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Italien: Zur Mafia statt zur Bank

23.07.2010 | 18:26 |  (Die Presse)

Die Kreditklemme verhilft der organisierten Kriminalität zu neuen Geschäften. Das Geld aus Prostitution und Drogenhandel wird immer öfter in legale Unternehmen investiert, die keine Kredite erhalten.

wien (red/Bloomberg).Die italienische Mafia gehört zweifellos zu den großen Gewinnern der Finanzkrise. In der viertgrößten Volkswirtschaft Europas eröffnet die Kreditklemme der organisierten Kriminalität ganz neue Möglichkeiten der Geldwäsche: Während die Banken ihre Kreditvergabe stark zurückgefahren haben, sprang die Mafia mit kriminellem Geld ein. Seither blüht diese Art des „Geschäfts“. Gleichzeitig zeigen jüngste Ermittlungen, wie umfassend inzwischen die Macht der „Männer der Ehre“ in der italienischen Wirtschaft geworden ist.

„Wer über große Summen an Bargeld verfügt, so wie kriminelle Vereinigungen, kann Investments tätigen, die für andere nicht möglich sind. Sie können jetzt in ganz legale Geschäfte investieren“, sagt Anna Maria Tarantola, stellvertretende Generaldirektorin bei der Zentralbank Banca d'Italia in Rom. Tarantola verantwortet die Aufsicht über die Banken des Landes. Die Unita di Informazione Finanziaria (UIF), eine Sparte der Zentralbank, hat in der ersten Jahreshälfte 15.000 verdächtige Transaktionen beobachtet. Das entspricht einem Anstieg um 52 Prozent gegenüber dem Vorjahr und übersteigt die Gesamtzahl des Jahres 2008.

 

Von Sizilien bis Mailand

Italiens Volkswirtschaft ist 2009 um fünf Prozent geschrumpft, heuer erwartet die Banca d'Italia ein Plus von einem Prozent. Nachdem die Banken des Landes die Kreditvergabe krisenbedingt stark zurückgefahren haben, registriert die Zentralbank derzeit wieder eine steigende Nachfrage nach Krediten. Laut dem Gouverneur der Banca d'Italia, Mario Draghi, werden jedoch offenbar viele Unternehmen nicht mehr bedient. In diese Lücke springt die Mafia mit ihren verschiedensten Organisationen nun ein. Das bringt ihr nicht nur den Vorteil, in legale Geschäfte zu investieren und zusätzliche – legale – Gewinne zu lukrieren, sondern auch gleichzeitig Geld zu waschen, das zuvor „schwarz“ im Drogen- oder Menschenhandel, mit Prostitution, Waffenschmuggel und Erpressung verdient worden ist.

Die Gewinne krimineller Vereinigungen sprudeln. Der römischen Antibetrugsvereinigung SOS Impresa zufolge legten die Einnahmen 2009 um vier Prozent auf 135 Milliarden Euro zu.

Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds macht Geldwäsche jährlich zwei bis fünf Prozent des weltweiten Bruttoinlandsprodukts aus. Pier Luigi Vigna, ein früherer Chefermittler gegen die Mafia, schätzt diesen Anteil in Italien auf bis zu elf Prozent des BIPs – die genaue Zahl kennt aber niemand.

Das Problem der organisierten Kriminalität galt bisher stärker als Phänomen des ärmeren Südens als des Nordens. „Es gibt eine starke Korrelation zwischen wirtschaftlichem Wachstum und organisiertem Verbrechen“, sagt Tarantola. „So hatten zwischen 1983 und 2007 die Regionen mit den höchsten Mafia-Aktivitäten das geringste Wachstum des Pro-Kopf-Einkommens.“ Auch heute seien in Sizilien oder Kalabrien die Kreditkosten höher als im Norden, und das Wirtschaftswachstum sei niedriger.

Allerdings sind Mafia-Gruppen des Südens längst quer durch wirtschaftliche und gesellschaftliche Institutionen in Rom und im Norden der Republik zu Hause – oder sie sind zu Weltunternehmen mit Milliardenumsätzen geworden. Im Vergleich zur sizilianischen Cosa Nostra oder der Camorra aus Neapel gilt heute die 'Ndrangheta aus Kalabrien als die gefährlichste und reichste Organisation.

 

Carabinieri und Unternehmer

Die spektakuläre Verhaftungswelle von 305 mutmaßlichen Mitgliedern der 'Ndrangheta im ganzen Land zeigt, wie weit verzweigt die Netzwerke der Organisation sind: Unter den Verhafteten ist der „Boss der Bosse“, der 80 Jahre alte Domenico Oppedisano – aber auch Carabinieri aus Sizilien, Bauleute aus der Lombardei, Unternehmer aus Rom. Ermittler beschuldigen Manager von Telecom Italia Sparkle und FastWeb, zwischen 2003 und 2007 Steuerhinterziehung und Geldwäsche im Volumen von zwei Mrd. Euro begangen zu haben. In Mailand, der Finanzhauptstadt im Norden, werden 67 mutmaßliche Mitglieder der 'Ndrangheta gesucht und wurden Vermögenswerte von 250 Mio. Euro beschlagnahmt. Den Gesamtwert der beschlagnahmten Güter bezifferte Innenminister Roberto Maroni mit einer Mrd. Euro.

Ob das römische Café de Paris darunter ist, wurde nicht erwähnt. Federico Fellini machte es 1960 in dem Streifen „La Dolce Vita“ weltberühmt, der Film prägte für Jahrzehnte das Bild von Italien. Heute gehört das Café der 'Ndrangheta.


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