Ukraine: Droht nach der Wahl der Staatsbankrott?

15.01.2010 | 18:31 |  MATTHIAS AUER UND EDUARD STEINER (Die Presse)

Ende 2009 haben ukrainische Konsumenten, Unternehmen und der Staat 90 Mrd. Dollar oder 80 Prozent des BIPS an Auslandsschulden angehäuft. Wie wirkt sich die Wirtschaftsmisere schon heute auf Österreichs Firmen aus?

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Wien/Moskau. Wollen Sie den nächsten Präsidenten der Ukraine am Sonntag mitbestimmen? Für 300 bis 500 Griwna (etwa 26 bis 43 Euro) bieten Bürger des Landes ihre Stimme im Internet zum Kauf an. Allzu stark dürfte ihr Glaube in die Demokratie nicht sein. Verdenken kann man es ihnen nicht. Schließlich veranlasste die politische Chaosblockade im Wahlkampf selbst den Internationalen Währungsfonds (IWF) dazu, eine weitere Teilzahlung des 16,4 Mrd. Dollar schweren Notkredits vorerst nicht an Kiew zu überweisen. Bevor die Wahlen geschlagen sind, will IWF-Chef Dominique Strauss-Kahn daran auch nichts ändern. Dabei wäre die nächste Kredittranche für die Ukraine bitter nötig, wird das Land international doch längst als nächster Pleitekandidat gehandelt.

 

Jeder zweite Kredit könnte wackeln

Doch wie wahrscheinlich ist ein derartiges Szenario? Das Land, wirtschaftlich einseitig vom Metall- und Chemiesektor abhängig, wurde von der Krise hart getroffen. 2009 wird das Bruttoinlandsprodukt vermutlich um rund zwölf Prozent sinken. Besonders schwer wiegt die Abwertung der Landeswährung Griwna, die seit Herbst 2008 rund 80 Prozent gegenüber dem Dollar an Wert verloren hat – zusammen mit der hohen Verschuldung des Landes eine recht explosive Mischung. Ende 2009 haben ukrainische Konsumenten, Unternehmen und der Staat 90 Mrd. Dollar (62,4 Mrd. Euro) an Auslandsschulden angehäuft (28 Mrd. Dollar davon sind staatliche Schulden). Das entspricht 80 Prozent des BIPs oder eineinhalb Mal so viel, wie das Land exportiert. Dem gegenüber stehen immerhin Devisenreserven von 27 Mrd. Dollar. Heikel ist die Lage aber allemal.

Vladimir Dubrovskiy vom Zentrum für soziale und ökonomische Forschungen (CASE) in Kiew glaubt dennoch nicht an ein Pleiteszenario. Die Gefahr einer Zahlungsunfähigkeit sei schon zum Zeitpunkt der IWF-Kreditvergabe aufgebauscht gewesen. „Aber selbst jetzt, da die Schulden zugenommen haben, sind wir weit von einem Crash entfernt. Das größte Problem der Ukraine im nächsten Jahr sind nicht die Auslandsschulden“, sagt er. „Das Problem sind vielmehr das Budget und die faulen Kredite.“ 70 Mrd. Dollar schulden ukrainische Unternehmen – vor allem die Banken – ihren Gläubigern. Die Zentralbank beziffert die fälligen Schulden für 2010 mit 20 Mrd. Dollar, davon 18 Mrd. Dollar Unternehmensschulden. Geschätzte 20 bis 50 Prozent davon könnten ausfallen.

Das trifft auch österreichische Unternehmen im Land, allen voran die Raiffeisen Zentralbank. Ihre Tochterbank Aval stellt mit einer Bilanzsumme von 5,4 Mrd. Euro und 4,8 Mio. Kunden das zweitgrößte Kreditinstitut des Landes. Seit September 2008 stieg der Anteil der notleidenden Kredite in der Bank von 3,9 Prozent auf 20,8 Prozent. 525 Dollar an Kapitalspritzen benötigte die Aval im Vorjahr, um auf den Beinen zu bleiben.

Trotz der wirtschaftlich angespannten Lage blieb der Rückzug österreichischer Firmen aus dem Land aus. Unternehmen wie Agrana, Mayr-Melnhof, Blizzard oder Fischer bleiben, steigen in Sachen Expansion aber kräftig auf die Bremse. Neue Großinvestitionen waren 2009 Mangelware.

