Börsen: Der fatale Crash einer Kirchen-Sparkassa

In Spanien wird die kleine Sparkassa Cajasur notverstaatlicht, der IWF schickt eine ungewohnt scharfe Warnung an Madrid – und die Aktienkurse gehen weltweit auf Talfahrt.

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(c) REUTERS (MARCELO DEL POZO)

Wien (gau). In Europas sonnigem Süden türmen sich neue dunkle Wolken. Erst machte Griechenland die Investoren nervös, nun richten sie ihre sorgenvollen Blicke auf Spanien – aktuell auf eine politisch-klerikale Provinzposse im andalusischen Córdoba. Dort musste die kollabierende Regionalsparkasse Cajasur am Wochenende unter Kontrolle der Zentralbank gestellt werden.

Fast zeitgleich machte der Internationale Währungsfonds (IWF) einen ungewöhnlich scharf formulierten Bericht an Madrid publik. Darin forderte er dringend strukturelle Reformen, darunter die des Sparkassensektors. Die Kumulation der einander ergänzenden schlechten Nachrichten führte zu erneuter Nervosität auf den Märkten. Nachdem schon die asiatischen Börsen (vor allem wegen der Spannungen zwischen Nord- und Südkorea) mit Abschlägen in den Tag gestartet waren, verlor der Euro Stoxx 2,9 Prozent. Besonders Banktitel litten schwer.

 

Provinzposse mit Folgen

Kleine Ursache, große Wirkung: Die Cajasur, die teils von der Kirche, teils von Kommune und Region kontrolliert wird, macht nur 0,6 Prozent des spanischen Bankensektors aus. Noch vor Pfingsten sah es danach aus, als könnte sie gerettet werden. Geplant war die Übernahme durch die Unicaja Málaga, die von der sozialdemokratischen Regionalregierung gesteuert wird. Doch im letzten Moment verhinderten die Kirchenmänner, vorgeblich aus „Angst um Arbeitsplätze“, durch ein Veto den Deal: Sie wollten ihr Institut nicht den „Roten“ überlassen.

Für Spaniens Wirtschaftsmedien zeigen sich die frommen Herren damit nicht nur vom Heiligen Geist, sondern von allen guten Geistern verlassen. Der konservative Politiker Juan Oveja, bisher Aufsichtsrat bei Cajasur, vergleicht sie mit einem „verschmähten Liebhaber, der seine Freundin umbringt“. Dabei hätten die Priester einer früheren Fusionsvariante gerne zugestimmt, der mit der Caja Murcia in der Nachbarprovinz. Doch das wollte wieder die andalusische Regierung nicht, die um ihren Einfluss fürchtete – und um Finanzierungsquellen für ihre Prestigeprojekte.

In diese Art von Filz sticht der IWF. Er fordert, „den politischen Einfluss auf die Kassen zu reduzieren“ und ihre Konsolidierung zu beschleunigen. Die beiden größten – La Caixa und Caja Madrid – sollen zu Aktiengesellschaften werden, gesunde sollen mit maroden fusionieren, um die Liquidität abzusichern. Das ist auch geplant, verzögert sich aber durch den Widerstand der Regionalpolitiker.

Die 46 Sparkassen machen etwa die Hälfte des spanischen Bankensektors aus. Während die andere Hälfte, dominiert von den börsennotierten Großbanken Santander und BBVA, erstaunlich sicher durch die Finanzkrise navigierte, gingen die „cajas“ in die Falle der Immobilienblase.

 

Radikalreform des Arbeitsmarkts

Im Boom vergaben sie großzügig Hypothekarkredite, nach dem Platzen der Blase geraten nun vor allem kleinere ins Straucheln. Kommen die Fusionen nicht rechtzeitig zustande, müssen sie von einem staatlichen Restrukturierungsfonds am Leben erhalten werden, der mit knapp 100 Mrd. Euro dotiert ist und von der Zentralbank verwaltet wird.

Das ist freilich nicht die einzige Gefahr, die der IWF für den Staatshaushalt sieht. Er lobt das vor zwei Wochen konkretisierte Sparprogramm, fordert aber vehement flankierende Gesetze, damit die Regierung Zapatero einen baldigen Hilferuf nach Washington verhindern kann. „Die Zeit drängt“, vor allem beim „dysfunktionalen Arbeitsmarkt“, der einer „radikalen und dringenden“ Reform bedürfe.

Die hohen Abfertigungen, die weit über dem EU-Durchschnitt liegen, machen ihn extrem unflexibel. Fix Angestellte sind de facto unkündbar, für Junge bleibt meist nur das Prekariat – oder die Arbeitslosigkeit, die unter ihnen fast 45 Prozent ausmacht. Weiters fordert der IWF, Kollektivverträge durch Firmenvereinbarungen zu ersetzen, als Mittel gegen die „schwache Wettbewerbsfähigkeit“. Denn bei den zentralen Verhandlungen ging es in der Dekade der Hochkonjunktur nie um das „blutleere Produktivitätswachstum“, sondern nur um die Anpassung der Löhne an die Inflation.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.05.2010)

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