Amerikas Gigant wankt

US-Diskonter Walmart muss sich von Aldi und Amazon die Spielregeln des Handels neu erklären lassen. Dass seine Filialen als kriminelle Hotspots gelten, hebt die Stimmung auch nicht.

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Bald dürfte nicht nur Aldi, sondern auch Lidl dem US-Diskonter die preisbewussten Niedrig- bis Mittelverdiener Amerikas abfischen. – Jimmy Kets / Reporters / picturedesk.com

Walmart mag vielleicht nicht für den amerikanischen Traum stehen. Seine 4500 Supermärkte, die mit 24-Stunden-Öffnungszeiten, Gratiscamping auf dem Parkplatz und den tiefsten Preisen des Landes werben und bis vergangenen Herbst noch Sturmgewehre im Programm geführt haben, machen den weltgrößten Einzelhändler aber zum Abbild des amerikanischen Alltags der weniger gut betuchten Schicht zwischen Ost- und Westküste.

Das 1962 gegründete Diskonter-Urgestein kämpft dieser Tage jedoch mit den Marktgegebenheiten des 21. Jahrhunderts. Tausende Schnitte, sagte ein Firmenberater unlängst zum US-Nachrichtendienst Bloomberg, würden die Mitbewerber Walmart zufügen. Der Konzern muss hinterfragen, wie zeitgemäß sein Geschäftsmodell ist. Die zwei Angstgegner sind schnell ausgemacht: Sie heißen Aldi und Amazon. Der deutsche Diskonter zeigt dem Einzelhändler, wie tief Preise wirklich fallen können, der Seattler Tech-Konzern, wie richtiger Onlinehandel funktioniert.

Als Doug McMillon Anfang 2014 den Chefsessel des aus Arkansas stammenden Unternehmens bestieg, wusste er, was auf ihn zukam. Seitdem räumt er auf. Die Frage, die sich eineinhalb Jahre später stellt, ist nur, ob die Aufräumarbeiten nicht zu spät begonnen haben. Die Mindestlöhne wurden 2016 auf zehn Dollar pro Stunde angehoben, um wieder attraktiver für qualifiziertes Personal zu werden. Vernachlässigte Shops wurden sukzessive saniert oder geschlossen. Walmart verpasste sich eine Onlinestrategie und trieb die Installation von Abholstationen voran.

Nun griff McMillon zu noch stärkerer Medizin. Knapp drei Milliarden Euro blätterte er vergangene Woche für das Start-up Jet.com hin, das nach eigenen Angaben monatlich 400.000 Kunden dazugewinnt. Von dessen Chef, Marc Lore, der als Golden Boy des US-Onlinebusiness gehandelt wird, erhofft man sich das Talent und den Suchalgorithmus, um Amazons Vormacht zu brechen. Für Amerikas Medien ist das schwerste Eingeständnis in der Geschichte des Onlinehandels das Bekenntnis Walmarts, chancenlos gegen die Konkurrenz aus Seattle zu sein, was auch die Zahlen zu untermauern scheinen.


Auf das richtige Pferd gesetzt?
Ob das Pferdchen, auf das Walmart so riesige Summe gesetzt hat, ein zugkräftiges ist, muss sich erst erweisen: Bislang schrieb Lores Shoppingseite rote Zahlen. Das Schicksal jedes wirklich innovativen Unternehmens, könnte man sagen, wenn man sich Firmengeschichten wie jene von Amazon selbst oder vom Elektroautobauer Tesla ansieht. Auch sie lebten oder leben immer noch vom Vertrauensvorschuss ihrer Aktionäre.

Doch bei Jet.com liefen die Geschäfte in jüngster Zeit nicht rund. Lore verbrannte enorme Summen mit innovativen Bezahlmodellen, die zwar die Seattler unterboten, das Start-up aber gezwungen haben sollen, Produkte weit unter Einkaufspreis an seine Kunden weiterzugeben. So gestand Lore ein, dass sein Shoppingportal das verbrannte Kapital erst 2020 hereinholen werde. Ihm selbst kann das dank Walmarts panikgetriebener Milliardenübernahme herzlich egal sein. Mit ihr steigt er zum Chef von dessen Onlinevertrieb auf.

