Von wegen letzte Straßenbahn

Aus den meisten Ländern ist die Tramverschwunden. Nun kehrt sie triumphal zurück.

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NOSTALGIEFAHRT WIENER LINIEN MIT TRIEBWAGEN 4131 – (c) APA (GEORG HOCHMUTH)

Österreichern und Deutschen ist es kaum bewusst: Die Straßenbahn, die aus dem Weichbild unserer Städte nicht wegzudenken ist, stand global betrachtet schon fast vor dem Aus. Ende der Fünfzigerjahre waren sich die Verkehrsexperten und Stadtplaner in den meisten westlichen Ländern einig: Die Tram habe im Zeitalter der allgemeinen Motorisierung ausgedient. Man hielt sie für unmodern und überholt. Also: weg damit.

Busse galten damals noch als die perfekte Alternative: viel praktischer, flexibler und auch kostengünstiger, weil man bei ihnen auf die aufwendige Infrastruktur mit Schienen und Leitungen verzichten konnte. Also machte man sich an das Demolieren oder verzichtete darauf, die Züge auf Stand zu halten – was sie mit der Zeit tatsächlich immer unattraktiver machte und den Druck erhöhte, sie schließlich durch Bus oder U-Bahn zu ersetzen.

So verschwanden die ruckeligen Gefährte aus den USA, Australien, Großbritannien und Frankreich bis zu den 1970er-Jahren großteils, aus Spanien und Irland gleich ganz. Ähnlich erging es den meisten Zügen in Asien, Afrika und Lateinamerika. Nostalgische Liebhaber mussten ins Museum pilgern, um ihrem Verkehrsmittel des Herzens nah zu sein. Und die bei den Touristen so beliebte Cablecar in San Francisco wirkte alsbald nur noch wie ein putziges Relikt aus einer längst vergangenen Epoche.

Korrektur einer Fehlplanung. Aber die Vision einer autogerechten Stadt erwies sich rasch als Endstation für die Lebensqualität vieler Bürger. Die meist dieselgetriebenen Busse verpesteten die Luft und standen in den Stoßzeiten immer öfter im Stau. Also fand ein Umdenken statt. Reumütig kehren immer mehr Städte seit den Achtzigern zu den umweltfreundlichen Öffis auf Schienen zurück. Während es etwa 1975 nur noch sieben amerikanische Städte mit Straßenbahnen gab, sind sie heute wieder in 34 Ballungsräumen als Massenverkehrsmittel präsent. In fünf weiteren sind Linien in Bau, noch mehr befinden sich in der Planungsphase. Auch in Frankreich und Großbritannien setzen immer mehr große Kommunen wieder auf die Tram.

Mehrere Faktoren haben diesen Umschwung befördert. So sind die heutigen Generationen von Zügen nicht mehr mit den quietschenden Ungetümen von einst vergleichbar. Niederflurwagen, gepolsterte Sitze und hohe Laufruhe machen das Fahren zum komfortablen Vergnügen.

Längst wissen auch die Verkehrsökonomen, dass eine Straßenbahnlinie ab etwa 4000 Fahrgästen pro Werktag wirtschaftlicher ist als eine Buslinie. Dazu kommen Grenzen beim Ausbau der teuren U-Bahn. Oft fehlt das Geld, um das Netz noch weiter voranzutreiben. Zuweilen bremsen auch Grundwasserreserven oder archäologische Funde die Bohrfreude der Planer. Dann müssen oberirdische Ergänzungen einspringen. Im Zeichen wachsenden ökologischen Bewusstseins ist das immer öfter die Tram und nicht mehr der Autobus.

Dass die gute alte Straßenbahn den Herstellerfirmen wie Bombardier oder Siemens heute wieder volle Auftragsbücher beschert, ist also keine Folge von Marketing oder neuen Zielgruppen – es ist schlicht die späte Korrektur kulturbedingter Fehlplanung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 25.01.2015)

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