 

„Hier wird Geld zur Seite geschafft“

Unter der Zahlungsschwäche der ukrainischen Firmen leiden aber vor allem auch Österreichs Exporteure. Die Griwna-Abwertung verteuerte ihre Produkte in nur einem Jahr um 70 Prozent. Das Volumen der Ausfuhren halbierte sich bis Oktober 2009 auf 408 Mio. Euro. Die OeKB Versicherung, die Exportgeschäfte österreichischer Firmen absichert, klagt über „massive Schadensfälle“. Bei jeder vierten offenen Forderung aus der Ukraine gebe es Zahlungsverzögerungen, sagt Karolina Offterdinger, Vorstand der OeKB Versicherung, zur „Presse“. Üblich sei ein Wert von zwei Prozent. Und das, obwohl bereits mehr als die Hälfte der Anfragen von der Versicherung abgelehnt werden. „Es ist eine Situation, wie ich sie aus keinem zweiten Land kenne“, sagt Offterdinger. Viele Firmen könnten tatsächlich nicht bezahlen, bei anderen „wird Geld zum Teil zur Seite geschafft“. Etliche an sich potente Firmen hätten plötzlich nicht bezahlt. Sie vermutet hinter den meisten größeren Schadensfällen keine Insolvenzen, sondern Gaunereien.

Gregor Postl, Handelsdelegierter in Kiew, schwächt gegenüber der „Presse“ etwas ab: Manche ukrainische Firma würde die Situation nutzen, um Zahlungen nach hinten zu verschieben. „Bei größeren Summen ist es kein Fehler, sich ins Flugzeug zu setzen und vor Ort darüber zu sprechen“, empfiehlt er. Denn das Geld vor Gericht einzufordern sei immer noch schwierig.

AUF EINEN BLICK

Die schwache Landeswährung und die hohe Auslandsverschuldung der Ukraine stellen das Land vor ernste Probleme. Politisches Chaos zwingt selbst den IWF zum kurzzeitigen Rückzug. Der wirtschaftliche Absturz trifft auch Österreichs Firmen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 16.01.2010)

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20 Kommentare
Gast: Handelsdelegierter
18.01.2010 18:46
0

man erinnere sich

Herr Postl sollte sich mal an das Handeln seines Vorgängers Gessl erinnern. Da wurden dann auch alle dabei begleitet ins offene Messer in der Ukraine zu laufen. Geschäftsleute vertrauen normalerweise in ihre eigenen Handelsdeligierten, die alles in UA vorbereitet haben, sind jedoch jetzt eines Besseren belehrt worden ....

Gast: was nun
18.01.2010 01:53
0

der Westen macht mit

dieses ganze Elend wird durch den Westen noch forciert,. Nicht nur die westlichen Banken sind nicht fähig, selbst die Versicherung Grawe vertreibt in der Ukraine mit einem miesen Pyramiden System "Eurolife" Ihre Lebensversicherungen, missbraucht junge Leute, die nach 50 - 70 Bekannten denen sie was aufs Auge gedrückt haben abgeschossen werden. Die Banken brüsten sich mit Unmengen von Filialen und deuten dies als Wachstum, verschulden aber die Bevölkerung nur ins unermessliche. Von der Qualität der Mitarbeiter mal ganz abgesehen. Da beraten Unwissende --- Unwissende. Die sogenannten starken lokalen Partner vor Ort, hebeln sämtliche Standards aus und füllen sich die Taschen und sind weit weg von Gut und Böse. Bis heute gab es noch keinen Investor oder irgendein offizielles Programm, Tacis, EU, GTZ in der Ukraine der/das nicht auf die Nase gefallen ist/sind. Warum der Westen, EU, usw. aber immer noch die Gelder rein stecken ist wirklich fraglich. In den eigenen Ländern gibt es sicherlich genug zu tun. Solch ein Missbrauch von Steuergeldern ist wirklich verwerflich. Mag sein das sich dieses Heer an Akademikern, Consulter damit ihre eigen Daseinsberichtigung sichern.

Gast: Nemez
17.01.2010 21:11
0

Rache ist eingetreten

Vor 14 Jahren wollte ich in der Ukraine investieren und bin betrogen worden. Der Rückschlag ist gekommen, es investiert keiner in der Ukraine. Das Geld wirfst Du in die Mülltonne dann weist Du das es verschwunden ist. Korruption und Betrug rächt sich in jedem Falle früher oder später.

