Martin Walker: „Wir werden auch Sex mit Robotern haben“

Martin Walker wurde durch Krimi-Bestseller über den südfranzösischen Dorfpolizisten Bruno bekannt. In seinem Thriller „Germany 2064“ aber blickt er in die Zukunft – auf Basis einer hoch seriösen Studie.

Büros ohne Menschen: eine Vision, die Erfolgsautor und Berater Martin Walker keine Sorgen bereitet.
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Büros ohne Menschen: eine Vision, die Erfolgsautor und Berater Martin Walker keine Sorgen bereitet.
Büros ohne Menschen: eine Vision, die Erfolgsautor und Berater Martin Walker keine Sorgen bereitet. – (c) Clemens Fabry

Die Presse: Wie kam es zu diesem Roman?

Martin Walker: Ich nahm am A.-T.-Kearney-Projekt „Deutschland 2064“ teil und war davon begeistert. Wir blickten in die Zukunft und befragten die wichtigsten Entscheidungsträger. Politiker in Großbritannien oder Amerika denken nur bis zur nächsten Wahl. Hier aber kamen Angela Merkel und Sigmar Gabriel dazu, weil sie ehrlich interessiert waren. Das hat mich schwer beeindruckt: dass es hier Politiker gibt, die über die Zukunft reden wollen. Dann schrieben Kollegen den Bericht und sagten mir: Du bist doch Schriftsteller, mach etwas besser Lesbares draus! Der Roman soll provozieren.

 

Zum Beispiel mit Robotern, die sogar Polizisten ersetzen. Warum erwarten Sie keine Massenarbeitslosigkeit?

Weil wir Arbeit neu denken werden. Ein Beispiel: Wir wissen alle, wie entscheidend die ersten Lebensjahre für die Entwicklung von Kindern sind. Ihre Betreuer sollten echte Spezialisten sein und so viel verdienen wie ein Professor. Im Handel werden kleine, hochwertige Läden boomen, die handgefertigte Produkte anbieten, als Kontrast zur billigen Massenware. Was wir bei persönlichen Fitnesstrainern sehen, weitet sich aus: auf Lebens-Coaches, Freizeit- und Shoppingberater. Wir werden also neue Jobs finden.

 

In Ihrem Roman laufen die Deutschen mit Geräten und Sensoren herum, die jede Privatsphäre zerstören. Kämpfen Datenschützer auf verlorenem Posten?

In gewisser Hinsicht ja. Man müsste ja annehmen: Leute, die so um ihre Privatsphäre besorgt sind, wollen nicht mit etwas herumlaufen, mit dem man ihre Spur verfolgen kann. Aber genau das tun wir alle längst mit unseren Handys. Wir haben das akzeptiert. Für Implantate, die unsere Gesundheitsdaten messen, wird es starke finanzielle Anreize geben: weniger Krankenversicherung. Dennoch werden immer mehr Leute aus der Hightech-Gesellschaft aussteigen wollen. Ich sehe eine wachsende Kluft im Lebensstil zwischen Stadt und Land. Vielleicht kommt auch eine kulturelle Revolte, so wie 1968.

 

Deutschland hat eine der niedrigsten Geburtenraten der Welt. Wie lässt sich das Problem der Überalterung lösen?

Zu Beginn unserer Beratungen nahm die deutsche Regierung an, dass die Bevölkerung bis 2050 von 81 auf unter 70 Millionen schrumpfen wird. Ich sagte ihnen: Da liegt ihr falsch! Schon in der Eurokrise hatte Deutschland eine Nettozuwanderung von 380.000 Menschen pro Jahr. Das genügt, um die Bevölkerungszahl stabil zu halten. Durch Merkels kühne Entscheidung, so viele Flüchtlinge aufzunehmen, ist alles möglich. Wo es in Europa demografische Probleme gibt, wird Migration die Lücke füllen.

 

Sie gehen davon aus, dass die Globalisierung den Rückwärtsgang einlegt. Warum?

Wir sind durch die hektische Phase der Globalisierung gegangen: Der Aufstieg Chinas, der Fall des Kommunismus, Datenaustausch, globale Wertschöpfungsketten – das kam alles zusammen. Aber so ein Tempo lässt sich nicht aufrechterhalten, das ging schon in Japan und Südkorea nicht. Die Hype-Nachfrage Chinas, die Brasilien und Schwarzafrika angetrieben hat, ist vorbei. Der Ölpreis kollabiert. Bei der Öffnung des Welthandels geht nichts mehr weiter. Dazu kommt: Genau die Massenprodukte, die man heute in Niedriglohnländern produziert, kann man künftig auch bei uns in Fab Labs mit 3-D-Druckern herstellen. Das ist Teil der A.-T-Kearney-Prognosen. Meine Fantasie kommt im Roman dazu: Um die Waren auf einen Kunden zuzuschneiden, sehe ich neue Handwerksbetriebe aus dem Boden schießen.

