wien(mac).„Das Schlimmste ist vorbei, das Beste leider auch“: Mit diesen Worten ließe sich der zwiespältige Ausblick des Wiener Instituts für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW) auf die wirtschaftliche Zukunft Mittelosteuropas zusammenfassen. Der befürchtete Kollaps nach der Lehman-Pleite im Herbst 2008 ist zwar nicht eingetreten, dennoch hat die Region – mit Ausnahmen wie etwa Polen – stärker gelitten als erwartet. Für heuer rechnen die Forscher mit einer Stagnation. Erst im kommenden Jahr soll es wieder aufwärts gehen. Langsam. Wenn alles gut geht.
Schon bisher haben die Auswirkungen der Wirtschaftskrise einzelne Länder Mittelosteuropas (namentlich die baltischen Staaten) in ihrem Aufholprozess zehn Jahre nach hinten geworfen, schätzt der WIIW-Experte Michael Landesmann. Erst 2020 könnten die Tschechen und Slowaken an den EU-Schnitt bei der Wirtschaftsleistung pro Kopf herankommen.
Modell für den Osten wackelt
Viele Chancen, den Absturz zu verhindern, hatten die Regierungen im Osten nicht. Für Konjunkturpakete fehlte in vielen Staatskassen schlichtweg das Geld. Und auch heute steigt die Überschuldung ebenso an wie die Arbeitslosenrate. Der befürchtete Exodus der Investoren ist längst nicht beendet. Im Vorjahr warteten die Ungarn, Slowaken und Slowenen vergebens auf einen einzigen Cent an Investitionen aus dem Ausland.
Aber die Krise hat mehr ins Wanken gebracht als nur den Aufholprozess der ehemaligen Transformationsländer. Auch das Wachstumsmodell für die gesamte Region wird mittlerweile infrage gestellt. Denn die Ursachen für den tiefen Fall vieler ehemaliger Ostblockstaaten sind noch nicht aus dem Weg geräumt. Zwar werden Kredite mittlerweile nicht mehr so freizügig vergeben wie noch vor zwei Jahren, die Überschuldung ist aber noch lange nicht gestoppt.
„Die Kredite an Haushalte und Unternehmen wachsen fast überall noch an“, sagt WIIW-Experte Peter Havlik. Ausnahmen bilden die Ukraine oder Ungarn. Nicht die Staaten stünden aber hinter der Schuldenkrise, sondern die Bürger, die sich – hungrig auf den westlichen Lebensstil – mit billigen Krediten aus dem Ausland eingedeckt hätten. „Die Schuldenentwicklung wurde unterschätzt“, sagt Landesmann. Auch wenn es kurzfristig nötig sei, Firmen wieder mit Krediten zu versorgen – langfristig müsse sich diese Praxis ändern.
Das Modell für den Osten war nicht falsch, aber es wurde zu exzessiv betrieben, räumte auch die Osteuropabank EBRD vor wenigen Wochen ein. Die rapide Verschuldung ist dabei aber nicht das einzige Problem: In der Aussicht auf eine rasche Integration in die EU durchlebten die Länder eine radikale Liberalisierung innerhalb kürzester Zeit. Nicht alle haben das unbeschadet überstanden. Während die Tschechen, Ungarn, Slowaken, Slowenen und Polen stabile und hohe Wachstumsraten verzeichneten und ihre Handelsbilanzen ausgleichen konnten, kamen andere Länder – im Baltikum oder in Südosteuropa – letztlich unter die Räder.
Als die Direktinvestitionen nach Estland 2002 versiegten, konnte das baltische Land sein Wachstum nur noch durch massive Kredite aus dem Ausland oben halten. Die Handelsbilanz lief weiter aus dem Ruder. Mittlerweile ist die Blase geplatzt. Der einstige Tiger verzeichnete im Vorjahr in der Wirtschaftsleistung ein Minus von 19 Prozent.
Hoffen auf EU-Mittel und Export
Schuld daran war freilich auch das starre Festhalten der Balten an der Bindung der eigenen Währung an den Euro. Dieses System müsse ein Ende haben, fordert Havlik.
Er sieht nur eine Chance für die bisherigen „Verliererstaaten“: die bessere Verwendung der EU-Fördermittel und den Aufbau einer starken Industrie, die neben dem Heimmarkt vor allem für den Export produzieren soll. Kurzfristig bringt das jedoch wenig. Denn im Vergleich zu ihren osteuropäischen Nachbarn haben die Staatschefs im Westen des Kontinents mit noch weitaus höheren Schuldenbergen zu kämpfen. In näherer Zukunft wird also der beste Abnehmer der osteuropäischen Industrie wohl selbst sparen müssen.