26.05.2012 19:54 | Meine Presse Merkliste 0

Italien: Zur Mafia statt zur Bank

23.07.2010 | 18:26 |   (Die Presse)

Die Kreditklemme verhilft der organisierten Kriminalität zu neuen Geschäften. Das Geld aus Prostitution und Drogenhandel wird immer öfter in legale Unternehmen investiert, die keine Kredite erhalten.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

wien (red/Bloomberg).Die italienische Mafia gehört zweifellos zu den großen Gewinnern der Finanzkrise. In der viertgrößten Volkswirtschaft Europas eröffnet die Kreditklemme der organisierten Kriminalität ganz neue Möglichkeiten der Geldwäsche: Während die Banken ihre Kreditvergabe stark zurückgefahren haben, sprang die Mafia mit kriminellem Geld ein. Seither blüht diese Art des „Geschäfts“. Gleichzeitig zeigen jüngste Ermittlungen, wie umfassend inzwischen die Macht der „Männer der Ehre“ in der italienischen Wirtschaft geworden ist.

„Wer über große Summen an Bargeld verfügt, so wie kriminelle Vereinigungen, kann Investments tätigen, die für andere nicht möglich sind. Sie können jetzt in ganz legale Geschäfte investieren“, sagt Anna Maria Tarantola, stellvertretende Generaldirektorin bei der Zentralbank Banca d'Italia in Rom. Tarantola verantwortet die Aufsicht über die Banken des Landes. Die Unita di Informazione Finanziaria (UIF), eine Sparte der Zentralbank, hat in der ersten Jahreshälfte 15.000 verdächtige Transaktionen beobachtet. Das entspricht einem Anstieg um 52 Prozent gegenüber dem Vorjahr und übersteigt die Gesamtzahl des Jahres 2008.

 

Von Sizilien bis Mailand

Italiens Volkswirtschaft ist 2009 um fünf Prozent geschrumpft, heuer erwartet die Banca d'Italia ein Plus von einem Prozent. Nachdem die Banken des Landes die Kreditvergabe krisenbedingt stark zurückgefahren haben, registriert die Zentralbank derzeit wieder eine steigende Nachfrage nach Krediten. Laut dem Gouverneur der Banca d'Italia, Mario Draghi, werden jedoch offenbar viele Unternehmen nicht mehr bedient. In diese Lücke springt die Mafia mit ihren verschiedensten Organisationen nun ein. Das bringt ihr nicht nur den Vorteil, in legale Geschäfte zu investieren und zusätzliche – legale – Gewinne zu lukrieren, sondern auch gleichzeitig Geld zu waschen, das zuvor „schwarz“ im Drogen- oder Menschenhandel, mit Prostitution, Waffenschmuggel und Erpressung verdient worden ist.

Die Gewinne krimineller Vereinigungen sprudeln. Der römischen Antibetrugsvereinigung SOS Impresa zufolge legten die Einnahmen 2009 um vier Prozent auf 135 Milliarden Euro zu.

Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds macht Geldwäsche jährlich zwei bis fünf Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts aus. Pier Luigi Vigna, ein früherer Chefermittler gegen die Mafia, schätzt diesen Anteil in Italien auf bis zu elf Prozent des BIPs – die genaue Zahl kennt aber niemand.

Das Problem der organisierten Kriminalität galt bisher stärker als Phänomen des ärmeren Südens als des Nordens. „Es gibt eine starke Korrelation zwischen wirtschaftlichem Wachstum und organisiertem Verbrechen“, sagt Tarantola. „So hatten zwischen 1983 und 2007 die Regionen mit den höchsten Mafia-Aktivitäten das geringste Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens.“ Auch heute seien in Sizilien oder Kalabrien die Kreditkosten höher als im Norden, und das Wirtschaftswachstum sei niedriger.

Allerdings sind Mafia-Gruppen des Südens längst quer durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Institutionen in Rom und im Norden der Republik zu Hause – oder sie sind zu Weltunternehmen mit Milliardenumsätzen geworden. Im Vergleich zur sizilianischen Cosa Nostra oder der Camorra aus Neapel gilt heute die 'Ndrangheta aus Kalabrien als die gefährlichste und reichste Organisation.

 

Carabinieri und Unternehmer

Die spektakuläre Verhaftungswelle von 305 mutmaßlichen Mitgliedern der 'Ndrangheta im ganzen Land zeigt, wie weit verzweigt die Netzwerke der Organisation sind: Unter den Verhafteten ist der „Boss der Bosse“, der 80 Jahre alte Domenico Oppedisano – aber auch Carabinieri aus Sizilien, Bauleute aus der Lombardei, Unternehmer aus Rom. Ermittler beschuldigen Manager von Telecom Italia Sparkle und FastWeb, zwischen 2003 und 2007 Steuerhinterziehung und Geldwäsche im Volumen von zwei Mrd. Euro begangen zu haben. In Mailand, der Finanzhauptstadt im Norden, werden 67 mutmaßliche Mitglieder der 'Ndrangheta gesucht und wurden Vermögenswerte von 250 Mio. Euro beschlagnahmt. Den Gesamtwert der beschlagnahmten Güter bezifferte Innenminister Roberto Maroni mit einer Mrd. Euro.

Ob das römische Café de Paris darunter ist, wurde nicht erwähnt. Federico Fellini machte es 1960 in dem Streifen „La Dolce Vita“ weltberühmt, der Film prägte für Jahrzehnte das Bild von Italien. Heute gehört das Café der 'Ndrangheta.

