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Praktikanten-Bericht erschüttert Londoner Bankenszene

13.07.2009 | 18:14 |   (Die Presse)

Der aufsehenerregende Bericht eines Londoner Schülers zur Mediennutzung von Jugendlichen stellt einige Einschätzungen professioneller Analysten auf den Kopf.

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Wien (mar). Für Unternehmen zahlt es sich aus, Praktikanten zu beschäftigen. Sie bringen in der Regel gehörigen Respekt vor dem Arbeitgeber mit, sammeln Punkte für den Lebenslauf und verrichten Handlangerdienste, für eine Handvoll Euro oder völlig umsonst. Nur noch selten kommt es vor, dass ein Praktikum in eine Beschäftigung übergeht. Noch viel seltener ist es aber, dass die Arbeitsergebnisse eines Praktikanten über den jeweiligen Einsatzbereich hinaus Wellen schlagen – oder sogar internationale Aufmerksamkeit erlangen. Die Rede ist diesmal nicht von der berühmtesten Praktikantin der Welt, nach deren Beschäftigung im Weißen Haus US-Präsident Bill Clinton 1999 am Rande des Rücktritts stand. Sondern von einem englischen Teenager, der gerade Erfahrungen bei der Londoner Niederlassung der US-Bank Morgan Stanley sammelt.

Ein Bericht erschüttert die „City“

Der 15-jährige Matthew Robson sollte probeweise einen kurzen Analystenbericht schreiben. Niemand hat erwartet, was dabei herauskam: Der Report beinhalte „einige der klarsten und aufrüttelndsten Ansichten, die uns bisher begegnet sind“, kommentiert Edward Hill-Wood, Analyst bei Morgan Stanley: „Also haben wir sie veröffentlicht.“

Daraufhin sorgte der Text für eine Resonanz, mit der ebenfalls niemand gerechnet hatte. Die „Financial Times“ (FT) brachte ihn am Montag auf der Titelseite, das Interesse unter Medienmanagern und Investoren ist riesig. „Wir haben viele Dutzend Fondsmanager und Geschäftsführer, die uns nun täglich anrufen“, wird Hill-Wood in der „FT“ zitiert. Dann gibt er zu, dass das Feedback, das der Text des Schülers bekommt, fünf bis sechs Mal größer sei als bei den „üblichen“ Berichten von Morgan Stanley. Der „Guardian“ meldet, dass der Report die „City“, das Londoner Bankenviertel, erschüttert – und ganz nebenbei auch die Arbeit der professionellen Analysten desavouiert.

Im Mittelpunkt des Textes steht die Mediennutzung junger Menschen, was wiederum Rückschlüsse auf die Geschäftsaussichten einzelner Medien erlauben soll. Anders als bei klassischen Marktanalysen üblich, werden die umfangreichen Statistiken der Jugendforschung links liegen gelassen. Matthew Robson bekam schlicht die Aufgabe, die Mediennutzung seiner Freunde zu beschreiben. Zum Teil bestätigen seine Aussagen allgemein bekannte Trends – und zum Teil stehen sie im direkten Widerspruch dazu.

So bestätigt Robson, dass sich junge Zielgruppen von den klassischen Medien – Print, Radio, Fernsehen – abwenden und stattdessen auf elektronische Medien setzen. Kaum noch jemand höre regelmäßig Radio: Musik als wichtigste Nutzungsmotivation gebe es auch per Livestream, im Internet lasse sich die Abfolge der Lieder individuell und werbefrei zusammenstellen. Dasselbe gelte auch für das Fernsehen – zwar seien Fußball, bestimmte Shows und Serien nach wie vor beliebt, aber die individuelle Filmauswahl per DVD oder das zeitunabhängige Herauspicken einzelner Programmbestandteile als Podcasts gewinne ständig an Reichweiten. Auch gedruckte Medien kommen nicht gut weg: Teenager seien nicht bereit, große Zeitungen zu lesen und vor allem zu bezahlen, schreibt Robson.

