Washington. Als Frontmann von BP in den TV-Spots und Inseraten ist Tony Hayward längst verschwunden. Mitarbeiter aus der Region der US-Golfküste haben den Konzernchef in einer Werbekampagne abgelöst, die den Imageschaden für den britischen Ölmulti reduzieren soll.
Sie vermitteln mehr Authentizität als der 53-jährige Brite. Mit seinem näselnden Akzent, der Abgehobenheit suggeriert, wurde er als Buhmann der Ölpest gebrandmarkt. Seine Fauxpas trugen tüchtig zum schlechten Ruf bei. Der laute Seufzer „Ich will mein Leben zurück“ wurde zum geflügelten Wort, die Teilnahme an einer Segelregatta vor der Insel Wight zum PR-Desaster. „Es hat keinen Sinn, Napoleon zu spielen – außer man ist sich des Siegs sicher“: Das riet ihm ein BP-Veteran, als Hayward nach der Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ in die USA reiste – und zwei Monate blieb, um sein Waterloo zu erleben.
Zunächst drängte ihn der Aufsichtsrat Ende Juni inmitten aufkeimender Personalspekulationen dazu, wieder in die Konzernzentrale nach London zu übersiedeln.
Tag 98 der Ölpest
Am 98.Tag seit Ausbruch der größten Katastrophe der Firmengeschichte, der Explosion der Bohrinsel „Deepwater Horizon“ im Golf von Mexiko, drängten ihn die BP-Bosse um den schwedischen Aufsichtsratschef, Carl-Henric Svanberg, zum Rückzug von der Spitze des Unternehmens.
Der Rücktritt soll unmittelbar vor der Bekanntgabe einer verheerenden Quartalsbilanz am Dienstag erfolgen, inmitten von wilden Gerüchten über eine Übernahme durch Konkurrenten wie Exxon oder Chevron und politischen Turbulenzen um die Freilassung des libyschen Lockerbie-Attentäters – auf angeblichen Druck von BP. Die Ölkatastrophe hat BP bisher mehr als vier Mrd. Dollar gekostet – und das ist wohl erst der Anfang. Der Ölkonzern hat einen Schadenersatzfonds von 20 Mrd. Dollar eingerichtet, der womöglich nicht ausreichen wird, um alle Forderungen abzudecken. BP hat bereits begonnen, einen Teil des Imperiums – Ölfelder – zu verkaufen, und man sucht neue Investoren.
Ein goldener „Handshake“ von 14 Mio. Dollar soll den Abgang des glücklosen Hayward versüßen. Er war angetreten, die Konzernphilosophie zu ändern und sich mehr auf das Kerngeschäft zu konzentrieren. Zuletzt aber schien es nur noch eine Frage der Zeit, wie lange sich der studierte Geologe und Zögling des legendären BP-Chefs und Tony-Blair-Freunds John Browne in der Chefetage am feinen St.James Square halten könnte. Dort wird jetzt wahrscheinlich einer einziehen, der schon vor drei Jahren als BP-Chef zur engeren Wahl stand und der Hayward Ende Juni als Krisenmanager der Ölpest nachfolgte; einer, der als „Troubleshooter“ bekannt ist und zudem aus der Region der US-Golfküste stammt – und damit überhaupt der erste Amerikaner im Chefsessel von BP wäre: Bob Dudley.
Die wahrscheinliche Wahl des 54-jährigen Chemikers, der in Mississippi aufgewachsen ist, soll eine Zäsur signalisieren – und eine neue Epoche einläuten. Sie folgt den Interessen eines Unternehmens, das als British Petroleum für ein Empire stand, das längst untergegangen ist. Seit der Übernahme von US-Firmen wie Amoco oder Arco liegen ein Großteil des Geschäfts von BP und ein Drittel der Öl- und Gasfelder des Konzerns in den USA. Überdies sind 40Prozent der Aktien in Besitz von Amerikanern. Dudley startete seine Karriere bei Amoco und landete nach der Fusion bei BP, wo er rasch zum Experten für schwierige Aufgaben avancierte. Ob in China oder Indien: Dudley tauchte stets als Krisenmanager dort auf, wo es für den Konzern brenzlig wurde.
Am härtesten war der Job des Troubleshooters indes in Russland, wo Dudley als Chef des russisch-britischen Joint Ventures TNK-BP agierte. Er geriet in einen Machtkampf mit russischen Oligarchen und dem Konsortium AAR. Als sein Visum 2008 auslief und nicht mehr verlängert wurde, musste er Moskau fluchtartig verlassen.
Bohrloch bald versiegelt?
„Er ist cool, ruhig, gefasst“, beschreibt ihn Kenneth Feinberg, der von der US-Regierung eingesetzte Verwalter des Schadenersatzfonds. Er habe gleich die Kooperation gesucht. Mitarbeiter schätzen seine Fähigkeit, Aufgaben zu delegieren. Und Dudley hat vorläufig auch die nötige Fortüne. Die Arbeiten zur Schließung des Lecks stehen vor dem Ende. In der nächsten Woche könnte BP womöglich mit einem „Static Kill“ das Bohrloch ganz versiegeln – es wäre der lange ersehnte Erfolg.
■Tony Hayward (53), glückloser Chef des Ölkonzerns BP, wird abgelöst. Wahrscheinlichster Nachfolger ist der 54-jährige Chemiker Bob Dudley. Er wäre der erste US-Amerikaner im Chefsessel des britischen Konzerns. Bereits im Juni löste er Hayward als Krisenmanager der Ölpest ab.
("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.07.2010)
Tony Hayward: Der BP-Chef und das Fettnäpfchen
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