China: Das Problem mit den Schattenbanken

Der US-Ökonom Robert Engle warnt vor der unkontrollierten Rolle der Schattenbanken. Besonders in China wird der Sektor zunehmend zum Risikofaktor in der Wirtschaft.

Robert Engle
Schließen
Robert Engle
(c) EPA (FELIPE TRUEBA)

Wien. Die fragwürdige Rolle der sogenannten Schattenbanken rückt immer stärker in den Fokus. Unter dem Begriff werden Firmen zusammengefasst, die zwar Kredite vergeben und Einlagen verwalten wie Banken, aber keine Banken sind – und deswegen auch nicht wie Banken reguliert werden. Der US-Ökonom Robert Engle sieht vor allem in den chinesischen Schattenbanken ein Problem. Denn die von ihnen verwalteten Gelder sind „Öl ins Feuer des chinesischen Aktienmarktes“, so Engle im Gespräch mit der „Presse“.

 

Pfandleiher bis Mikrofinanz

Der Ökonom war kürzlich in Wien – auf Einladung der Universität Wien, die ihn mit der Oskar-Morgenstern-Medaille ausgezeichnet hat. Engle hat 2003 auch den Alfred-Nobel-Gedächtnispreis der Schwedischen Reichsbank erhalten, der oft verkürzt als Wirtschaftsnobelpreis bezeichnet wird. Der Ökonometrie-Experte ist bekannt für sein Modell, das die Risken auf dem Bankensektor messen soll. Wo derzeit die größten Risken liegen? „In Asien“, sagt Robert Engle.

„Die asiatischen Banken haben den größten Kapitalbedarf. Die US-Banken sehen heute hingegen besser aus, die europäischen auch, aber nur ein wenig besser“, so Engle. Das sei aber nur die halbe Geschichte – denn die Gefahr gehe von den Schattenbanken aus, die in China eine besondere Rolle spielen.

Einer Studie der Brookings Institution zufolge, können Schattenbanken viele Formen annehmen: vom Pfandleiher, der Familien und kleine Unternehmen mit Geld versorgt, bis zu Microfinance-Anbietern oder Vermögensanlageprodukten, wie sie in China beliebt sind. Je nach Schätzung ist der Schattenbankensektor in China umgerechnet zwischen zwei und sieben Billionen US-Dollar schwer. „Die Menschen in China können ihr Geld zu einer Bank bringen und dort anlegen. Dann bekommen sie vielleicht eine Verzinsung von einem Prozent. Oder sie können in so ein Anlageprodukt investieren. Dann bekommen sie mehr, vielleicht vier Prozent“, erklärt Engle.

Das Geld der Kunden werde in teils riskante Sektoren investiert, um die versprochene Rendite zu erreichen. Das Hauptziel für diesen Teil der chinesischen Schattenbanken war bisher der Immobiliensektor. „Aber der kühlt sich aktuell ab. Das Geld aus den Schattenbanken fließt derzeit auf den Aktienmarkt – und heizt dort die Kurse an.“ Man kann Schattenbanken aber nicht ohne „Banken“ schreiben. Denn die beiden Sektoren sind nicht so stark getrennt, wie es den Anschein hat.

 

Im Krisenfall ein Bank Run

Laut Brookings sind zwei Drittel der via Schattenbanken vergebenen Kredite eigentlich versteckte Bankkredite, die wegen der stärkeren Regulierungen und Reservevorschriften nicht offiziell vergeben werden konnten. Oft sind die als Schattenbanken fungierenden Unternehmen auch lediglich Tochterfirmen der Banken – die sogar in den Bankgebäuden angesiedelt sind.

„Viele dieser Vermögensanlagefirmen sind in denselben Gebäuden wie die Banken untergebracht. Oft wissen die Kunden gar nicht, dass sie einen Vertrag mit einer ganz anderen Firma abschließen – und verlassen sich auch auf die Garantien der Regierung, die aber nur auf die eigentlichen Banken zutreffen, nicht auf die Schattenbanken“, so Engle.

Die Gefahr: Wenn der Schattenbankensektor zu implodieren beginnt, könnte es zu einem klassischen Bank Run kommen, weil die Institutionen nicht allen Anlegern ihr Geld zurückzahlen können. Dann müssen sie Kredite einfordern und es käme zu einem Teufelskreis. Dann sei die entscheidende Frage: „Springt die Regierung ein oder nicht?“, so Engle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 31.10.2015)

Kommentar zu Artikel:

China: Das Problem mit den Schattenbanken

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen