte erscheinen ethisch fragwürdig. Anfang März hat König Abdullah von Saudiarabien erste Reislieferungen von seinen Feldern in Äthiopien erhalten. Mit seinen Petrodollars hat das Königreich das Ackerland eines Staates aufgekauft, in dem elf Millionen Menschen nur durch das Welternährungsprogramm der UNO vor dem Hunger bewahrt werden konnten. Viele Argumente für ein Investment ausländischer Firmen oder Staaten in Entwicklungsländern dürften in diesem Fall nicht gelten. Experten zweifeln, dass das Know-how und die versprochenen Arbeitsplätze wirklich in Äthiopien ankommen. Viel versprochen hat auch Daewoo in Madagaskar: Straßen, eine Eisenbahn, Schulen. Und Arbeitsplätze. Daran tauchten aber Zweifel auf, als ruchbar wurde, dass Daewoo Arbeiter aus Südafrika „importieren“ wollte.

Es gibt aber auch Vorzeigebeispiele für ausländische Investitionen in Afrika, betont Liversage. Die schwedische Firma Sekab stellt etwa in Mozambique und Tansania Biotreibstoff her. Da der Sprit in der EU verkauft werden soll, müssen die Schweden die Nachhaltigkeit ihres Investments garantieren. Schnittblumen lässt die internationale Industrie seit Jahren relativ konfliktfrei in Kenia anbauen, sagt Josef Schmidhuber, von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UNO.

Oft verlieren gerade die Kleinbauern ihre Rechte, warnt die IFAD. „In Indonesien hat der Streit über Landbesitz zu Konflikten, Einschüchterung, Verhaftungen, Folter und Todesopfern geführt“, klagt ein Bericht des Center for International Forestry Research.


Finanzbedarf. Trotz der sozialen Sprengkraft empfangen die meisten afrikanischen und asiatischen Staaten ihre neuen Lehensherrn mit offenen Armen. Leere Staatskassen (Äthiopien) oder teure Kriege (Sudan) lassen wenig Spielraum, um Straßen, Schulen oder eine funktionstüchtige Landwirtschaft aufzubauen. Die herrschende Finanzkrise dürfte diesen Mangel weiter verschärfen. Sinken die Investitionen in die Landwirtschaft mit dem Wirtschaftswachstum, steigen die Nahrungsmittelpreise bis 2020 um bis zu 27 Prozent, berechnet die IFAD. Angesichts der wachsenden Bevölkerungszahlen wird auch der Kampf um die knappen Ressourcen schärfer geführt werden. Der Druck auf die Entwicklungsländer, frisches Kapital zu lukrieren, dürfte steigen. Nicht jede Regierung in Afrika und Asien wird das Glück haben, sich einen ethisch korrekten Investor aussuchen zu können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.03.2009)

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