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Angriff der Kaffeekapseln: Mokkakännchen in Gefahr

22.05.2010 | 18:06 |  von Christine Imlinger (Die Presse)

In Italien lohnt sich die Produktion der Mokkakännchen mit dem Schnurrbartmännchen von Bialetti nicht mehr, seit es Kaffee aus Kapseln gibt. Das historische Werk sperrt zu.

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Aufschrauben, Wasser rein, Kaffeepulver in den Trichter – genau dosiert, nur ja nicht zu wenig. Oberteil auf die Kanne setzen, zudrehen. Herd an, Kanne drauf. Warten. Bis es leise brodelt und der Duft verrät, dass der Mokka fertig ist. Die langsame, feierliche Zeremonie, die nicht nur in Italien jeden Tag einläutet, gerät in Gefahr.

Sterile All-inclusive-Maschine, Kapsel rein, Knopf drücken, Kaffee fertig – so sieht die neue Kaffeekultur aus. Eine klassische alte Herdkanne, einen Perkulator, braucht man nicht mehr. Seit Kurzem ist es offiziell: In Italien lohnt sich die Produktion der achteckigen Kannen von Bialetti nicht mehr.

Der Traditionsbetrieb im norditalienischen Omegna wird geschlossen, die Herstellung wird nach Bulgarien und in die Türkei verlagert, schließlich ist das Personal dort viel billiger. Und immerhin stammen von dort auch die Kannen der Konkurrenz, die dem Original von Bialetti (zumindest optisch) zum Verwechseln ähneln, aber viel billiger bei Ikea und Co. verkauft werden und dem italienischen Traditionsbetrieb zusätzlich zusetzen.


Das Schnurrbartmännchen wandert aus.Im Piemont ist man geschockt. Schließlich gehört der „Omino coi Baffi“, das Männchen mit Schnurrbart, Hut, müden Augen und Fliege, zur Kultur Italiens wie Vespa oder Pizza. Bialetti produziert die achteckigen Mokkakannen (fälschlicherweise nennt man sie auch Espressokannen, dabei ist der Druck in den Kannen nicht hoch genug, um echten Espresso herzustellen) seit 77 Jahren. Seither sollen sie mehrere hundert Millionen Mal gebaut worden sein. Bialetti bekundet stolz, in neun von zehn italienischen Küchen stehe eine „Moka Express“. Aber nicht nur dort, sogar ins New Yorker Museum Of Modern Art (MOMA) hat das Mokkakännchen seinen Weg gefunden.


Vorbild Waschmaschine. Dabei begann die Erfolgsgeschichte mit einem Zufall. Alfonso Bialetti, ein italienischer Handwerker mit Erfindergeist, war gerade aus Frankreich zurückgekehrt, wo er in einem Aluminiumwerk gearbeitet hatte. Er gründete eine kleine Fabrik in Crusinallo, einem Dorf nahe des Lago Maggiore.

Dort beobachtete Alfonso Bialetti einmal, wie die Frauen damals ihre Wäsche wuschen: Sie benutzten dafür einen abgedichteten Heizkessel, darüber ein Metallkorb mit Wäsche. Wasser und Seife wurden erhitzt, stiegen durch ein Rohr nach oben und flossen so über die Wäsche.

Bialettis zündende Idee: Man könne doch Kaffee brauen, indem man Wasser durch gemahlenes Kaffeepulver nach oben drückt, statt Espresso, wie damals üblich, nur mit hohem Druck in den großen Maschinen in Bars herzustellen.

Der Idee folgten technische Probleme. Bialetti brauchte bis 1933, um sie zu lösen. Schließlich brachte er die erste komplett aus Aluminium gefertigte „Moka Express“ auf den Markt. „In casa un espresso como al bar“ (zu Hause ein Espresso wie in einer Bar) – so warb Bialetti für seine Kannen. Für großes Marketing fehlte aber das Geld, also pilgerte Bialetti – so sagt es die Firmenlegende – persönlich jedes Wochenende durch das Piemont, von einem Markt zum nächsten und verhalf seiner Kanne zu regionaler Berühmtheit. Zwischen 1934 und 1939 wurden 70.000 „Moka Express“ verkauft.

Der Aufstieg kam nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges. Alfonso Bialettis ehrgeiziger Sohn Renato begründete den Weg zum Weltruhm – so, wie es heute Nespresso und Co. machen – mit offensivem Marketing.