AUF EINEN BLICK

Die Mafia nützt die Kreditklemme, um in legale Unternehmen zu investieren. Kriminelle Organisationen setzen laut Italiens Behörden 2009 rund 135 Mrd. Euro um. Geldwäsche macht bis zu elf Prozent des italienischen
BIPs aus.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.07.2010)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo
Als Gast kommentieren

...oder einloggen um als registrierter Benutzer zu kommentieren (Vorteile dieser Variante)


Mit dem Absenden Ihres Kommentares erklären Sie sich mit den Forenregeln einverstanden.

*... Pflichtfelder

Sicherheitscode
(Was bringt das?)*



Schwer lesbar?
Neuen Code generieren

Verbleibende Zeichen

13 Kommentare
Walter2
25.07.2010 07:43
0 0

Und warum?

Es gibt doch einige Zusammenhänge, welche man dazu nicht außer Acht lassen sollte!?

Höhere Steuer- und Abgabenquoten bringen geringeres, versteuertes Wirtschaftswachstum, aber höheres Wachstum der Schattenwirtschaft.

Zwar ist Schattenwirtschaft (Pfusch) nicht ident mit Mafia-Geschäften, aber beiden gemeinsam ist, dass sie keine Steuern- und Abgaben bezahlen. Detto, das solches unversteuerte Geld ja "irgendwie" wieder in den normalen Wirtschaftskreislauf einfließt. Das nur in den Sparstrumpf an den Kamin zu hängen würde ja den Sinn des "steuerfreien erwirtschaftens" konterkarieren.

Gast: Frank Sinatra
24.07.2010 20:46
0 0

ein bekannter Soziologe hat einmal gesagt .....

.....der einzige Unterschied zwischen der Mafia und der Politik(Banken) ist die Tatsache dass die Mafia wirtschaften kann und die Politiker(Banken) eben nicht!

Gast: mysterium
24.07.2010 19:00
0 0

Nur in Italien?

Wer es glaubt?

Gast: mafiageld
24.07.2010 12:54
1 0

das ist sowas von laecherlich

eh allgemein bekannt und ein alter hut....

auch dass mafiageld in oesterreich weissgewaschen wird - die finanz freuts

nur ist den handelnden politikern nicht klar was sie sich da einhandeln - denn einmal geschaefte mit soclhen leuten gemacht - egal welche - steckt man drinnen und kommt nur mehr raus wenn die andere seite es zulaesst......

die tuer fuer diese "geschaefte" sind ein ekorrumpierte politik und willfaehrige weil horrend verdienende juristenschaft

aber bekanntlich - geld stinkt nicht

Gast: Gast
24.07.2010 11:14
1 0

@ Zur Mafia statt zur Bank




oder zur Kirche…

siehe: http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/570585/index.do




Antworten Gast: gast
24.07.2010 14:41
0 0

Re: @ Zur Kirche statt zur Mafia

Amen

Gast: Gast
24.07.2010 08:10
0 0

Zur Mafia statt zur Bank


Der Unterschied???

Antworten Gast: auch ein gast
24.07.2010 12:52
2 0

Re: Zur Mafia statt zur Bank


Die Mafia hat einen Ehrenkodex

Antworten Gast: Bärenfalle...
24.07.2010 10:08
1 0

Re: Zur Mafia statt zur Bank

Die Bank verlangt Zinsen für Geld welches mittels Geldschöpfung aus dem Nichts generiert wurde.
Die Mafia mußte das Geld tatsächlich zuerst "am Markt" verdienen.

Die Bank verleiht praktisch Nichts, die Mafia dagegen tatsächlich ihr Eigentum und wird dafür aber auch höhere Zinsen verlangen.

Daher dürfte der Vorgang der Kreditanfragenprüfung bei der Mafia wesentlich gründlicher sein da ein höheres Risiko getragen wird. Die sub-prime Krise dürfte die Mafia daher nicht getroffen haben.

Gibt es von denen Aktien ?

Antworten Antworten jta
24.07.2010 15:13
0 0

Re: Re: Zur Mafia statt zur Bank

das stimmt gar nicht. Das Geld läuft über Rechtsanwälte und Beteiligungen. Da geht's um Geldwäsche und nicht in dem Sinn um Kredite.

Ich würde meinen, dass auf diese Weise in den ersten 50 Jahren der Republik etwa 50% der Österreichischen Betriebsgründungen, wenn nicht mehr, gelaufen sind.

Die Investitionsgemeinschaften Akzeptieren da sicherlich (genauso wie die Banken das ja auch tun) 30% Flops.

Wenn die da viele Aggressionen anzetteln würde das eher das Geschäft stören.

Antworten Antworten Gast: seh treffend
24.07.2010 12:56
1 0

Re: Re: Zur Mafia statt zur Bank

nur eines haben sie vergessen:

privatinsolvenz gibts bei der mafia nicht

und fahrlaessige krida kann schon mal toedlich enden

da sind mir die banken schon lieber

Gast: Gasti
23.07.2010 20:29
0 0

Bezüglich des Titels

Ist Mafia und Bank nicht das Gleiche?

Antworten Gast: Die
24.07.2010 08:15
0 0

Re: Bezüglich des Titels

Seriösität ist bei ersterer höher. Die handelnden Personen sich auch um vieles intelligenter. Wer sich an die Regeln hält hat bestes Service garantiert. Der Unterschied kommt hervor, wenn es z.B. finanzielle Probleme gibt. Da gibts in letzter Instant keinen wischi,waschi Gerichtstermin sondern ein persönliches Gespräch mit Anwesenheitssplicht.