21.11.2009 15:25 | Meine Presse Merkliste0

Managementguru: "Wenn ihr nicht werdet wie die Inder"

09.11.2009 | 16:45 |  von Karl Gaulhofer (Die Presse)

C.K. Prahalad, für die Londoner "Times" der einflussreichste Managementdenker des Jahres, kommt nach Wien. Mit der "Presse am Sonntag" den neuen Konsumenten als Produktentwickler und One-Man-Zielgruppe.

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Sie warnen die US-Firmen, dass sie viel weniger innovativ seien als Unternehmen in Schwellenländern. Muss sich auch Europa vor neuer Konkurrenz fürchten?

C.K.Prahalad: Eine Herzoperation in den USA kostet 150.000Dollar. In Indien kostet sie 1500Dollar – und ist qualitativ besser. Da geht es gar nicht so sehr um das Lohngefälle, sondern um Innovationen im Arbeitsprozess. IBM, General Electric und andere lernen rasch von solchen Modellen – und Europas Firmen sollten das auch. Wir haben lange die japanische Konkurrenz ignoriert, dann Südkorea und China. Jetzt sind die Inder und Brasilianer dran.

Sie kritisieren, dass Manager nur Kosten senken, statt sich zu überlegen, wie ihre Firma innovativ wachsen könnte. In der Krise ist „Cost Cutting“ wieder hoch im Kurs. Ist es der falsche Moment, um auf Sie zu hören?

Nein, mein Befund gilt mehr denn je. Es gibt ein neues Phänomen: die Unberechenbarkeit – das dramatische Auf und Ab der Rohstoffpreise, ganz neue Regulierungen, immer launischere Konsumenten. Das können Manager nicht meistern, indem sie nur Kosten senken. Sicher: Dabei kennen sie sich aus, da fühlen sich sicher, aber es liegen keine neuen Chancen darin. Die gibt es nur, wenn man Geschäftsmöglichkeiten voraussieht und schafft. Innovation ist heute wichtiger als früher. Da geht es nicht nur um Produkte und Technologien, sondern auch um Geschäftsmodelle.

Ihre umstrittenste Idee: Konzerne sollten die „Basis der Pyramide“ zur Zielgruppe machen – jene vier Milliarden Menschen, die mit weniger als zwei Euro pro Tag auskommen müssen. Das sei auch eine Chance, die Armut zu besiegen – weil man alle ins Wirtschaftsleben einbindet. Die Beispiele sind aber immer die gleichen: Mikrokredite, das Tata-Billigauto und Shampookleinstpackungen. Wenn dieser Markt so profitabel ist, warum sind da nicht mehr Firmen dran?

Die Idee schlägt sehr wohl Wurzeln und breitet sich rasch aus. Man hört immer die gleichen Beispiele, weil es bequem ist, gut dokumentierte Fälle zu zitieren. Vieles aber wird nicht dokumentiert. Etwa die Handyservicedienste: Reuters sendet 300.000Bauern in Indien Informationen auf ihr Mobiltelefon, M-Pesa hat eine virtuelle Bank in Kenia aufgebaut, mit vielen Millionen Nutzern. Die Liste ist lang!

Durch die Krise und die immer noch hohen Lebensmittelpreise sind hunderte Millionen Menschen in bittere Armut zurückgefallen. Wenn ihre Situation so prekär bleibt, ist es da nicht zynisch, sie als Zielgruppe für multinationale Konzerne zu betrachten?

Wohin führen hohe Nahrungsmittelpreise? Firmen tauchen auf, die neue Lösungen anbieten. Nehmen Sie den Lebensmittelkonzern Cargill. Die zahlen mehr an die Bauern und senken die Preise für die Konsumenten. Wie das geht? Sie organisieren die Verteilung und die Logistik effizienter. Auch Wal-Mart, Tesco und Sainsbury arbeiten daran. Wir müssen komplizierte Verteilungskanäle und unvollkommene Märkte angehen. Es wird immer eine kleine Gruppe geben, die Hilfe braucht, wie in Äthiopien und Darfur. Aber das gilt nicht für vier Milliarden Menschen „am Fuße der Pyramide“.

Hat die Entwicklungshilfe versagt?