Rekordverdächtig. In den 1950er-Jahren startete er eine groß angelegte Werbekampagne, erst in Italien, dann in ganz Europa, schließlich in den USA. Auch das Logo, das Männchen mit dem Schnurrbart (das angeblich eine Karikatur des Firmengründers Alfonso Bialetti sein soll) wurde 1953 erschaffen. Schließlich wurde Bialetti zur größten Fabrik für Kaffeemaschinen der Welt. Design und Material der Kannen blieben völlig unverändert. Wie auch in den 70 Jahren danach. Weil kein anderes Design so zeitlos ist, bekam die „Moka Express“ einen Eintrag im Guinness Buch der Rekorde. Erst in den vergangenen Jahren wurden erste, kleine Änderungen am Design vorgenommen.

2006, im Jahr vor dem Börsegang, hat der Konzern, der nach wie vor in dem Dorf nahe des Lago Maggiore sitzt, einen Gewinn von 2,5 Mio. Euro verzeichnet und 900 Menschen beschäftigt. Die Hälfte des Umsatzes wurde im Ausland erwirtschaftet. Bialetti hat sich nicht auf Alukännchen beschränkt, sondern unter anderem den Elektrogeräteproduzenten Girmi oder den Topffabrikanten Cem erworben.


Kapseln gegen Kannen. Es schien, als seien die Kultkännchen eine sichere Bank. Allein in den 13 Jahren vor dem Börsegang 2007 hat sich der Umsatz auf 209 Mio. Euro mehr als vervierfacht. Zum Debüt an der Mailänder Börse schoss die Aktie gleich um 11,2 Prozent auf 2,78 Euro in die Höhe.

Doch dann kam der große Aufstieg des Kaffees aus Kapsel, Pad oder All-inclusive-Automaten. Und selbst in der „Cucina Italiana“ kauft man nun Kapseln und lässt sich einen Kaffee per Knopfdruck brühen. Seither verschlechtert sich die Lage. Für 2009 meldete der Konzern einen Umsatz von 194,2 Mio. Euro – um 7,6 Prozent weniger als 2008. Die Verschuldung betrug 96 Mio. Euro. Der Markt für die traditionelle Kanne von Bialetti soll in den vergangenen zwei Jahren um 26 Prozent geschrumpft sein.

Kapselsysteme sorgen zwar erst für fünf Prozent des Umsatzes mit Kaffeemaschinen in Italien, aber ihr Anteil wächst. Nicht nur in Italien legen diese Systeme kräftig zu. Nespresso ist in den vergangenen zehn Jahren im Schnitt jährlich um 30 Prozent gewachsen. Jüngst berichtete der Marktführer von einem Umsatzplus von 20 Prozent im ersten Quartal.

Bei Lavazza erwartet man, dass der Anteil in den kommenden zehn Jahren auf 25 bis 30 Prozent wachsen wird. Selbst Bialetti bietet neuerdings Kapselmaschinen an. Auch mit neuen Designs versucht Bialetti, die alte Kanne zu retten: rundere, modernere Varianten der Alukanne. Neue Designs von Kuhflecken bis zu roten Punkten, blauen Herzen oder einer eigenen Fiat-Edition. Auch elektrische Kännchen, nach Wasserkocherprinzip, gibt es mittlerweile. Selbst Stahlkannen sind ins Sortiment eingezogen. Schließlich passen die klassischen Alukannen in viele moderne Küchen nicht mehr: Mit Induktionsherden funktionieren sie nicht. Trotzdem, während zahlreiche Hersteller von Küchenutensilien vor Jahrzehnten von Alu auf Edelstahl umgestiegen sind, die klassische „Moka Express“ ist aus Alu. Schließlich sei das für den Geschmack besonders wichtig, da sich im unteren Behälter Kalzium ablagert, im oberen bleiben Kaffeereste. In Italien ist es daher verpönt, die Mokkakanne zu waschen. Mit der Zeit soll der Kaffee so immer besser werden. Außerdem kann man die Oberfläche mit Schwamm oder Reinigungsmitteln so beschädigen, dass Rückstände in den Kaffee gelangen können.


Ein harter Schlag für die Region. Diese Kaffeekultur wird aber abgelöst. Wenn auch langsam. „Die Delokalisierung ist der Anfang vom Ende und keine Lösung“, meinte ein Gewerkschaftssprecher. Das Aus für das Traditionswerk ist auch ein harter Schlag für die Region Piemont und ihre Hauptstadt Turin. Die Wirtschaftskrise hat dort ohnehin schon eine Schneise gezogen, mehrere Klein- und Mittelbetriebe mussten im vergangenen Jahr schließen. Selbst Fiat soll planen, hunderte Jobs im Turiner Werk zu schließen. Auch ein weiteres Bialetti-Werk, in dem 30 Menschen angestellt waren, wurde bereits im Vorjahr geschlossen. Nun fallen 113 Jobs weg.