Mit dem Turbokapitalismus in den Staatsbankrott

Wer will schon eine kommunistische Gesellschaft? Aber ein Land trotz größter internationaler Unterstützungen (EU-Milliarden!) und größter nicht bezahlter Schulden so rasch in den Staatsbankrott zu führen, schaffen wirklich nur Turbokapitalisten. Hat man ja auch bei der letzten Welt-Finanzkrise gesehen, dass sie das locker können.

Wann soll die Ukraine unter dem Kommunismus ähnliche große Schulden beim Ausland gehabt haben. Sogar das kleine Österreich leidet unter den kapitalistischen Großversagern und Pleitiers der Ukraine.

Aber gut, dafür haben es sich die Hoffnungsträger des Westens, die Ministerpräsidentin Timoschenko und ihre bevorzugten Kreise lupenrein kapitalistisch gerichtet. Sie haben sich gleich mindestens das Zehnfache jener Einkommen unter den Nagel gerissen, die sich schon die kommunistische Funktionärsclique gegönnt hatte.

Aber dafür hat ja auch das Volk kein Einkommen mehr und auch nichts mehr zu fressen. Schöner Erfolg!

Gast: insider
16.01.2010 18:32
2

was der Westen so schickt

ist nur die zweite Garnitur, diese ganzen Vertreter von Organisationen die keiner braucht aber jeder mitbezahlt sind eh machtlos gegen die Frechheiten des Ostens. In hoch korrupte Systeme ständig Hilfsgelder aus dem Westen zu pumpen ist nur sinnlos und fördert die Korruption, geholfen haben diese in 18 Jahren nichts. Korruption, Lug und Trug sind nur gestiegen. gerade durch die Gelder die im Umlauf sind. Programme wo Rae "laws made in Germany" an den Mann bringen wollen und selber nicht Gesetzeskonform sind erzeugen nicht gerade Vertrauen oder wo Botschafter die Minister ehren die Monate zuvor Bundespolizisten zusammengeschlagen haben.

Die Ukraine ist ein einziger korrupter Sumpf

Wer dort sein Geld investiert ist m.E. selbst Schuld und hat das hohe Risiko selbst zu tragen. Die Gewinnaussichten sind doch auch entsprechend hoch.

Die EU bezahlt die Gasrechnungen der Ukraine sowieso!

Die EU sollte auch ganz Ukraine finanzieren. Die Russen finanzieren ihre Kandidaten immer!

Re: Die EU bezahlt die Gasrechnungen der Ukraine sowieso!

Wieso soll die EU zahlen.

Dieses ganze Theater hat doch der Herr Soros angezettelt.

Nun, es gibt ja noch Hoffnung. Wenn das Desaster bei Raiffeisen erst richtig weh tut, dann kommen vielleicht auch diese Herren darauf, daß sich diese ganzen Ostgeschäfte nicht auszahlen.
Unsere Leute, die durch diese Luftgeschäfte arbeitslos geworden sind, können sich ja bei der nächsten Wahl bei der ÖVP bedanken!

Gast: Schröder
16.01.2010 09:05
0

Ist ist alles so schlecht,dass...

...Raiffeisenbank Aval Ukraine für nächstes Jahr 2010 sogar schon Gewinne in Ausicht gestellt hat.

Tatsache ist das es in der Ukraine nächstes Jahr ein 4-5%iges Wachstum geben wird...


Re: Ist ist alles so schlecht,dass...

Sie sind offensichtlich noch nicht aus dem Alter heraussen, wo man noch an das Christkind glaubt!

Antworten Antworten Gast: Schröder
16.01.2010 15:24
0

Re: Re: Ist ist alles so schlecht,dass...

Christkind?

Raiffeisen Ukraine CEO Lavrenchuk hat einen kleinen Gewinn für 2010 angekündigt.Und alle Analysten haben der Ukraine ein ca.4-5% Wachstum prognostiziert für 2010.

Nur weil einige nicht beim grossen Börsenaufschwung dabei waren müssen diese ja nicht gleich wichtigtuerisch,aber ahnungslos neidisch sein.

Re: Re: Re: Ist ist alles so schlecht,dass...