Wir werden zumindest hellhöriger, wenn es um die Grenzen ihrer Möglichkeiten geht. Auch glaubwürdige Stimmen aus Afrika sprechen sich gegen Hilfe aus. Was arme Länder brauchen, sind eine seriöse Regierung, gute Ausbildung, die Förderung von Potenzialen und Unternehmertum. Das Gegengift gegen Armut heißt Reichtum, nicht Entwicklungshilfe. Nützlich ist nur die Hilfe, die Potenziale aufbaut. Aber wir dürfen mit Hilfszahlungen nicht neue Abhängigkeiten schaffen.

In Ihrem neuesten Buch verheißen Sie eine „Revolution der Innovation“ bis 2015. Erfolgreich werden nur mehr Firmen sein, die ihre Kunden in die Produktentwicklung einbinden und jedem Einzelnen ein individuelles Angebot bieten. Ist das denn realistisch?

Das Ziel ist, dem Kunden ein Erlebnis zu verschaffen, das auf ihn persönlich zugeschnitten ist und an dem er selbst mitwirkt. Das passiert schon rundum. Schauen Sie sich Amazon an, Apple, Google, Lego, Starbucks, Nike, UPS und eine ganze Menge anderer. Ich glaube, dass dieses Modell für lange Zeit dominieren wird.

Dazu müssen die Konsumenten aber, oft auch unbewusst, tausenden Firmen ihre persönlichen Präferenzen offenlegen. Wie steht es da um die Datensicherheit? Erwarten Sie nicht wachsenden Widerstand?

Ja und nein. Konsumenten treffen eine Wahl. Sie schauen auf Kostenvorteile. Warum machen so viele Leute bei Facebook mit? Sie entscheiden, dass die Vorteile für sie die Risken und Kosten klar überwiegen. Das passiert alles freiwillig. Und vergessen wir nicht, dass unsere Ärzte, Banken und Versicherungen schon eine ganze Menge über uns wissen. Was wir aber brauchen, sind Regeln, wie man mit Informationen umgehen muss.

Bei Facebook zeigt sich aber auch, dass Anbieter und Nutzer oft konträre Ziele haben. Die User wollen von Werbung verschont bleiben – Facebook aber braucht Werbung, um profitabel zu sein. Widerlegt das nicht Ihre schöne Vision?

Nein. Alle haben angenommen, dass soziale Netzwerke von der Werbung leben werden und der Service selbst kostenlos sein wird. Wenn wir uns aber alle an diese Dienstleistung gewöhnen und Werbung nicht zulassen, werden wir eben für den Service zahlen müssen. Das ist wie beim Fernsehen: In manchen Ländern wird es über Werbung finanziert, in anderen über Gebühren.

Sie schreiben Ihre Bücher mit Koautoren. Ist das auch eine Form dieser „Co-Creation“, die Sie propagieren?

Sicher. Ich entdecke junge Stars und arbeite mit ihnen, bis das Buch fertig ist. Dann lasse ich sie allein fliegen. Heute sind einige dieser Koautoren selbst Superstars, was mich sehr freut.

Ihr bekanntestes Konzept ist die „Kernkompetenz“. Firmen sollen sich auf das konzentrieren, was sie besser können als andere. Sie haben das Anfang der 90er propagiert. Gilt es noch, oder ist es längst überholt?

Die Kernkompetenz ist lebendig, wohlauf und sogar noch wichtiger geworden. Nur der Fokus hat sich verschoben: von zu stark diversifizierten Konzernen zu neuen Quellen von besonderer Kompetenz – außerhalb des eigenen Unternehmens, bei Lieferanten und Konsumenten. Wir marschieren Richtung Wissensgesellschaft, und damit wird der Zugang zum gesammelten Wissen aller immer wichtiger.

Sie kommen nach Wien, zur Konferenz zum 100.Geburtstag von Peter Drucker, dem Begründer der Managementlehre und dem „Guru der Gurus“. Hat Sie Drucker geprägt?

Seine Theorien weniger als seine Qualitäten als Wissenschaftler. Er war sehr kreativ und erkannte das Neue immer vor allen anderen. Er konzentrierte sich auf das, was sichtbar war, aber nicht gesehen wurde. Ich versuche das Gleiche. Statt „best practice“ geht es um „next practice“. Drucker schaffte es, Vergangenheit und Zukunft zu verknüpfen. Das war schon einmalig.

Welchen noch ungesehenen Trend sehen Sie denn als Nächstes?

