Schrumpfende Städte: Tabu der verlorenen Orte

In Deutschland empfehlen Ökonomen „Palliativmedizin“ für schrumpfende Städte. Sie haben keine Chance, weil sich die Jüngeren immer stärker in wenigen „Schwarmstädten“ zusammenrotten.

Eisenerz hat seit 2002 fast ein Drittel seiner Einwohner verloren – die höchste Quote einer Stadt in Österreich.
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Eisenerz hat seit 2002 fast ein Drittel seiner Einwohner verloren – die höchste Quote einer Stadt in Österreich.
Eisenerz hat seit 2002 fast ein Drittel seiner Einwohner verloren – die höchste Quote einer Stadt in Österreich. – (c) Die Presse/Clemens Fabry

Im Süden Sachsens, an der tschechischen Grenze, gibt es einen kleinen Weiler. Aber wohl nicht mehr lang: Nur noch zwei alte Frauen wohnen dort. Die Zufahrtstraße zum Dörfchen, das seine guten Zeiten lang hinter sich hat, führt über eine kleine Brücke. Sie wurde unlängst für stolze 600.000 Euro erneuert. Einzige Begründung: der Müll-Lkw, der einmal im Monat kommt. Seine Last müsse die Brücke sicher tragen, deshalb sei die Renovierung vonnöten. Der Bevölkerungsökonom Harald Simons nennt das absurd. Hätte man nicht auch organisieren können, dass ein Kleinwagen den Müll bis über die Brücke bringt?

Hinter der kleinen Anekdote verbirgt sich ein großes Thema: Deutschland schrumpft. Es werden viel zu wenige Kinder geboren, um die Bevölkerung langfristig konstant zu halten. Auch die Flüchtlingswelle des Vorjahres, die über eine Million zusätzliche Menschen ins Land gebracht hat, ändert daran auf Dauer nichts. Dazu kommt, dass es die Jungen scharenweise an einige wenige Orte zieht. Während sich Berlin, München und Hamburg, aber auch kleinere Städte wie Regensburg oder Münster des Andrangs kaum erwehren können und dort die Wohnungspreise in die Höhe schnellen, entvölkern sich ganze Landstriche. Demografen und Ökonomen sind sich ziemlich einig, wie man den Schrumpfungsprozess in strukturschwachen Regionen vernünftig organisiert: Nicht mit der Gießkanne jeder ausblutenden Kommune unter die Arme greifen, sondern jene Orte identifizieren, die noch Potenzial haben – und dort die Mittel konzentrieren. Für den Rest heißt das: sich darauf einstellen, dass die Zahl der Bewohner zurückgeht, und nur noch das Nötigste investieren.

Aber als Simons als Gutachter für das Land Sachsen im Juni von „Palliativmedizin“ sprach, war der Aufschrei in Medien und Politik groß. Dabei ist das Thema gerade in Ostdeutschland alles andere als neu. Teures Lehrgeld hat man dort schon vor zwanzig Jahren gezahlt. Nach der Wende flossen Unsummen in den „Stadtaufbau Ost“. Plattenbauten an den Stadträndern wurden aufwendig saniert – und einige Jahre später abgerissen, weil dort niemand mehr leben wollte. Das brachte das Bundesland Brandenburg später dazu, aus 40 Städten 13 „Wachstumskerne“ auszuwählen, um sie gezielt zu fördern. Den übrigen kürzte die Landesregierung Mittel, dem Aufschrei der Bürgermeister zum Trotz.

Auch die Schweiz diskutiert seit über zehn Jahren ähnliche Themen. Nur geht es nicht um Städte, sondern um halb verlassene Alpentäler. Ende Juli machte Andreas Züllig, Präsident der Hoteliervereinigung, einen neuen Anlauf: „Wir können nicht mehr jedes Tal mit dem öffentlichen Verkehr erschließen, Brücken bauen für 200 Einwohner.“ Stattdessen will auch er Mittel auf touristische „Entwicklungsräume“ konzentrieren. Was einmal mehr eine intensive Debatte ausgelöst hat.

Und in Österreich? Gibt es keinen Aufschrei, weil es keine Diskussion gibt. Dabei sind die Rahmenbedingungen vergleichbar: Die Geburtenrate ist so niedrig wie in Deutschland. Und schrumpfende Regionen gibt es auch hierzulande: die Mur-Mürz-Furche, Oberkärnten, Tiroler Täler oder das Waldviertel. In aller Munde ist nur der Extremfall Eisenerz: Das steirische Städtchen hat allein seit 2002 fast ein Drittel seiner Einwohner verloren.

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Wie akut das Thema Binnenmigration auch bei uns noch werden dürfte, zeigt Simons' genauere Analyse. Er setzt am anderen Ende an: bei den „Schwarmstädten“, den großen demografischen Gewinnern. Sie sind ein neues Phänomen. Sicher: Seit jeher ziehen die Menschen vom Land in die Stadt, wenn sie dort leichter Arbeit finden. Für Migranten sind Metropolen bevorzugte Zielorte, weil sie dort auf Netzwerke von Landsleuten treffen. Aber die großen Verschiebungen gehen in Deutschland von den jüngeren Einheimischen aus. Die Quote der Studienanfänger pro Jahrgang stieg von der Jahrtausendwende bis 2013 steil an, von 29 auf 53 Prozent. Gewinnen also einfach die Universitätsstädte? Nicht unbedingt. Hochschulen sind über das ganze Land verteilt, viele Absolventen ziehen nach dem Studium zurück oder weiter. Für die stärksten Wanderungsbewegungen sorgen die typischen Berufseinsteiger zwischen 25 und 34. Am Ende zieht es einen großen Teil in nur wenige Schwarmstädte. Die Kinder, die sie dort gebären, verstärken die Konzentration weiter.

