Wirtschaftskrise: Unterwegs zur Mega-Blase

Banken und Spekulanten formen gerade die größte Finanzblase aller Zeiten - daran zweifeln auch vorsichtige Experten nicht mehr. Ihr Platzen könnte zu einer nie da gewesenen Vermögensvernichtung führen.

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Wer Geld zum Investieren hat, hat leicht lachen: Seit dem Frühjahr sind die Börsenkurse um gut 50 Prozent gestiegen, der Ölpreis hat sich annähernd verdoppelt, Gold kostet (nominell, in Dollar) so viel wie noch nie. Satte Spekulationsgewinne, so weit das Auge reicht.

Und die großen Spieler, die die Welt mit überzogenen Risken gerade erst in eine gigantische Wirtschaftskrise gestürzt haben, gehen unter staatlichen Schutzschirmen schon wieder Risken ein, als gäbe es kein Morgen: Bei den US-Banken, besonders bei Goldman Sachs, hat das Volumen der gehaltenen (hochriskanten) Derivativpositionen – trotz allen Geredes um stärkere Risikobegrenzungen für die Finanzbranche – das Vorkrisenniveau längst überschritten.

Das alles mitten in einer realwirtschaftlichen Depression: Zwar zeigen die Konjunkturdaten etwa für Europa im dritten Quartal dieses Jahres erstmals wieder leichtes Wachstum an. Praktisch alle Experten sind sich aber darüber einig, dass dies ausschließlich auf die Wirkung milliardenschwerer staatlicher Konjunkturpakete zurückzuführen ist. Erst im kommenden Jahr wird man sehen, ob der Schub, den die Staatsmilliarden der Wirtschaft gegeben haben, diese auch zum selbstständigen Laufen bringt. Oder ob sich die Staaten für weitere Konjukturspritzen noch tiefer verschulden müssen.

Fundamentale Gründe für die Preisexplosion bei Aktien, Rohstoffen und Edelmetallen gibt es also eher nicht. „Der Aktienmarkt ist derzeit rein geldmarktgetrieben“, sagt der Chef der Oberbank, Franz Gasselsberger. Konkret: Er wird befeuert vom Dilemma der Notenbanken: Fed, Europäische Zentralbank (EZB) & Co. müssen die Märkte seit Monaten mit billigem Geld geradezu überfluten, um im Gefolge der Finanzkrise einen Totalzusammenbruch der Weltwirtschaft zu verhindern. Was sie bisher auch erfolgreich gemacht haben.

Sie bieten damit aber Spekulationsgelegenheiten, wie sie sich meist nur einmal in einem Spekulantenleben ergeben. Und die Investoren greifen freudig zu. Derzeit ist beispielsweise das Volumen der sogenannten „Carry Trades“ auf Dollarbasis am Explodieren: Investoren verschulden sich in Dollar (Leitzins 0,25 Prozent) und legen dieses Geld in höher verzinsten anderen Währungen an (etwa im australische Dollar, bei dem der Leitzins bei 3,25 Prozent liegt) oder in anderen Anlageklassen (etwa Aktien, Rohstoffe, Gold). Solche Deals sind zwar riskant, aber sehr lukrativ: Weil das geliehene Geld derart günstig ist, sind enorme Renditen zu erzielen.

Das Spiel hat zwei Effekte: Der Dollar kommt stark unter Druck. Und die Zusatznachfrage durch die „Carry Trader“ treibt die Preise von Aktien, Gold und Rohstoffen in die Höhe. Der Börsen- und Rohstoffboom ist also rein „liquiditätsgetrieben“. Und zwar überwiegend auf Pump.

Eine teuflische Mixtur: Kommt beispielweise die Dollarabwertung zum Stehen, dann müssen Anleger – um Riesenverluste zu vermeiden – aus diesen „Carry Trades“ blitzartig aussteigen. Das würde wohl einen Kollaps der Aktien- und Rohstoffmärkte bewirken. Möglicherweise den „größten Crash aller Zeiten“, wie der US-Ökonom Nouriel Roubini besorgt meint.

Denn Spielraum zum staatlichen Abfedern gibt es dann nicht mehr: Schon die derzeitige Krise treibt die Staatsverschuldungen wichtiger Industrieländer in Dimensionen, deren Abbau ohne drastische Vermögensvernichtung (etwa durch Inflation) schwierig wird.

Weil Finanzmarktregulierungen, die solche Auswüchse verhindern, angesichts der enormen Lobbytätigkeit der US-Finanzindustrie sehr unwahrscheinlich sind, bleibt den Notenbanken nur, die Finanzierungskosten solcher Trades zu verteuern. Das hieße deutliche Zinserhöhungen. Genau das geht angesichts der schwachen Konjunktur aber nicht so schnell. Frühestens Mitte 2010 dürften Fed und EZB mit Zinserhöhungen beginnen.

Die vorhin beschriebenen Spekulationen können die neuen Finanzblasen also noch fast ein Jahr auffüllen. Freilich: Je länger das geschieht, desto lauter wird, so meinen Experten, der Knall beim Platzen. Dann brechen die jetzt aufgeblasenen Aktien- und Rohstoffmärkte zusammen.

Dass sich neue Blasen gebildet haben, daran zweifeln auch vorsichtige Experten nicht mehr: Der Chef der Deutsche-Bank-Fondstochter DWS, Klaus Kaldemorgen, sagte jüngst in einem Zeitungsinterview: „Die Geldpolitik ist so angelegt, dass wir auf eine Blase zusteuern.“ Und: Die Zentralbanken bleiben zögerlich, „die expansive Geldpolitik wird weitergehen“.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 14.11.2009)

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