Ich beschäftige mich mit einer neuen Art von Innovation. Da geht es um Nachhaltigkeit, Globalisierung und Vernetzung – und um ein Wachstum, das alle mit einschließt.

 

Am 19. und 20. November findet in Wien das internationale Peter Drucker Forum statt.

"Presse"-Leser erhalten 15 % Ermäßigung auf die Tagungsgebühr  - hier anmelden.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.11.2009)

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11 Kommentare
hw
08.11.2009 13:12
0 1

eines hat der herr vergessen

(gut ich bin kein guru, trotzdem ist es das grundüble!)
es ist das permanente festhalten an der vergangenheit und gegenwart!

- soziale strukturen (jeder glaubt das ist erworbenes recht)
- unternehmen gute unternehmen werden geschröpft, schlechte mit mio/mrd. lange überwasser gehalten
- parteien kämpfen immer mehr für sich selbst anstatt für das land
- .....

unter diesen vorausetztungen kann gar keine innovation stattfinden.

Faktum Est
08.11.2009 09:21
0 0

Es gibt nur ein Rezept aus der Krise,...

... nämlich Neugründungen von Unternehmen.
China erlebt dzt. einen Boom von Firmengründungen - warum? Weil die Regierung Gründern Steuerfreiheit für die nächsten 3 Jahre (danach weitere 2 Jahre den 1/2 Steuersatz) versprochen hat.
Und so wurden heuer schon über 10 Mio. Firmen gegründet. Wenn davon in 5 Jahren auch nur noch die Hälfte oder ein Drittel existiert, dann sind das Millionen von neuen Ideen!
Die chin. Regierung weiß, daß sie marode Unternehmen nicht "retten" kann und fördert deshalb das Neue - während Europa Geld in "Erfolgsmodelle" wie AUA, ÖBB, Post, Quelle ("Überbrückungskredit), OPEL, etc. steckt. "Modelle", die schon seit Jahren (z.T. Jahrzehnten!) nur Steuergeld kosten...

hw
08.11.2009 13:13
0 0

Re: Es gibt nur ein Rezept aus der Krise,...

firmenneugründungen derart zu fördern, geht aber auch zulasten der bestehenden, bzw. warum sollte ich dann eine firma länger als 3 jahre halten?

Faktum Est
08.11.2009 13:28
0 0

firmenneugründungen derart zu fördern, geht aber auch zulasten der bestehenden

Richtig: daher muß ich ergänzen, daß diese Policy nur für Menschen gilt, die aufgrund der Krise ihren Arbeitsplatz verloren haben... und jetzt erstmalig Unternehmer wurden.

hw
08.11.2009 13:58
0 0

Re: firmenneugründungen derart zu fördern, geht aber auch zulasten der bestehenden

nicht nur, denn zusperrn und neuaufmachen ist günstiger als behalten. und das kann nicht im sinne des erfinders sein.

das was sie ansprechen wird gerne propagiert, ist aber nicht so, denn ohne konzept gibts auch kein geld von der bank.

was ich mehr erkenne, ist, dass viele arbeitnehmer nebenbei ein unternehmen gründen und durch die soziale absicherung aus der arbeitnehmerschaft stundsätze anbieten, welche sie als "nur unternehmer" nie überlebenlassen würde.

Antworten Gast: gast
08.11.2009 12:41
0 0

Re: Es gibt nur ein Rezept aus der Krise,...

ja, das ist allerdings richtig, jedoch sei dazu gesagt, dass man eines nicht vergessen darf und immer im Hinterkopf behalten sollte:
Die chinesische Regierung sagt heute zwar so, das kann sich morgen aber ganz rasch aendern und dann heissts auf einmal 180 Grad anders! Also Firmengruendung mit speziellen Anreizen fuer Firmengruendung, eindeutig ja, doch mit gewissen Sicherheiten. Der Grund warum es in China auch ohne grossen Sicherheiten geht, ist, dass dort das Lohnniveau immernoch verhaeltnismaessig niedrig ist, auch wenn es in den letzten Jahren auch schon deutlich angehoben wurde.

hw
08.11.2009 13:03
0 0

Re: Re: Es gibt nur ein Rezept aus der Krise,...

"..Die chinesische Regierung sagt heute zwar so, das kann sich morgen aber ganz rasch aendern und dann heissts auf einmal 180 Grad anders!.."

da sehe ich keinen unterschied zu österreich.