Aber vor allem im Hinblick auf die elektronischen Medien stehen die Beobachtungen des 15-Jährigen im direkten Widerspruch zu den gängigen Meinungen des Marktes. Am schlechtesten kommt Twitter weg – ein Portal für persönliche Kurzmitteilungen, das lange als der neue große Trendsetter gegolten hat. Das Fazit von Robson ist vernichtend: „Teenager nutzen Twitter nicht.“ Es sei für sie einfach zu teuer und nutzlos, per Handy ihr Profil zu pflegen, da es sowieso niemand betrachte. Dagegen seien sie gerne bereit, Geld für Videokonsolen, Kino und Konzerte auszugeben.

Eine Frage bleibt offen: Wer soll die kostspieligen, aber umsonst vertriebenen Inhalte finanzieren? Der Bericht macht deutlich, dass Jugendliche bezahlte Inhalte vehement ablehnen. Und für Werbung als das zweite Finanzierungsmodell haben sie – in klassischen Medien, und noch mehr im Internet – ebenfalls nur Verachtung übrig. s. auch S. 25

auf einen blick

Praktische Medienanalyse. Ein 15-Jähriger hat während seines Praktikums bei Morgan Stanley die Mediennutzung seiner Freunde beschrieben – und sorgt nun mit dem Text für Furore im Londoner Bankenviertel. Der Bericht bestätigt die schlechten Aussichten für klassische Medien, erteilt aber auch einigen Onlinemedien wie dem großen Hoffnungsträger „Twitter“ eine vernichtende Absage. Das Fazit: Jugendliche lehnen bezahlte Inhalte ebenso ab wie Werbung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.07.2009)

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11 Kommentare
Gast: coco
23.07.2009 13:31
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Wo ist die Überraschung

Es ist doch so wie immer: Jugendliche finden alle Wege, Dinge kostenlos zu konsumieren. Als ich jung war hatten wir vom Radio auf Cassette aufgenommen, kaum jemand hat sich Platten gekauft. Selbstverständlich hatte auch niemand von meinen Freunden ein Tageszeitungsabo. Und an Werbung war freilich auch niemand interessiert. Und ganze Radiosendungen abgeshen von "Musicbox" hat doch auch niemand angehört.

Mit den selben Angeboten hätten die Jugendlichen vor 500 Jahren exakt das selbe getan wie heute: Blödsinn machen, Musik hören, spielen, auf Konzerte gehen und logischerweise möglichst wenig Geld ausgeben, weil man ja typischerweise wenig davon zur Verfügung hat. Das ist so, das war immer so und soll auch so bleiben.

Ich halte nicht viel von der Nabelschau in Social Networks, aber es ist auch unter Jugendlichen so, dass ein Freundeskreis eben bestimmte Dinge bevorzugt und andere ablehnt, der andere wieder genau umgekehrt. Twitter wird halt in diesem Freundeskreis weniger im Trend liegen; dieser Punkt ist aber wohl nicht repräsentativ.

Ich stelle mir eher die Frage wie blöd die "offiziellen" Analysten sind, wenn das eine Überraschung sein soll.

Gast: Konrad
15.07.2009 12:30
0 0

Ein Schlag ins Gesicht

aller sogenannter (meist selbst ernannter) "Experten" von denen es in den Medien nur so wimmelt. Ganz schlimm bei denen, die z.B. von der Presse oder dem ORF als solche bezeichnet werden. Am Schlimmsten bei den "Experten" der diversen NGOs denen in den meisten Faellen fuer ihre Fachgebiete selbst rudimentaere Ausbildung fehlt. Dann doch lieber einen Praktikanten wir diesen, der den Leuten aufs Maul schaut. Wie sagte doch schon mein frueherer Chef ? "Wenn ich die Meinung des Volks wissen will dann frag ich meine Putzfrau".

Gast: Dral
14.07.2009 22:29
0 0

Meeeein Reeden!

Also ich bin selbst neunzehn und ich kennst von kumpels, werbung ist das LETZTE! problemchen! ;) verachtung ist das falsche wort, sie interessiert nur nicht da man stumpf wird für sowas. Ob die Werbung weiterhin effekt hat sei dahin gestellt. Was Bezahlen generell angeht muss ich dem zustimmen. Jedoch bin ich mir sicher, das wenn nich zwischen Künstler und Konsument diese dicke industrie wäre würde man auch eindeutig, zwar nich mehr, aber öfters bezahlen!