Die Schließung sei „unausweichlich“, heißt es bei Bialetti. Forschung, Design und „gehobene Produktionsschritte“ sollen aber im Piemont bleiben. Auch der „Omino coi baffi“, das Wahrzeichen, bleibt auf den Kannen. Er wird sie ohnehin überleben. Schließlich ist selbst der alte Italiener ins neue Kaffeezeitalter aufgebrochen und prangt auf den Kapselautomaten.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.05.2010)

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16 Kommentare
Gast: gast
06.09.2010 10:18
0 0

mokka

"fälschlicherweise nennt man sie auch Espressokannen" - gleichzeitig hat bialetti aber mit einem "espresso wie in einer bar" geworben ...

frequenzy
24.05.2010 11:17
2 0

Ein harter Schlag für den Hausverstand

also ich hab meine kanne ganz normale aus dem 1-euro-shop :-) (war zwar etwas mehr als ein euro, aber das gern). der kaffee ist jedes mal überzeugend gut. keine ahnung warum ein großteil der leute so deppert is, das 10fache des kaffeepreises zu bezahlen, in dem sie diese umweltschädlichen tabs kaufen, oder gar diese pseudo-instant-kaffee-kapseln.

Antworten Straker
24.05.2010 19:52
1 0

Re: Ein harter Schlag für den Hausverstand

Da kann ich Ihnen nur beipflichten! Für mich sind diese Tabsmaschinen der Beweis, daß man den Leuten alles andrehen kann, wenn man es nur lange genug bewirbt. Sauteuer. und der Kaffee ist nicht zu saufen. Meine Melitta plus Filtertüten machen einen Kaffee, da stinkt dieses Gschloder elendig ab.

2 0

"...keine ahnung warum ..."

Nicht nur dass der Kaffeepreis 10fach so hoch ist, auch ist die Bauart der tabs je nach Firma unterschiedlich. Man ist also in Geiselhaft von Nestlè oder anderen Kaffeeröstern!

Antworten APFELSYS
24.05.2010 12:38
0 0

Re: Ein harter Schlag für den Hausverstand

Welchen Kaffe nimmt man?
Ganz fein gemahlen, wie den "griechischen"? Oder mittelfein.
Beabsichtige mir so ein Mokkakännchen nach Jahrzehnten wieder zuzulegen.

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Re: Re: Ein harter Schlag für den Hausverstand

Nicht zu fein malen, da der Kaffee bei der Zubereitung im Behälter aufquillt, und es dazu kommen kann, dass das im unteren Behälter befindliche Wasser nicht zur Gänze in den oberen Behälter transportiert wird!

Gast: Panda
23.05.2010 16:19
2 0

Blödsinn -

so ein Lifestyle Gegenstand, der noch dazu nach Italienischer Lebensfreude 'riecht' lässt sich doch immer überteuert verkaufen. Die werden einfach die Produktion gegen Osten verlagern um mehr Profif für ihre Aktionäre rauszuholen und ihren frisch gekündigten italienischen Angestellten erzählen, dass die arroganten Firmen Nespresso und Co daran schuld wären - die Kapseln gabs 2007 nämlich auch schon.

Abgesehen davon mag ich den verbrannten Kaffee nicht der da aus den Kännchen kommt.

Gast: L. da Vinci
23.05.2010 13:44
1 1

Madre mia! Kann man nicht eine Petition im Internet starten?



Antworten Gast: Anastacia
24.05.2010 20:39
0 0

Re: Madre mia! Kann man nicht eine Petition im Internet starten?

Hier noch ein Link, den ich über Nestlé gefunden habe, und der mir auch als seriös erscheint: http://konsumpf.de/?p=569.

Da gibt es viele sehr bedenkliche Informationen über diesen Konzern.

In diesem Artikel der wohl unverdächtigen Basler Zeitung wird berichtet, dass Nestlé mit einem Konzern zusammenarbeitet, der in Indonesien Regenwald ausrottet. Es gibt auch einen Link, wo bedenkliche CO2-Werte der Kaffee-Kapseln beschrieben werden: behttp://bazonline.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Greenpeace-wirft-Nestl-Augenwischerei-vor/story/26529414.

