Die einzige Konstante in meinem Leben ist der Nahostkonflikt“, seufzen Zeitgenossen gern, wenn es bei ihnen drunter und drüber geht. Tatsächlich macht der blutige Streit zwischen Israelis und Palästinensern zwar seit Jahrzehnten Schlagzeilen, aber geführt hat er zu nichts. Kriege, Intifadas, Hochmut der einen, Hass der anderen – ein Kreislauf der Gewalt, den wohl nur ein biblisches Wunder durchbrechen könnte. Doch jenseits von Sperranlagen, Klagemauer und Brettern vor den Köpfen gibt es ein anderes Israel, das auf ein Wunder nicht wartet, sondern es selbst bewirkt – zumindest ein Wirtschaftswunder. Übertönt vom Lärm der Katjuscha-Raketen, hat sich das kleine Land in wenigen Jahren zur Boomregion gemausert.
Auch im großen Krisenjahr 2009 ist die Wirtschaft leicht gewachsen, für heuer sind bis zu fünf Prozent geplant. Seit 2003 gibt es Handelsbilanzüberschüsse, der Schekel wurde zu einer harten Währung. Im Sommer wird das gelobte Ländchen in die OECD aufgenommen, den Club der reichen Industrienationen. Und das dürfte erst der Anfang sein. Denn in Rankings über Zukunftschancen steht Israel schon ganz oben. Die 7,5 Mio. Israelis bringen es auf mehr Nasdaq-Unternehmen als Europa, Japan, China und Indien zusammen. Sie schufen das weltweit dichteste Netz an Start-up-Firmen.
Ideen als Rohstoffe. Nirgends strömt Risikokapital kräftiger zu. Die Empfänger haben es eilig: „Wenn ein israelischer Unternehmer eine Idee hat, fängt er in derselben Woche an, sie umzusetzen“, heißt es unter Analysten. Zur Zeit liegt Israel beim BIP pro Kopf auf Platz 30. In zwei Jahrzehnten, so der Plan der Regierung Netanjahu, will man zu den zwölf reichsten Ländern gehören.
Dabei könnten die Voraussetzungen kaum ungünstiger sein. Palästina verfügt über keine Rohstoffe, sein Boden ist staubtrocken. Die Israelis sind umgeben von Feinden, die den Zugang zu regionalen Märkten boykottieren. Zehn Prozent des BIP fließen in die Verteidigung. Der Militärdienst hält junge Männer drei Jahre, Frauen zwei Jahre lang von Beruf oder Ausbildung fern. Tatsächlich steckte der Judenstaat noch in den 90er-Jahren in einem ökonomischen Schlamassel.
Zu ihm hatten freilich schon die osteuropäischen Siedler beigetragen. Sie schufen ein Umfeld, das so wirtschaftsfeindlich war, als hätte es ein leidenschaftlicher Antisemit ersonnen. Denn sie fühlten sich nicht nur von zionistischem Geist, sondern auch von korporatistischen Wirtschaftsidealen beseelt. Selbst die schlauesten Köpfe nahmen Schaufeln und Haken in die Hand, um im Kibbuz dem Gemeinwohl zu dienen. Fast ein Drittel der Unternehmen gehörte Histradut, der streikfreudigen Einheitsgewerkschaft.
Von der jeden Unternehmergeist abwürgenden Bürokratie wusste schon Ephraim Kishon ein Lied zu singen. Außer den dickhäutigen Jaffa-Orangen und Waffen hatten die Israelis den Weltmärkten wenig zu bieten. Einem hämischen Scherz zufolge konnte in Israel nur der ein kleines Vermögen machen, der mit einem großen gekommen war. Und Ökonom Milton Friedman spottete aus der US–Diaspora, seine Mitbrüder widerlegten das hartnäckigste Vorurteil, das es über die Juden gibt: dass sie schlaue Kaufleute seien.
Doch auch der heutige Erfolg fiel nicht wie Manna vom Himmel. Alles änderte sich in den 1990er-Jahren unter Führung des Likud – schnell, radikal, brutal. Staatsbetriebe und sogar das Pensionssystem wurden privatisiert, Steuern gesenkt, ein Finanzmarkt aufgebaut. Dazu kam großes Massel: Eine Million Juden aus dem Ex-Ostblock wanderten ein, und sie hatten vom Sozialismus endgültig die Nase voll.
Viel Geld für Forschung. Dafür waren sie oft bestens ausgebildete Ingenieure oder Programmierer. Der Technologieboom tat sein Übriges. Firmen schossen wie Pilze aus dem Boden – und überlebten die Dotcom-Krise, weil die Risikokapitalgeber weiter auf sie setzten. Der Staat nahm den Ball auf, übte sich in Deregulierung und steigerte den Anteil der Forschungsausgaben am BIP auf fünf Prozent, den weltweit höchsten Wert. Ein Fünftel aller Arbeitskräfte haben einen Universitätsabschluss. Zuwanderung wird seit jeher gefördert, das Land füllt sich mit initiativen, risikofreudigen Menschen.
Weil sie ihren Nachbarn nichts verkaufen können, machen sich die Israelis mit viel Chuzpe auf dem Weltmarkt breit. Aus Komponenten ihres hochgezüchten Waffenarsenals leiten sie Ideen für zivile Produkte ab. Ein Beispiel ist die PillCam: Aus der Mikroelektronik in Raketenspitzen wurde eine Minikamera in Tablettenform, die, einmal geschluckt, Fotos der Eingeweide des Patienten macht. Auch der allseits beliebte USB-Stick ist übrigens eine israelische Erfindung.
Nicht nur Milch und Honig. Im „Silicon Wadi“ bei Tel Aviv reihen sich Firmen für medizinische Geräte, Mikrochips, Biotechnologie, Bewässerung, Entsalzung und Spracherkennung aneinander. Der Pharmakonzern Teva, Weltmarktführer bei Generika, kaufte soeben den deutschen Konkurrenten Ratiopharm um 3,7 Mrd. Euro. Auch die US-Technologie- und Internetkonzerne sind längst da: IBM, Intel, Google, Ebay, Motorola. Sie gliedern nicht, wie in Asien, Callcenter oder IT-Abteilungen aus, sondern gründen echte Kompetenzzentren. Hier präsentiert sich das junge, weltoffene, säkulare Israel.
Doch nicht überall fließen Milch und Honig. Obwohl die Arbeitslosigkeit stark gesunken ist, haben die stürmische Entwicklung und die Turboreformen auch Modernisierungsverlierer produziert: Araber auf der einen, orthodoxe Juden auf der anderen Seite des religiösen Spektrums. In diesem Winter protestierten tausende Strenggläubige wütend und erfolglos vor dem Intel-Sitz in Jerusalem dagegen, dass dort auch am Sabbat gearbeitet wird.
Meist macht sich die Wut über die soziale Kluft aber in überzogenem Nationalismus Luft. Und die Palästinenser? Auch sie profitieren vom Boom, wenn sie nach Israel zur Arbeit pendeln – allerdings ohne jede Sicherheit, nicht schon morgen vor herabgelassenen Grenzbalken zu stehen. Ob als Schlüssel zu einem friedlichen Zusammenleben oder als Motiv frischen Hasses: Israels Boom wird wohl bald auch den Konflikt mit den Nachbarn dominieren. Manches ändert sich im Nahen Osten ja doch.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 28.03.2010)

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