Gast: Auslandsösterreicher
14.07.2009 10:31
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Das hat System!

Ohne Studie eine "anerkannten" Firma geht Heute gar nichts.
Die besten Ideen werden nicht umgesetzt, weil es dazu keine IMAS Studie gibt!

Wie ich Anfangs erwähnte. Das Ganze hat System. Viele dieser "Meinungsinstitute" gehören doch der Politik (Österreich ist da ja absolute SPITZE!) oder sind mit dieser verbandelt. Wir bestellen und zahlen! Ihr liefert!

Wie denn sonst sollte das Kartenhaus weiterhin bestehen?!

Gast: analyst (ehemaliger -)
14.07.2009 09:36
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ach ja ..

wie macht man eine analyse ?
der analyst geht ins archiv oder nimmt sich eine Zeitung und schreibt daraus ab .. und da das alle so machen, kommt halt dann ein Konsens heraus, der mit der realität oft nur zufällig zu tun hat ..

und deshalb zahlt es sich nicht aus analysen zu ernst zu nehmen, (ist aber interessant, weil es mancheslmal ganz nützlich ist, das gegenteil zu machen) sondern es ist besser die arbeit selbst zu machen und sein eigenes hirn (falls vorhanden -) einzuschalten -)

ach ja .. und natürlich auch die richtigen entscheidungen zu treffen und durchzuziehen -)

-also wer geht jetzt welche aktie short .. und kleine preisfrage, warum wäre das genau die falsche entscheidung -)-)

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und was hat MS dem neuen StarSchreiber nun als

Praktikantenhonorar bezahlt?

Gast: trainingsraum
13.07.2009 21:22
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best things in life are free

mißtrauen gegenüber bezahlten inhalten ist schon in ordnung. man kann das auch auf institutionalisierte religionen ausweiten (kirchensteuer).

werbung verachten alle. und am meisten die labelbewußten.

ansonsten wenig überraschend, daß ein 15-jähriger ergebnisse zutage fördert, die bärtigen analytikergurus entgehen, da sie das thema mit distanz betrachten, während der 15-jährige teil des analyseinhalts ist.

Antworten Gast: RealIst
14.07.2009 10:06
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Re: best things in life are free

Wenn niemand mehr für Inhalte bezahlt und es keine Werbung geben soll, wer wird dann noch Inhalte produzieren?

Und etwas top, völlig gratis und werbefrei ist, sollte man sich fragen, wo der Haken liegt...

Oder besser, in weiterer Folge: Würden Sie umsonst arbeiten?

Ich bin der Meinung: "Was' wiegt, das hat's" - nicht mehr und auch nicht weniger.

PS: Was das mit Religionen und Kirchensteuer zu tun hat, ist mir schleierhaft - oder sind Sie so ein manischer Kirchengegner, dass es in jedem Posting "raus muss"?

Gast: bauauge
13.07.2009 21:12
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das sieht man mal wieder

dass den leuten in den oberen etagen der gesunde menschenverstand völlig abhanden kommt.

wenn diesen bericht inhaltlich gleich jemand in einem blog oder zb hier bei der presse schreiben würde, liest es keiner oder man sagt halt: einzelmeinung

wenn aber morgan stanley das veröffentlich, dann muss es stimmen.

WAAAAAAAAA - HILFE

Igo
13.07.2009 20:24
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Twitter

..ja, und dann schreibt ein anderer Praktikant einen Analystenbericht mit völlig anderem Ausgang..
Stimmt schon, wird schon schwierig für einige Bereiche. Aber das wurde hoffentlich schon früher bemerkt. Gegensteuern ist oft schwierig, da man ja nicht ganz genau weiss, wohin die Fahrt geht.

Gast: hö
13.07.2009 19:25
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Mein Senf...

Seit wann ist es was Neues das Menschen lieber konsumieren als (im weitesten Sinne) schöpferisch tätig zu sein. Über die Repräsentativität kann ich nur mutmaßen. Achso neuster Trend: Web 2.0 nervt allgemein.