Wien. Auf das ruhige Gewissen ist auch kein Verlass mehr. Lange redeten sich die Steuerzahler und edlen Spender in den Industrieländern ein, ihre geschenkten Milliarden an Entwicklungshilfe seien das Menschenmögliche, um die Bewohner der dritten Welt aus Hunger, Armut und Unterentwicklung zu befreien. Wenn vieles dann doch nicht fruchtete und Geld in dunklen Kanälen versickerte, lag es eben an „denen da unten“, in Afrika. Hauptsache, das eigene Gewissen war beruhigt.
Diese Gewissheit wurde in den letzten Jahren erschüttert. Zahlreiche Volkswirte fuhren schwere Geschütze auf: Entwicklungshilfe bewirke ganz grundsätzlich das Gegenteil von dem, was sie bezwecke. Sie schaffe eine Mentalität der Abhängigkeit, höhle die Privatwirtschaft aus, verringere die Wettbewerbsfähigkeit, unterstütze korrupte Regierungen und zementiere autoritäre Regime.
Populär resümiert hat diese Attacken jüngst die US-Ökonomin Dambisa Moyo in einem Aufsehen erregenden Buch, das die „Presse“ ausführlich diskutierte. Ihr provokanter Appell: Am meisten könnte der Westen helfen, wenn er seine Zahlungen komplett einstelle.
Seitdem gehen die Wogen hoch. Moyos Gegner schäumen: Sie wolle sich nur ins Rampenlicht drängen und gefährde damit mutwillig die Hilfszahlungsmoral westlicher Bürger und die Aufbauarbeit tausender Organisationen.
Bildung und Infrastruktur wirkt
Nun spricht eine Publikation des Internationalen Währungsfonds (IWF) ein salomonisches Urteil. Ihre Autoren betonen, sie seien die ersten, die das Zahlenmaterial sauber in zwei Arten von Hilfe sortieren: solche, von der sich vernünftigerweise erwarten lässt, dass sie das Wirtschaftswachstum fördert, und solche, für die das nicht gilt.
Kein positiver Effekt zu erwarten sei etwa dann, wenn ein westliches Land mit geostrategischen Interessen einer Dritte-Welt-Regierung das Budget saniert, um sich seiner Unterstützung zu versichern – und die Gelder dann womöglich im Militäretat landen. Echte Entwicklungshilfe, die ihren Namen verdient, steuert die Mittel hingegen gezielt in Projekte, die solides Wachstum fördern: in Bildung, Bewässerung, Krankenhäuser, Straßen und Brücken.
In früheren Berechnungen wurden beide Arten von Hilfe in einen Topf geworfen. Das Ergebnis: Die negativen Effekte hoben die positiven auf, Entwicklungshilfe erschien in Summe als wirkungslos.
Zudem gehe selbst die richtig gewählte Saat erst nach Jahrzehnten auf. Auch das hätten frühere Studien, die zu rasche Effekte erwarteten, übersehen. Die IWF-Forscher untersuchen bilaterale Zahlungen von 1960 bis 1990 als Ursache und das Wachstum im Empfängerland in den 90er-Jahren als Wirkung. Die Korrelation im Ländervergleich ist eindeutig und überraschend stark: Jeder zusätzliche Prozentpunkt am Volkseinkommen, den ein Land an echter Entwicklungshilfe erhielt, führte zu einem um 1,2 bis 1,3 Prozent höheren Wachstum.
Wie aber lässt sich die „echte Entwicklungshilfe“ aus den Geldflüssen herausfiltern? Die IWF-Ökonomen Camelia Minoiu und Sanjay Reddy bedienen sich eines Tricks: Sie unterscheiden nach den Staaten, aus denen die Mittel kommen, mit Hilfe bewährter Länderrankings, die die Qualität der Mittelvergabe messen.
Aus diesen Rankings ist bekannt, dass die problematischen Geberländer solche mit starken geopolitischen Interessen sind. Dazu zählten im betrachteten Zeitraum frühere Kolonialmächte wie Frankreich, Großbritannien und Belgien, die sich ihre Einflusssphären sichern wollten. Die Großmacht USA hingegen pumpte ein Drittel ihrer Mittel in den Nahen Osten, vor allem nach Ägypten und Israel. Die Japaner überwiesen nur an jene Länder, die in der UNO mit ihnen stimmten. In dieser Gruppe von Geberländern war die Wirkung der Hilfe höchst zweifelhaft, im besten Fall neutral.
Ganz anders bei den skandinavischen Staaten, die Entwicklungshilfe frei von Eigeninteressen betreiben – „nur“ um Hunger zu bekämpfen, Demokratie zu fördern und Wohlstand aufzubauen. Sie verteilen (bis heute) relativ kleine Einzelbeträge für konkrete Projekte in einer Vielzahl von Empfängerländern, die sie freilich sorgfältig prüfen und auswählen.
Österreich als Musterschüler
Der oben genannte Wachstumshebel von 1:1,3 ergab sich bei einer etwas größer gefassten Gruppe von Geberländern – darunter auch Österreich, das somit zum weiteren Kreis der „Musterschüler“ zählt. Im Übrigen hat multilaterale Hilfe von internationalen Organisationen einen deutlichen schwächeren Effekt als solche von Staat zu Staat – ein interessantes, von den Autoren aber näher nicht interpretiertes Detail.
Auch insgesamt bleiben in der kurzen IWF-Arbeit viele Fragen offen. Doch der signifikante Effekt, der sich aus dem Zahlenmaterial ergibt, bewirkt zumindest eines: Der folgenschwere Generalverdacht, dass Entwicklungshilfe schon aus prinzipiellen Gründen kontraproduktiv sei, ist damit deutlich entschärft – vorerst, wie stets in der Welt der Wissenschaft.
■Geld für die Dritte Welt wirkt nach Berechnungen von IWF-Ökonomen langfristig als Hebel für Wirtschaftswachstum, wenn es für Projekte im Bereich Bildung und Infrastruktur eingesetzt wird. Vorbild dafür ist Skandinavien.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2009)
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