Folge des Pillenknicks. Für dieses Schwarmverhalten hat Simons nun eine plausible Erklärung gefunden. Es setzt nämlich erst mit den Kohorten ein, die nach dem Pillenknick geboren sind. Was der 47-Jährige anhand seiner eigenen Biografie deutet: Seine Heimatstadt, Bingen am Rhein, hat rund 24.000 Einwohner. „Als ich Anfang zwanzig war, war dort noch genug los: Ich hatte viele gleichaltrige Freunde, es gab Kneipen und Kinos.“ Heute sind fast alle geschlossen, „weil die jungen Jahrgänge zu dünn besetzt sind“.

Es fehlt die Dichte, die kritische Masse, um solche Angebote rentabel zu machen. Deshalb muss sich die schrumpfende Minderheit der Jüngeren an immer weniger Wohnorten zusammenrotten, um noch auf ihresgleichen zu treffen. Dafür wählen sie Metropolen oder kleine, historische Städte mit angenehmer Atmosphäre. Hier schließt sich der Kreis zu den „Verliererstädten“: Der Trend ist viel zu stark und verfestigt, als dass er sich noch umkehren ließe. Das zeigt sich schon daran, wie wenig sich die Jungen von horrenden Mieten und fehlenden Kindergartenplätzen von ihrem erhofften Lebensglück in der Schwarmstadt abhalten lassen. Indem die Politik dort nun massiv den Wohnungsbau forciert und Mietpreisbremsen einführt, verstärkt sie noch das Schwarmverhalten. So entfällt in schrumpfenden Städten mit leer stehenden Wohnungen der oft einzige Anreiz, den sie noch bieten: die niedrigeren Lebenshaltungskosten.

Keine Frage der Jobs.
Für Österreich fehlen Untersuchungen zum Schwarmverhalten. Aber ein Blick auf die Daten der Statistik Austria zeigt, dass auch hierzulande nicht nur die Größe zählt. Neben Wien, den Landeshauptstädten und ihren Speckgürteln legen auch kleinere Städte wie Kufstein oder Leibnitz kräftig zu, während etwa Judenburg oder Köflach stark schrumpft. Mit Landflucht allein lässt sich das nicht erklären. Und wie in Deutschland geht es auch nicht einfach um Jobchancen: In Wien, das die größte Sogwirkung hat, ist die Arbeitslosigkeit besonders hoch. In Tirol hingegen suchen Hoteliers und Gastronomen händeringend nach Personal.

Dennoch spielt sich in Österreich die demografische Dynamik stärker zwischen ganzen Regionen ab als zwischen Städten. Das liegt sicher auch an den „einsamen“ Lagen in den Bergen. Was zur Schweiz zurückführt: zu einem engen, spärlich besiedelten Graben im Kanton Uri, der alle paar Jahre im Winter für mehrere Wochen von der Außenwelt abgeschnitten ist. Ein Tunnel muss her, lautete die Forderung für einen dreistelligen Millionenbetrag. Bis ein kluger Politiker eine bessere Idee hatte: ein temporäres Helikopterservice, der Kranke zum Arzt und Kinder in die Schule bringt. In das Horn des Pragmatismus bläst auch Daniel Müller-Jentsch. Der Raumplanungsforscher vom Thinktank Avenir Suisse empfiehlt etwa, für entlegene Dörfer den Linienbus durch ein subventioniertes Taxi zu ersetzen. Er stützt seine Vorschläge auf eine „sehr sauber gearbeitete“ Studie von 2009, die der Kanton Graubünden in Auftrag gegeben hat. Sie legte Indikatoren fest, um festzustellen, wo die Entvölkerung nicht mehr rückgängig zu machen ist. Gemeinden sollen von sich aus Konzepte für einen Neustart vorlegen können, die dann in einem Wettbewerb zu prüfen sind. Meist geht es um sanften Tourismus.

Wo neue Potenziale fehlen, gilt es, den „Schrumpfungsprozess zu begleiten“. V. a. sollen sehr finanzschwache Gemeinden nicht auch noch besonders gefördert werden. Der Vorstoß wurde zwar so nicht umgesetzt, „aber er ist ins allgemeine Denken eingesickert“, erinnert sich Müller-Jentsch. Für ihn steht fest: Das juristische Prinzip der Gleichbehandlung aller Regionen „ist ein nicht mehr zeitgemäßes Korsett“ und bleibt „eine Illusion, wenn das Geld nicht da ist“. Knappe Mittel sollten dorthin fließen, wo sie noch etwas bewirken können. Die Denkschablone, man dürfe einen Ort nicht dem Verfall preisgeben, blockiere kreative Ideen – und führe zu teurem Vorgehen, das eine Region nicht rette. Worüber sich der Forscher wundert: „Österreich hat so viele Berge. Das müsste doch auch hier ein Riesenthema sein!“ Ist es nicht.

In Zahlen

9

Prozent seiner Bewohner hat der Bezirk Murau seit 2002 verloren. Ähnlich hohe Rückgänge haben die Bezirke Leoben und Bruck an der Mur mit rund sieben Prozent.

30

„Schwarmstädte“

mit einer sehr hohen Konzentration von jungen Menschen gibt es in Deutschland, von 2059 Städten insgesamt. In diesen wohnen 25 Prozent der Gesamtbevölkerung.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.08.2016)

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