Hier holte man sich einen flinken, wenn auch nicht durchwegs erfolgreichen Taktierer an Bord. Im Fall des zweiten Gegners Aldi wird die Strategie anders aussehen müssen. Der deutsche Diskonter hält zurzeit bei rund 1500 Filialen in den USA. 2018 soll die 2000er-Marke geknackt werden. Gerade ist Aldi in Kalifornien gelandet und will von dort aus die Westküste erobern. Auf einem Zehntel der gigantischen Walmart-Shopflächen bietet er zu mehr als 90 Prozent billigere Eigenmarken an. Mehr als elf Milliarden Euro Jahresumsatz sollen die verschlossenen Deutschen laut externen Analysen bereits still und leise in den USA machen – und bei Lebensmitteln im Vergleich rund 19 Prozent billiger sein als die US-Konkurrenz. „Wir haben uns weit entfernt von der Zeit, als Walmart 15 Prozent Preisvorsprung gegenüber dem Rest des Marktes hatte“, sagte ein alteingesessener Handelsanalyst kürzlich zu Bloomberg. Walmart scheint dem Diskontspiel, dessen Regeln er in den USA selbst geschrieben hat, nicht mehr folgen zu können. Doch dieses Spiel wird noch härter werden: Aldis Rivale Lidl bereitet zurzeit seine US-Expansion vor.

Als erste Reaktion auf die stagnierenden Umsätze setzte Walmart ab 2000 den Sparstift an und reduzierte die Mitarbeiterzahl pro Quadratmeter drastisch. Mit ungewollten Nebenwirkungen: Der Name Walmart steht heute nicht nur für billiges Einkaufen, sondern auch für ein gefährliches Fleckchen amerikanischer Erde. Die Zahl der der Polizei gemeldeten leichteren Straftaten in und um die 4500 US-Filialen geht jährlich in die hunderttausend. Mehr als 200 schwere Gewalttaten – von Geiselnahmen und Schießereien bis hin zum Betrieb eines Drogenlabors – spielten sich seit Jahresanfang auf den Parkplätzen oder in den unterbesetzten, 24 Stunden beleuchteten Supermarktgängen ab. Die 2,4 Mrd. Euro, die Walmart in den nächsten zwei Jahren in Mitarbeitertrainings und Gehaltserhöhungen stecken will, werden von Beobachtern als richtiger Schritt bewertet. Um Dinge wirklich zu bewegen, müsste man das Mitarbeiter- und Sicherheitspersonal aber viel stärker aufstocken, lautet der allgemeine Tenor.

Der Ausnahmezustand, der trotz einer 2015 gestarteten Aufräumkampagne in der Gefahrenzone Walmart herrscht, ist der Zeitschrift „Bloomberg Businessweek“ eine ausführliche Reportage wert. Der darin begleitete Polizeioffizier sagt lakonisch: „Ich habe alle meine üblen Jungs an einem Fleck.“ US-Geschäftsführerin Judith McKenna betont: „Wir können das besser.“ Und der Rest bei Walmart schweigt.

Der Riese in Zahlen

4500

Filialen führt Walmart in den USA, 11.530 auf 28 Märkten weltweit.

2,4

Mrd. Euro will Walmart in den kommenden zwei Jahren in Gehaltserhöhungen und Ausbildungsprogramme investieren.

2,3

Millionen Angestellte hat der Konzern weltweit.

426

Mrd. Euro Gesamtumsatz und 13 Mrd. Euro Gewinn machte er im vergangenen Geschäftsjahr.

Der Unternehmensname leitet sich von Gründer Sam Walton ab, der 1962 die erste Filiale in Rogers, Arkansas, eröffnet hat.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 21.08.2016)

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