 

Afrika versinkt in Ihrer Vision in einem Chaos aus Bürgerkriegen, Hungersnöten und Epidemien. Warum so pessimistisch?

Afrika hat riesige Probleme: mit seinen Machthabern, Stammesfehden, den Religionskriegen zwischen Muslimen und Christen. Dazu kommen die anhaltende Bevölkerungsexplosion und eine totale Umweltzerstörung. Keine andere Weltregion trifft der Klimawandel so schlimm. Das Versprechen, das man dort gesehen hat, lässt sich kaum einlösen – so sehr ich es wünschen würde.

 

Müssen wir dann nicht mit noch viel stärkeren Flüchtlingswellen rechnen?

Die Bevölkerungszahl explodiert nur südlich der Sahara. Von dort wollen zwar viele nach Europa. Aber in Flugzeuge wird man sie nicht lassen. Boote kann man auf der langen Überfahrt stoppen. Sie müssten den Weg durch die Sahara wagen, wo sie auf extrem feindselige Muslime treffen. Eine Folge der aktuellen Welle wird sein, dass Europa dafür sorgt, dass es dazu nicht mehr kommt – oder nur auf eine organisierte, geordnete Weise.

 

Wie weit dürfen wir bei Robotern gehen?

Ich bin sehr bedrückt, dass wir das echte Tabu schon gebrochen haben: Roboter zum Töten einsetzen, was wir mit Drohnen tun.

 

Und im Mensch-Maschine-Verhältnis?

Wir bauen Beziehungen auf, nicht nur zu Menschen. Ich habe eine persönliche Beziehung zu meinem Hund und zu meiner alten Citroën-Ente, meine Töchter zu ihren Handys. 2003 war ich als Journalist im Irak, mit US-Soldaten, die Roboter als Sprengstoffdetektoren verwendeten. Als einer davon in die Luft ging, haben sie ihn begraben, fast wie einen toten Kameraden. Polizisten werden die Nächsten sein, die künstliche Intelligenz nutzen, und sie werden unweigerlich Beziehungen zu ihren „Assistenten“ aufbauen. Erinnern Sie sich: Was hat das Internet groß gemacht? Zocken und Pornografie. Ich habe den Verdacht: Wir werden auch Sex mit Robotern haben. In Japan kann man schon Sexroboter kaufen. So sind wir eben!

 

Gibt es Unterschiede zwischen Menschen und Robotern, die für immer bleiben?

Roboter müssen rational sein, wir nicht. Unsere Gedanken sind beeinflusst von Ängsten, Ehrgeiz, Gier, Hass, Liebe. Wie werden rein rationale Kreaturen zu uns verrückten Menschen stehen? Vielleicht können wir ihnen Erinnerungen verschaffen und sie damit zu Persönlichkeiten formen. Aber ein Unterschied ist kaum zu beheben: Wir lügen ständig, Roboter können das nicht. Es würde sie schizophren machen. Denn sie müssten zwei widersprüchliche Gedanken zugleich denken. Über diese Fähigkeit hat man übrigens schon den Intellektuellen definiert.

 

Ist das rein Rationale wünschenswert?

Nein. Reine Rationalität kann sehr gefährlich sein. Wenn Roboter für eine Regierung mit bösen Zielen arbeiten. Oder wenn Roboter überzeugt sind, dass die wirkliche Gefahr für das Leben auf der Erde die Menschen sind. Denken Sie an die Umweltkatastrophen, die uns drohen. Wenn wir sie nicht in den Griff bekommen – wen will ein rationales Wesen dann loswerden: Wale oder Menschen?

 

Leben Sie lieber jetzt als 2064?

Ich hoffe, ich erlebe das noch, durch die Fortschritte der Medizin! Große Sorgen mache ich mir nicht. Schauen Sie: Ihr Hirn ist schon ganz anders als das Ihres Großvaters. Er lernte wahrscheinlich nur ein paar hundert Menschen kennen. Bei Ihnen sind es wohl jetzt schon 10.000, und übers Internet sind Sie mit noch viel mehr verbunden. Das verändert Gehirne. Junge Leute beugen sich ständig über ihre Handys. Sie machen Dinge gleichzeitig, haben eine kürzere Aufmerksamkeitsspanne – und fühlen sich wohl dabei. Was auch immer kommt: Wir passen uns an. Und vergessen Sie nicht die wirklich große Änderung: Wenn wir alle selbststeuernde Autos haben, können wir am Abend im Gasthaus so viel trinken, wie wir wollen!

("Die Presse", Print-Ausgabe, 07.11.2015)

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