Ich bitte Sie. Wenn Sie wirklich mit Raiffeisen einen Gewinn gemacht haben, dann sei Ihnen das von ganzen Herzen gegönnt.
Es ist halt nur so, daß die Gewinnzahlen darauf basieren, daß auch alle ihren Zahlungsverpflichtungen nachkommen und das ist ganz und gar nicht so! Gerade in der Ukraine hat sich die Unsitte eingenistet, daß man nichts zahlt und einmal schaut was kommt. Und das schau ich mir an ob ein westliches Institut bei ukrainischen Gerichten einen Stich macht. Das ist leider die Wahrheit!!!!

Gast: gepoppter
16.01.2010 06:47
0

Die ÖSI-Banker, die mit dem Gesindel Deals

haben, müssen nun schön langsam selbst sehen, wie sie aus der Bredouille herauskommen. Und da nutzt auch nicht das gequälte Gsichterl unseres Säckelwartes, wenn er mit Kulleraugen über das Problem der Banken, vornehmlich der zwei schwarzen sinniert.

Gast: argus
15.01.2010 23:03
1

Raiffeisen

Da könnte die Raiffeisen - nach der Volksbank - bald krachen. Jetzt wissen wir endlich, wofür Stepic 2 Mio Euro Bonus erhalten hat....
Fesch ist nur, daß der Österreichische Staat - und damit wir als Steuerzahler - die Ausfallshaftung für die Ostkredite diese Banken übernommen hat. Natürlich hat auch die Finanzaufsicht geschlafen. Wie bei Meinl, wie bei Hypo Adria... Konsequenzen? Woher denn, UHBP muß sich doch für das Bleiberecht der Arigona einsetzen - doch nicht für eine korrekt arbeitende Finanzmarktaufsicht und das Aufzeigen von Boni, die Verlustbringern von Instituten gewährt werden, die zuvor Steuermilliarden in Anspruch genommen haben!

Antworten Gast: gepoppter
16.01.2010 06:50
0

Re: Raiffeisen

Wenn das geschieht, dann wirds ordentlich krachen. Ärger noch als bei der Rotbank der BAWAG. Das wird kein Fürzchen sein. Und die Trümmer werden vielen den Garaus machen. Ob das für die marode Sozialrepublik dann nicht einen Kurswechsel in der Zuteilungssozialpolitik bedeuten wird. Ich denke schon.

Re: Re: Raiffeisen

Sie sehen das schon richtig!
Wenn der Staat durch miese Bankgeschäfte ruiniert wird, dann ist es auch Essig mit den Sozialhilfen. Dabei sind hier wirklich zum Großteil Menschen darunter, die durch Krankheit in diese Lage gekommen sind. Aber das ist ja nichts Neues. Die Reichen kassieren noch rasch ein paar Boni, man vergönnt sich ja sonst nichts und die Armen schauen durch die Röhre.
Die ganzen Ruheständler, die bis jetzt die SPÖVP Politik mit Zähnen und Klauen verteidigt haben, werden sich auch noch wundern, wenn man für die monatliche Rente knapp eine Wurstsemmel bekommen wird. Aber immerhin kein Nachteil ohne Vorteil, es wird ungemein lehrreich werden.

Gast: half-way
14.01.2010 22:51
0

Bloß nicht !!!

Bloß nicht Janukowitch !!! Diese Kreml-Marionette macht doch nur, was der Putin und Konsorten sagt !

Antworten Gast: Zimbo
15.01.2010 09:22
0

Re: Bloß nicht !!!

Und die US-Marionette ist besser?

Antworten Antworten Gast: KoLJA
15.01.2010 21:49
0

Re: Re: Bloß nicht !!!

ja er wäre besser.
Trotzdem sollte Tymoshenko gewinnen.
UKRAINE RICHTUNG EU keine Flotte an der Krim und bekämpfung der Nato das ist ihr programm

Antworten Antworten Antworten Gast: gepoppter
16.01.2010 06:53
1

Re: Re: Re: Bloß nicht !!!

Der Zustrom in die EU der Bankroteure hält unvermindert an. Die EU nimmt wieder neue Mitglieder auf. Bis ihr endlich einmal die Luft ausgehen wird. Und was dann kommt? Ein Bauchfleck der die Maulwürfe von der Ostküste und die Tigerstaaten einschließlich China freuen dürfte.

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