"Chinas Börse? Kasinos von Zockern"

Der China-Experte Xuewu Gu über übertriebene Ängste des Westens, künstliches Wachstum, Lernen aus Fehlern - und warum eine Revolte eher von den Reichen ausgehen könnte.

Chinesen machen sich gern geschönte Bilder von ihrem Land, der Westen malt schwarz. Professor Gu will beides vermeiden.
Schließen
Chinesen machen sich gern geschönte Bilder von ihrem Land, der Westen malt schwarz. Professor Gu will beides vermeiden.
Chinesen machen sich gern geschönte Bilder von ihrem Land, der Westen malt schwarz. Professor Gu will beides vermeiden. – (c) APA/AFP/GREG BAKER

Die Presse: Sind die Ängste um Chinas Wirtschaft berechtigt?

Xuewu Gu: Wenn man die Zeitungen liest, hat man den Eindruck, das Land stünde unmittelbar vor dem Abgrund. Und es habe das Potenzial, die ganze Welt mit herunterzureißen. Aber das ist übertrieben. China kollabiert nicht. Eigentlich stabilisiert es sich. Sicher, seit 2010 hat sich das Wachstum um 35 Prozent verlangsamt. Aber die Basis ist viel größer als früher. Auch 2015 war das zusätzliche Volumen mehr als doppelt so hoch wie die Wirtschaftsleistung Österreichs. Es kommen also jedes Jahr zwei neue Österreichs dazu.

 

Es hat starke Turbulenzen an den Börsen gegeben. Bilden sie die reale Marktentwicklung ab?

Der chinesische Aktienmarkt ist nicht vergleichbar mit dem, was wir in Europa oder Amerika haben. Er ist von der realen Wirtschaft total entkoppelt und isoliert. Das sehen Sie schon an den Kursen: Vor fünf Jahren, als Chinas Wirtschaft noch zweistellig wuchs, war der Aktienmarkt im Keller. Aber im Vorjahr, als das Land erhebliche Probleme bekam, hat sich der Aktienmarkt verdreifacht. Die Börsen sind hier Kasinos von Zockern, mit eigenen Spielregeln. Das hat zu dieser Achterbahnfahrt geführt. Aber die Verlierer tun mir nicht leid. Ich wär auch nicht traurig, wenn diese Casinos nach Las Vergas verschwinden. Chinas Unternehmen sind nicht auf Finanzierung durch Aktien angewiesen, sondern auf Kredite von Banken. Das ist fast die einzige Quelle. Deshalb ist das Kreditvolumen viel größer als in den USA.

 

Aber von der Börse abgesehen hat die Sorge doch gute Gründe.

China ist gestresst: durch hohe Verschuldung der Unternehmen, Überkapazitäten und einen massiven Exportrückgang. Aber die Inflationsrate ist eher niedrig. Schulden und Defizit des Staates würden Maastricht-Kriterien entsprechen. Das spricht eher für eine vernünftige Entwicklung.

 

Warum bricht das Wachstum ein?

Die Exportmärkte USA, Japan und EU lassen aus. Die Führung will einen Umbau, ein anderes Wachstumsmodell hin zu mehr Binnennachfrage. Ob das gelingt, ist offen.

 

Wurde das Wachstum davor künstlich hoch gehalten?

Ja. Der entscheidende Fehler war das Konjunkturprogramm als Reaktion auf die Finanzkrise. Da wurden fast 600 Mrd. Dollar in die Wirtschaft gepumpt. Das hat zu Investitionen geführt, die sich nicht gerechnet haben: in Immobilien, Infrastruktur und Branchen wie Stahl, Eisen oder Zement. Hier gibt es hohe Verschuldung und Überkapazitäten. Den staatlichen Unternehmen drohen Massenentlassungen. Die Führung verzichtet auf billiges Geld und setzt auf schmerzhafte Strukturreformen. Das ist notwendig und richtig.

 

Wird sich die Partei das trauen? Es könnte Unruhen auslösen, was Peking am meisten fürchtet.

Laut Plan führt eine rigorose Umstrukturierung zu sechs Millionen Arbeitslosen. Eine große Zahl aus europäischer Sicht. Aber auf China verteilt ist das nicht so viel. Viel Geld soll an Betroffene fließen. Ich rechne deshalb nicht mit Unruhen.

