Analyse: Amerika wird zum Opfer der Globalisierung

Amerikas Arbeiter leiden unter der Globalisierung stärker als gedacht, sagen US-Ökonomen. Das liege an den USA selbst, kontern deutsche Forscher.

Ford Motor Co. Makes Announcement At Assembly Plant
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Ford Motor Co. Makes Announcement At Assembly Plant
Der US-Autobauer Ford verlagert mehr Jobs ins Ausland, um international wettbewerbsfähig zu bleiben. – (c) Bloomberg (Luke Sharrett)

Wien. Europa mauert sich ein. Nicht nur politisch, auch wirtschaftlich feiert die antiquierte Idee der Abschottung in westlichen Staaten ein unverhofftes Comeback. In Brüssel gehen Tausende auf die Straße, um gegen den Freihandel mit den USA zu protestieren. In Österreich ruft die Sozialdemokratie nach geschlossenen Grenzen, um uns vor günstigeren Arbeitern aus Osteuropa zu bewahren. Und in den USA verspricht der milliardenschwere Präsidentschaftskandidat Donald Trump pauschal 45 Prozent Zoll auf Waren aus China – und gewinnt bei den Republikanern so Vorwahl um Vorwahl.

Nicht nur polternde Populisten prügeln auf die Globalisierung ein, auch ernsthafte Ökonomen bezweifeln langsam, dass der Freihandel wirklich so gut ist, wie sie die längste Zeit behauptet haben.

US-Industrie ohne Abnehmer

Der freie Handel mit der Volksrepublik China hat den amerikanischen Industriearbeitern in Summe mehr geschadet als genutzt, schreiben die Ökonomen David Autor (MIT), David Dorn (Zürich) und Gordon Hanson (NBER) in einer aktuellen Studie. Bisher ist die Wirtschaftswissenschaft fast einhellig davon ausgegangen, dass die Billigkonkurrenz aus China westliche Arbeiter zwar in einigen Industriezweigen in Bedrängnis bringe, diese aber rasch in wettbewerbsfähige – und lukrativere – Branchen ausweichen könnten.

Bis Ende der 1990er-Jahre ist diese Rechnung auch aufgegangen. Spätestens seit dem China-Boom stimme das nicht mehr, so die Argumentation. Der Grund: Nach dem Zweiten Weltkrieg begannen ähnliche Staaten miteinander Freihandel zu treiben. Die Volkswirtschaften konnten sich spezialisieren – vom stärkeren Warenaustausch profitierten die Arbeiter auf beiden Seite der Grenze. Die Öffnung nach China habe hingegen einseitig der Volksrepublik genutzt, schreiben die Autoren. Hunderte Millionen Chinesen haben so die Chance bekommen, sich aus der Armut emporzuarbeiten. In den USA hätten die Importe aus China hingegen 44 Prozent der Arbeitslosigkeit in den betroffenen Branchen verursacht. 1000 Dollar an zusätzlichen Importen hätten 500 Dollar an niedrigeren Einkommen in den USA zur Folge gehabt. Die Hoffnung, dass diese Effekte durch einen Aufschwung der US-Exportwirtschaft kompensiert würden, erfüllte sich nicht.

Ricardos Fehler?

War David Ricardos Überzeugung, dass Freihandel stets beiden Seiten nütze, also nicht mehr als ein historischer Trugschluss?

Mitnichten, sagen drei deutsche Ökonomen, die dieser Tage eine Studie zu demselben Thema publiziert haben. Amerikas Leid sei zu einem großen Teil selbst verschuldet, sagen sie. In Deutschland sehe die Lage hingegen komplett anders aus, schreiben Wolfgang Dauth (Würzburg), Sebastian Findeisen (Mannheim) und Jens Südekum (Düsseldorf). Sie haben sich die Erwerbsbiografien von deutschen Fabriksarbeitern zwischen 1990 und 2010 im Detail angesehen. Dabei zeigt sich: Die steigende Internationalisierung war gut für deutsche Arbeiter, ihre Einkommen sind gestiegen.

Das gilt freilich nur in Summe und nicht für jene Branchen, die stark von der neuen Konkurrenz betroffen waren. „Besonders benachteiligte Arbeiter, wie jene in der Textil- oder Spielzeugindustrie, haben natürlich Einkommen verloren“, sagt Studienautor Jens Südekum zur „Presse“. Und zwar ganz egal, ob sie in ihrem alten Job geblieben sind oder den Betrieb und die Branche gewechselt haben. Der einzige Unterschied: Wer auf dem sinkenden Schiff geblieben ist, verliert bis heute Einkommen. Wer rasch seinen Job aufgegeben oder (meist) verloren hat, fiel zwar erst tiefer, hat die „Aussitzer“ mittlerweile aber schon eingeholt.

Grenzregionen holen stark auf

In Deutschland konnten die „positiven Effekte in der exportorientierten Industrie diesen Rückgang mehr als ausgleichen“, sagt Südekum. In anderen Worten: Es verloren zwar viele Arbeiter ihren Job, allerdings konnten die Profiteure der Globalisierung (etwa die Autoindustrie) deutlich mehr neue Jobs schaffen. Den USA ist das – damals wie heute – nicht gelungen. Nach 2000 gab es kaum spürbare Exporte aus den USA nach China. Noch heute weist das Land ein gewaltiges Handelsbilanzdefizit auf. „Solange sie deutlich mehr konsumieren als produzieren, wird sich nichts verbessern“, sagt der Ökonom.

Und Österreich? Haben die heimischen Arbeiter Grund zur Sorge vor offenen Grenzen? In Summe mit Sicherheit nicht, legen die Arbeiten des Schweizer Ökonomen Marius Brülhart nahe. Er hat sich exemplarisch Österreichs „kleine Globalisierung vor der Haustür“ nach dem Fall des Eisernen Vorhangs angesehen.

Zwischen 1990 und 2002 hat Österreichs Wirtschaft demnach von der Öffnung der Grenzen Richtung Osten stark profitiert. Mehr noch: Vor allem die Grenzregionen, die heute am lautesten nach neuen Schranken rufen, hätten in dieser Zeit stark aufholen können. In Orten, die maximal 25 Kilometer von der Ostgrenze entfernt liegen, sei das Einkommen um fünf Prozent und die Erwerbsquote um 13 Prozent schneller gestiegen als im Rest des Landes. Wichtig ist: Die spätere Öffnung der Grenzen für Arbeitnehmer aus dem Osten haben diesen Trend sicher etwas beeinträchtigt. Gänzlich umkehren konnte sie ihn aber nicht.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.02.2016)

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