Bei Getreide, Kaffee und selbstverständlich bei Öl haben wir uns längst daran gewöhnt: Mal geht der Preis nach oben, mal nach unten, je nachdem, wie groß das Angebot gerade ist, wie groß der Bedarf ist und was Spekulanten gerade so treiben. Beim Textildiskonter und vor dem Jeansregal ist das neu. Aber weil auf dem Baumwollmarkt dieselben Spielregeln herrschen wie bei jedem anderen Rohstoff, stehen auch dort Preisschwankungen bevor. Nachdem der Bedarf stets höher war als das Angebot, ist der Preis für Baumwolle in den vergangenen Monaten rasant in die Höhe geschossen.
Schlechte Ernten, Lieferengpässe, Spekulation, schwindende Baumwoll-lagerbestände und eine stetig wachsende Nachfrage nach dem Grundstoff für mehr als die Hälfte der Kleidung der Welt haben schließlich nur eine logische Folge: Jeans und T-Shirts werden vermutlich teurer.
In den USA haben einige Markenhersteller ihre Preise für Jeans bereits erhöht. In Europa könnte das länger dauern, große Preissprünge könnten auch ganz ausbleiben, meinen Branchenkenner. Schließlich ist der Preisdruck bei Textilien groß, Diskonter werfen Kunden immer billigere Leiberl und Hosen nach. Auch in den USA stehen die Händler unter Druck. Die Margen würden nur so dahinschmelzen, sagte Michael Jeffries, der Chef der Edelkette Abercrombie&Fitch kürzlich dem „Wall Street Journal“. Schließlich hätten die Denim-Händler ihre Preise allein in den vergangenen Monaten um bis zu 15 Prozent erhöht.
Schnee ruiniert Ernte. Von der VF Corporation, dem Konzern, dem die Jeansmarken Lee und Wrangler gehören, heißt es, man rechne mindestens bis 2011 noch mit steigenden Materialkosten.
Kein Wunder. Hat der Baumwollpreis in China (dem wichtigsten Anbauland) im Mai doch ein All-Time-High erreicht. Schließlich stockt der Nachschub, die Lagerbestände schwinden. Die Lieferungen werden vermutlich noch das ganze Jahr lang mager ausfallen, da ein signifikanter Anteil der Baumwollernte in China heuer ausgefallen ist. Laut der „Chinese Cotton Association“ ist daran vor allem der schwere Schneefall in der Region Xinjiang Uygut schuld, dem Hauptanbaugebiet von Baumwolle. Die chinesische Textilindustrie ist außerdem der größte Baumwollabnehmer der Welt, produzieren dort doch die Lieferanten der internationalen Textilkonzerne.
Mit einer Erntemenge von rund 6,8 Mio. Tonnen ist China nach den Angaben der Bremer Baumwollbörse der größte Baumwolllieferant der Welt, auf Platz zwei liegt Indien mit 5,1 Millionen, gefolgt von den USA mit 2,7 Millionen Tonnen. In den drei führenden Ländern zusammen werden etwa zwei Drittel der Baumwolle der Welt gepflanzt. Die USA haben die Anbaufläche schon in der Saison 2008/09 massiv reduziert, statt zuvor vier bis fünf Mio. Tonnen wurden nur mehr 2,8 Mio. Tonnen geerntet.
Immerhin ist der Preis vor der großen Rallye jahrelang gefallen: Von 1995 bis 2001 sind die Preise von mehr als einem Dollar auf weniger als 30 Cent gesunken. Während dieser Zeit sind zahlreiche Farmer auf andere, lukrativere Pflanzen umgestiegen.
Nach den Berechnungen der Baumwollbörse werden in der aktuellen Saison 2009/10 (1. August bis 31. Juli) mit rund 22 Millionen Tonnen um fünf Prozent weniger Baumwolle geerntet als im Jahr zuvor. Die Ernte dürfte die schwächste seit fast 15 Jahren werden. Zugleich wächst der Hunger nach dem Rohstoff: Das US-Landwirtschaftsministerium beziffert den weltweiten Anstieg des Verbrauchs in der Saison 2010/11 mit drei Prozent. Im März 2009 lag der Preis noch bei 52 US-Cent pro Pfund, aktuell notiert er bei 0,83 US-Cent pro Pfund.
Tragische Folgen in Indien. Baumwolle wird in mehr als 80 Ländern angebaut, weltweit sind in der Branche gut 350 Mio. Menschen beschäftigt. In der EU ist Griechenland das einzige Land mit einer nennenswerten Baumwollproduktion. In Indien hatten die schlechten Ernten dramatische Folgen: Innerhalb von zehn Tagen haben sich Ende März in der zentralindischen Region Vidarbha mehr als 30 Baumwollbauern das Leben genommen, wie der Sender NDTV berichtete.
Die meisten der Landwirte waren angesichts enormer Ausgaben für Saatgut hoch verschuldet und hätten aufgrund der Ernteausfälle keinen Ausweg aus der Krise mehr gesehen.
Kein Ende in Sicht. Die indische Regierung hat auf die Notlage auf dem Markt reagiert und einen Exporttop für Baumwolle verhängt. Die Preise sind um 20 Cent gefallen, das Ausfuhrverbot wurde wieder aufgehoben. Nichts desto trotz sind die Preise in Indien nach wie vor um ein Drittel höher als ein Jahr zuvor.
Nicht nur in Indien führt die Baumwolle zu Konflikten: In Simbabwe streiken die Baumwollfarmer, in Pakistan rufen die Betriebe der Textilindustrie nach staatlicher Hilfe.
In der Saison 2010/11 wird die Nachfrage nach Baumwolle aller Voraussicht nach zum fünften Mal in Folge das Angebot übersteigen. Während Denim-Fans mit Sorge steigenden Preisen entgegensehen, freut das die Spekulanten. Ein Ende des Preisanstieges ist noch nicht in Sicht.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 13.06.2010)

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