 

Schwächen die höheren Lohnkosten die Exporteure?

Auch, aber nicht so massiv. Denn die Produktivität ist stärker gewachsen, um drei bis fünf Prozent pro Jahr, durch mehr Kapitaleinsatz und technologische Kompetenz. Dadurch bleiben die Produkte konkurrenzfähig. Der Boom bei den Löhnen betrifft vor allem die Küstenstädte im Osten. Das interne Gefälle ist enorm. Weiter im Westen sind die Löhne so niedrig wie in Vietnam oder Bangladesch. Die Industrie verlagert sich dorthin, sie muss nicht abwandern.

 

In Japan und Südkorea war das Wachstum auf diesem Stand der Entwicklung noch höher, bei neun Prozent. Warum?

Der Unterschied ist die Armut. Vor drei Jahrzehnten, am Beginn der Öffnung, war fast die gesamte Nation arm. Um das abzubauen, braucht man noch 20 bis 30 Jahre. Noch immer leben 45 Prozent, rund 600 Millionen Menschen, auf dem Land. Sie aus der Armut zu befreien, ist eine riesige Aufgabe. Deshalb kann das Pro-Kopf-Einkommen nicht so schnell steigen wie früher in Japan und Korea.

 

Viele halten die Wachstumszahlen für falsch und geschönt.

Das ist ein billiges und bequemes Argument für Leute, die China nicht verstehen. Wer macht die Statistik? Die Abteilungsleiter haben im Westen studiert. Die Systeme wurden mit europäischer und amerikanischer Hilfe aufgebaut. Weltbank und CIA erfassen Daten zusammen mit den Chinesen. Will die Regierung manipulieren? Sie braucht eine ordentliche Statistik. Sonst hätte sie keine Chance.

Es kann eine richtige Statistik zum internen Gebrauch geben.

Eine solche zweite Fassung hat noch niemand gesehen...

Sie sprechen vom stillschweigenden Gesellschaftsvertrag: Die Chinesen verzichten auf politische Freiheit, solange die Führung für Wohlstand sorgt. Kann die Stimmung kippen?

Ja, wenn die Kommunisten bei der Modernisierung versagen. Die Unzufriedenheit steigt vor allem bei der Mittelschicht und den neuen Reichen. Sie leben in der Stadt und leiden unter der schlechten Qualität von Luft und Wasser. Sie üben Kritik in Foren, schicken ihre Kinder ins Ausland, besorgen sich dort Zweitwohnsitze. Das sind Zeichen von Ungeduld. Aber die Kritik erreicht kein Niveau, bei dem die ganze Bevölkerung aufsteht. Der Wohlstand nimmt ja weiter zu.

Der Protest regt sich also unter Menschen, denen es gut geht?

Genau. Deshalb versucht die Regierung, die Armen von den Reichen und Intellektuellen zu trennen. Zu einer Revolution kommt es nur, wenn sich Gruppen zusammenschließen: Die Unterschicht braucht Führer, die Elite Anhänger. Peking ist immer dabei, die obere Schicht zu korrumpieren und ins Machtsystem zu integrieren. Manche werden Berater, manche ergattern durch Eintritt in die Partei höhere Ämter. Professoren bekommen schöne Angebote als Würdenträger. Die Mehrheit der neuen Reichen ist mit dem System einverstanden, weil sie davon profitiert. Wer nicht mitmachen will, muss ins Gefängnis oder ins Ausland.

ZUR PERSON

Xuewu Gu (58) wurde in China geboren, wanderte aber schon als Student nach Deutschland aus. Der Politologe an der Uni Bonn ist auch ein gefragter Experte zu Chinas Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Breitere Bekanntheit erlangte er mit seinem Buch „Die Große Mauer in den Köpfen“. Auf Einladung des Konferenzunternehmens Business Circle kommt er am 21. April zum CFO-Forum nach Stegersbach im Burgenland. [ Uni Bonn ]

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.04.2016)

Kommentar zu Artikel:

"Chinas Börse? Kasinos von Zockern"

Schließen

Sie sind zur Zeit nicht angemeldet.
Um auf DiePresse.com kommentieren zu können, müssen Sie sich anmelden ›.

Meistgelesen