Das überzeugt mich, eine Facebook-Gruppe zu starten

Antworten Gast: Anastacia
24.05.2010 20:19
0 0

Re: Madre mia! Kann man nicht eine Petition im Internet starten?

Fand grade einen interessanten Link zu "Nespresso" - in meinen Augen recht seriös: http://konsumpf.de/?p=569

Übrigens: Besten Dank an Christine Irmlinger für diesen informativen Artikel. Bei dem klingeln meine Alarmglocken. Den speicher ich mir und werde ihn verbreiten.

Beste Grüsse
Anastacia

Antworten lurch
23.05.2010 14:57
1 0

Re: Madre mia! Kann man nicht eine Petition im Internet starten?

Finde ich auch!

Dieses Ding funktioniert nämlich auch mit jeglicher Art von Trinkwasser! Da ist geschmacklich kein Unterschied. Wenn man in manchen Teilen NÖ normales Wasser aus der Leitung für die modernen Maschinen verwendet, dann ist das nicht zu saufen!

Antworten Antworten Gast: Anastacia
24.05.2010 19:59
0 0

Re: Re: Madre mia! Kann man nicht eine Petition im Internet starten?

Bin zwar hier im Forum registriert, hab jedoch sowenig Zeit dazu, dass ich meinen Benutzernamen ständig vergesse. Ok., also als Gast, so wichtig ist mir das - weil: von der Moka-Expres bin ich ein Fan. Und so ein Traditionsbetrieb in einem Dorf, der ist schon etwas wert. Wir benutzen auch täglich die "Moka Expres", und aus dem Artikel weiss ich jetzt, wie die offziell heisst u woher sie kommt. Wir machen immer Werbung dafür, weil das ist der feinste Kaffee und echt ein Ritual. Unsere Kaffeemaschine haben wir weggeräumt, und so ne Kapsel-Maschin würd ich mir aus den genannten Gründen eh nie zulegen. Mag keine Geiselhaft. Mag auch Nestlé nicht - dafür gibt es viele schon lang bekannte Gründe (z.B. in Afrika ... Mütter glaubten, sie müssen ihre Babies mit Nestle-Babymilch füttern, anstatt des Stillens. Das verschmutzte Wasser zum Anrühren der Milch haben die armen Popperln nicht vertragen u. sind gestorben. Der Nestlé-Konzern hat für mich Blut an den Fingern...).

Daher: Super-Idee. Wer von Euch Leuten macht mit bei einem Facebook-Club "Ich bin Fan von Moka-Expres" (oder wer kennt sonst noch gute Espresso-Herstell-Formen?) und Boykott-Club von den Kapseln? Melden Sie sich bitte! Ich starte dann die Gruppe auf Facebook.


Gast: Gast
23.05.2010 12:00
0 1

Aluminium Mitauslöser für Alzheimer

Egal ob Mokkakännchen, oder Aluminiumkapseln.
Es gibt wissenschaftliche Untersuchungen, die bestätigen, dass Aluminium Mitauslöser für Alzheimererkrankungen ist.
Bei den Kapslen ist die Gefahr noch höher, da das Aluminium auch noch von Plastikfolie überzogen ist.
Microteile von Aluminium lagert sich im Gehirn ab, und kann nicht abgebaut werden.
Es ist zu überdenken, ob auch das leichte, und auch billigere Geschirr in Großküchen, oder im eigenen Haushalt gesundheitsschädigende Wirkungen hervorrufen?

Antworten frequenzy
24.05.2010 11:20
0 0

Re: Aluminium Mitauslöser für Alzheimer

ist mir zwar neu, aber plastik ist ja bekannterweise auch nicht gut.

Antworten Gast: speibender regenbogen
23.05.2010 14:27
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ah, wiedermal ein "experte"...

bittwe wo hast denn den blödsinn her?

aluminium ist neben edelstahl eines der sichersten materialien für küchenutensilien und aluminium verhält sich im körper absolut unauffällig, solange man es nicht kiloweise verzehrt.
abgesehen davon, daß die plastikfolie in den kapseln das ablösen von aluminium unterbinden würde, wenn denn eine drin wäre. ist aber keine.

Antworten Gast: 123max
23.05.2010 12:23
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Re: Aluminium Mitauslöser für Alzheimer

gott sei dank gibt es noch andere dinge zum nachdenken, wie wärs mit dem 21.12.2012 - da solls dann eh wurscht sein

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