„Fünf Millionen Jobs gehen verloren“

Industrie 4.0. Das Weltwirtschaftsforum erwartet hohe Jobverluste durch Roboterisierung.

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Wien. Durch Digitalisierung und Roboterisierung – Industrie 4.0 – werden bis 2020 zwei Millionen neue Arbeitsplätze entstehen – aber sieben Millionen verloren gehen. Unter dem Strich bleibt also ein Verlust von fünf Millionen Jobs in den nächsten vier Jahren. Zu diesem ernüchternden Schluss kommt eine noch unveröffentlichte Studie des Weltwirtschaftsforums, die am Wochenende in deutschen Medien zitiert wurde.

Die Prognose beruht auf einer Umfrage unter Topmanagern aus den 350 weltgrößten Konzernen. In Industrie-Stellungnahmen war bisher oft erklärt worden, die vierte industrielle Revolution werde zwar niedrig qualifizierte Arbeitsplätze kosten, im Gegenzug aber mehr höher qualifizierte Posten schaffen, als auf der unteren Ebene wegfallen.

Mit dieser Vorstellung räumt die Umfrage des Weltwirtschaftsforums auf: Gefährdet seien in den nächsten Jahren weniger Jobs in der Produktion als solche in den Bereichen Verwaltung und Dienstleistung. Der Grund: In der produzierenden Industrie seien Abläufe schon weitgehend automatisiert und roboterisiert. Klassische Fließbandtätigkeiten werden beispielsweise schon längst von Maschinen ausgeführt.

Am stärksten gefährdet sind jetzt Bürotätigkeiten, die bisher von der Automatisierung kaum erfasst wurden. Aber auch Berufe, bei denen Automatisierung bisher nur in bescheidenem Ausmaß möglich war, werden nach Ansicht von Experten schwer leiden. So stehen beispielsweise hinter den Büroberufen an zweiter Stelle in der Gefährdungsskala Verkehrsberufe. Hier werden selbstfahrende Autos, mit denen schon heftig experimentiert wird, für ernste Jobprobleme beispielsweise bei Taxifahrern oder Lkw-Lenkern sorgen.

Allerdings wohl noch nicht in den nächsten vier Jahren. Hier rechnen Experten eher mittelfristig mit deutlichen Auswirkungen. Das trifft auch für Beschäftigte bei Post- und Paketdiensten zu. In diesem Sektor experimentieren ja zahlreiche Unternehmen mit automatisierten Zustellmethoden, etwa mit Drohnen. Starke Einbrüche erwarten Experten auch in den Bereichen Gastronomie und Hotellerie.

Die Umfrage des Weltwirtschaftsforums, die den Wegfall von fünf Millionen Jobs bis 2020 (die meisten davon wie gesagt im White-Collar-Bereich) prophezeit, beschreibt nur die erwarteten Auswirkungen der Digitalisierung auf die unmittelbare Zukunft. Auf mittlere Sicht von 20 Jahren dürfte das Job-Massaker viel stärker ausfallen. Eine Deloitte-Untersuchung über das Automatisierungspotenzial aus dem Vorjahr kam zu dem Schluss, dass auf Sicht von 20 Jahren jeder zweite Arbeitsplatz gefährdet sei. Sie deckt sich damit mit Aussagen deutscher Industriemanager, die in ihren Unternehmen (etwa bei VW) den Wegfall von 50 Prozent der Produktionsarbeitsplätze vorhersagen. Halbwegs in Sicherheit wiegen können sich nur jene, deren Tätigkeit auf Fähigkeiten wie etwa Verhandlungsgeschick oder Durchsetzungsfähigkeit beruhen – solche Eigenschaften lassen sich zumindest derzeit noch nicht digitalisieren.

Verteilungsfrage ungeklärt

Wenn es so dick kommt, dann wird sehr bald die Verteilungsfrage auftreten: Experten gehen davon aus, dass der Wohlstand insgesamt durch die Digitalisierung deutlich zunehmen werde. Aber nur dann, wenn sich der Digitalisierungsgewinn nicht ausschließlich bei den Roboterbesitzern kumuliert.

Das liegt unter anderem daran, dass die Wirtschaft der Industrieländer stark konsumgetrieben ist, Maschinen aber als Konsumenten ausfallen. Zudem werden die Sozialsysteme überwiegend über Steuern und Abgaben auf ausschließlich menschliche Arbeit finanziert. Dieses System müsste bei Eintreten der skizzierten Entwicklung zusammenbrechen.

Schon jetzt hat die Digitalisierung gravierende Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt: Die Mitte bricht weg. Arbeitsplätze in digitalisierten Betrieben sind extrem polarisiert: Einer kleinen Schicht von sehr gut bezahlten Spezialisten steht eine wachsende Zahl an sehr schlecht bezahlten prekären Arbeitsverhältnissen gegenüber. Als Beispiel gilt der globale Taxikonzern Uber, dessen Fahrer praktisch zur Gänze in prekären Arbeitsverhältnissen stecken. (ju/red.)

("Die Presse", Print-Ausgabe, 18.01.2016)

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