WIEN. Wenn Marktforscher völlig neues Terrain betreten, werden sie philosophisch. So geschehen bei dem auf Telekommunikation spezialisierten kalifornischen Unternehmen iSuppli. Von mehreren Handyherstellern vor die Aufgabe gestellt, die Größenordnung der illegalen Produktion in China zu schätzen, wurde zuerst die Lage sondiert: „Wie viele andere illegale Unternehmen gehört Chinas überbordender grauer Handymarkt zu jenen Dingen, über die alle Bescheid wissen – und nur wenige darüber sprechen.“
„Grau“ seien von Regierungsstellen nicht lizenzierte Handys, definiert iSuppli. Sie tragen gefälschte Nummern der „International Mobile Equipment Identity“ (IMEI), die Netzbetreibern zur Überprüfung dienen, ob zugelassene Handys verwendet werden.
„Unter-dem-Tisch-Status“
Nachdem die Zahl der „Illegalen“ in Netzen außerhalb Chinas rasant zugenommen hätte, habe man sich veranlasst gefühlt, der Sache auf den Grund zu gehen, sagt iSupplis-China-Forschungsdirektor Kevin Wang.
Offizielle Zahlen gibt es – naturgemäß – nicht. Wie es dennoch gelungen ist, die Größenordnung illegal produzierter Handys zu erfassen, bleibt Wangs Geheimnis. Tatsache ist, dass schließlich brisante Zahlen zutage traten: 2005 wurde der graue Markt im Land des Lächelns auf 37Millionen Stück geschätzt, im Vorjahr auf 101 Millionen. Seither gibt es einen explosionsartigen Anstieg: Heuer dürften in China 145 Millionen Handys an Behörden und Netzbetreibern vorbeiverkauft werden. Das ist bereits ein Achtel der legal erzeugten Geräte. Deren Zahl wird heuer 1,13 Millionen betragen – um acht Prozent weniger als ein Jahr zuvor.
Die Tendenz wird sich laut Wang bis 2012 fortsetzen. Dann sollen bei einem jährlichen Zuwachs von 11,7 Prozent bereits 192 Millionen „graue“ Handys auf den Markt kommen. Im Gegensatz dazu sprechen die Vorhersagen für den legalen Markt ab 2010 von bescheidenen Zuwächsen von jährlich 4,4 Prozent.
Und es kommt noch schlimmer: Im Vorjahr hat sich die zuvor unbehelligte Entwicklung plötzlich umgekehrt: Immer weniger Chinesen wollen „graue“ Handys, weil diese oft Qualitätsmängel aufweisen, durchschnittlich nur zwei Jahre halten und kein Service bekommen. Und schon haben die inoffiziellen Hersteller den Export entdeckt: Heuer wird dieser dreimal so hoch sein wie der Verkauf im Land selbst, sagt Wang.
Legale Hersteller üben Druck aus
Und damit treten die großen internationalen Hersteller auf den Plan. „Chinesische Graumarkt-Handy-Lieferanten sind so erfolgreich geworden, dass sie den größeren internationalen Herstellern Marktanteile wegnehmen.“ Dass sich das Nokia & Co. auf Dauer nicht gefallen lassen werden, ist klar. Was sie unternehmen können? „Während der graue Handymarkt größer wird, könnten die Komponentenlieferanten einigem Druck [...] ausgesetzt sein, in diese Region zu verkaufen“, glaubt iSuppli-Analyst Francis Sideco.
Als einziger Lieferant wird der taiwanesische Chiphersteller MediaTek genannt. „Dieser Druck mag in Form von schrumpfenden Designgewinnspannen kommen – oder von Prozessen wegen der Verletzung geistigen Eigentums.“
■Chinas Handymarkt wurde jahrelang zum Teil aus illegalen Produktionen versorgt. Jetzt ist der „graue Markt“ explosionsartig gewachsen. Noch dazu gehen drei Viertel der für heuer geschätzten 145 Millionen illegalen Handys in den Export, weil sie den Chinesen qualitativ nicht gut genug sind und weder Herstellern noch Netzbetreibern Service bieten. Die international führenden Hersteller wie Nokia sind alarmiert.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 05.11.2009)

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