Antworten Gast: ET
08.11.2009 11:13
0 1

Das Rezept kann in Österreich nicht funktionieren!

Dazu braucht man sich anschauen wer die Wirtschaftsleistung nach dem BIP in Österreich kontrolliert.

50% (=ca. 130 Mrd. Euro 2008) gehen in Form von Abgaben direkt an den "Staat". Dieser kontrolliert dann Einsatz und die Verteilung dieser Mittel.

Dazu kommen noch die vielen staatsnahen Betriebe wie ÖBB, Telekom, Verbund, EVN, ORF, Flughafen Wien, die vielen Genossenschaften (auch Raiffeisenbank, Erste, Wohnbaugenossenschaften) etc. etc. , welche weitgehend unter der Kontrolle der Parteien sind und die Mittel je nach Wunsch und nicht nach Bedarf einsetzen. Das sind sicher nochmals etwa 15 - 20% des BIP.

Aber auch das ist noch nicht genug. Es werden weitere 10 - 20 Mrd. durch zusätzliche Staatsschulden von den Parteien verwendet, um Ihre Kontrolle aufrecht zu erhalten. Das sind nochmals ca. 5% des BIP.

Es bleibt in Österreich sehr wenig für den echten privaten Markt übrig. Die Masse des Geschäftsvolumens spielt sich im Dunstkreis der Parteien ab. Mögliche neue Unternehmen haben einen relativ kleinen Markt, um Ihre Ideen zu verwirklichen. Das ist keine gute Basis um eine Unternehmen zu entwickeln, welches später eventuell auch im Export erfolgreich sein könnte.
Export wird immer schwerer weil die Personalkosten einfach viel zu hoch sind. In Ö sind alleine die Zwangsabgaben auf den Lohn ein Mehrfaches als die gesamten Lohnkosten in einigen EU Ländern.

Inlandsmarkt viel zu klein, für den Export nicht Wettbewerbsfähig.

Ciao Austria.

Antworten Antworten Gast: markus trullus
08.11.2009 14:58
0 0

Re: Das Rezept kann in Österreich nicht funktionieren!

Stimmt, aber mit Abstrichen: Denn jeder der am System "Schmarozenden" zahlt ja auch wieder Steuer und Versicherung ein. Viel eher haben wir ein politisches "perpetuum Mobile", das den Parteien wider besseren Wissens immer die gleichen Wähler beschehrt (Siehe GÖD, Beamte) und damit ist das System "aushebelfest". Und das seit 50 Jahren! Das aber Österreich damit massiv an innovationskraft verliert, ist bekannt. Kafkanische Tintenburgen (etwa die Länderstrukturen) sorgen dann auch, dass sich Frau und Herr Österreicher immer wie ein "Untertan" benimmt und gibt. Das mögen sie, die Mächtigen....

Gast: nn
08.11.2009 03:05
0 0

Innovation

Man muss es realistisch sehen: Innovation findet in Ländern statt, die gerade den Schritt aus der Armut in Richtung Reichtum gemacht haben. Reiche Länder werden zunehmend innovationsmüde. Arme Länder sind noch zu innovationsschwach. Ein Innovationsmaxiumum kann daher auf Dauer nicht realisiert werden, sondern Innovation ist zyklisch und daher auch nicht durch die beste Strategie langfristig zu halten. Erst wenn wir das erkennen, werden wir merken, dass die sinnvollste Lösung ist, den Gewinn immer auch denjenigen Menschen zukommen zu lassen, auf deren Kosten Innovation erfolgen konnte, damit die Gesellschaft als Ganze von der Innovation profitiert, denn nur so kann vermieden werden, wieder am Zyklusminimalpunkt Armut anzukommen.

hw
08.11.2009 13:22
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Re: Innovation

das ist blödsinn, jedenfalls so wie sie es darstellen. wir reden beteits von "absoluten innovationen"
ich hatte mal eine professor, der behauptet: im system gilt: geld mal geist ist konstant.

das will nix anderes heißen, als ist der wohlstand eingekehrt strengt man sich nicht mar an. (die menschheitsgeschichte gibt dem recht).
und armut hat mit intelligenz und fleiß nichts zutun.

das schlimme in österreich (europa), den menschen wird ein wohlstand vorgegaukelt (schuldenpolitik) den es eigentlich schon lange nicht mehr gibt!

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