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Prodi: "Griechen haben betrogen, weil man sie ließ"

31.08.2010 | 18:44 |  KARL GAULHOFER (Die Presse)

Romano Prodi führte als EU-Kommissionspräsident den Euro mit ein. Heute, in Zeiten der Schuldenkrise, fordert Italiens Ex-Premier ein neu gewichtetes Europa mit deutsch-französischem "Zweizylindermotor".

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„Die Presse“: Eben noch haben wir über die EU-Verfassung diskutiert, über eine europäische Hymne und Fahne. Jetzt geht es um Schulden und darum, wer für wen zahlt. Wie empfinden Sie das als Ökonom und überzeugter Europäer?

Romano Prodi: Die Diskussionen über den „europäischen Geist“ sind vorbei, wir sind wieder zum Alltag zurückgekehrt: zum Geld. Das ist klar, das muss sein. Leider fehlt uns gegenüber Griechenland aber dieser „europäische Geist“, für den Hymne und Fahne ja nur Instrumente gewesen wären.

 

Griechenland hat diese Krise aber ausgelöst.

Prodi: Ja, die Griechen haben den Rest Europas betrogen. Betrügen kann aber nur der, den man lässt. Als man den Euro schuf, wollte man nicht die Kontrollmöglichkeiten schaffen, die wir von der Kommission gefordert haben. Man wollte nicht einmal die Kontrolle durch Eurostat, weil das eine supranationale Behörde ist. Natürlich ist es leichter zu betrügen, wenn niemand die Daten überprüft. Das ist wie bei einem Schulkind, wenn kein Lehrer da ist, der seine Aufgaben korrigiert.

Aber Sie haben den Stabilitätspakt 2002 selbst als „dumm“ bezeichnet!

Prodi: Dafür habe ich auch bitter gebüßt. Ich habe den Pakt kritisiert, weil er nicht mehr ist als eine mathematische Formel. Sie nützt nichts, wenn es keine Politik und keine Kontrollinstrumente gibt, die ihre Einhaltung absichern.

Ist Europa mit der Griechenland-Krise richtig umgegangen?

Prodi: Das lange Zögern der Deutschen hat diese Krise viel größer gemacht, als sie hätte sein müssen. Griechenland macht nur 2,6Prozent des europäischen BIP aus, das ist wirklich nichts. Ohne die Wahlen in Nordrhein-Westfalen wäre das im Nu erledigt gewesen. Die Meinungsumfragenpolitik führt ins Verderben. Vor Kurzem hat mir ein chinesischer Minister gesagt: „Ich verstehe euch Europäer nicht. Ihr habt so viele Wahlen, dass ihr nie langfristig denkt. Ich mache mir große Sorgen über die Zukunft eurer Demokratie.“ Das ist schon lustig, wenn uns ein Chinese so etwas sagen muss!

Wie sehen Sie die Rolle der EZB, des Schutzschirms, den Ankauf von Staatsanleihen?

Prodi: Ohne diese Maßnahmen wäre das totale Chaos ausgebrochen. Sie haben den Währungszusammenhalt gerettet.

Viele sagen: Davon profitieren wieder nur dir Banken, und die Rechnung zahlt der Steuerzahler.

Prodi: Das ist auch völlig richtig. Nur: In der Krise muss man die Banken retten, um die Situation von 1929 zu vermeiden. Es gibt chirurgische Eingriffe, vor denen jedem graut, aber sie sind notwendig, sonst stirbt der Patient. Aber jetzt muss man die Banken zur Disziplin bringen.

Ist die Position des Euro als verlässliche Hartwährung geschwächt?

Prodi: Ich weiß nicht, was Sie mit schwächen meinen. Der Euro ist mit einem viel niedrigeren Kurs gestartet. Dann ist er zu stark geworden. Mir ist ein bescheidener Euro lieber als einer mit einem Wert von 1,55Dollar. Der ganze Kontinent braucht einen Wechselkurs, der unsere Konten im Welthandel nicht aus dem Gleichgewicht bringt.

Anders gefragt: Was muss geschehen, damit der Euro seine Stärke der letzten Jahre verdient?

Prodi: Als wir den Euro eingeführt haben, sagten mir die Chinesen: Wir werden mittelfristig die Hälfte unserer Reserven darin anlegen – weil wir nicht in einer Welt leben wollen, in der nur einer den Ton angibt. Warum haben sie das nicht gemacht, auch als der Eurokurs gestiegen ist? Weil ihnen bei der EU die politische Einheit fehlt. Nur sie könnte die Sicherheit geben, die den Euro zu einem Eckpfeiler der Weltwirtschaft macht.

Wie sehen Sie heute die Rolle Deutschlands in Europa?

Prodi: Es ist heute die bei weitem stärkste wirtschaftliche Kraft. Aber die Deutschen verstehen nicht, dass sie zwar groß genug sind, um Europa anzuführen, aber nicht groß genug, um allein die Welt zu dominieren. Die öffentliche Meinung ist nicht europafreundlich. Der deutsche Wähler glaubt, er allein müsse für Griechenland zahlen. Das ist nicht wahr: Alle zahlen, auch Italien. Als Premier wollte ich den Euro, um Italien zur Disziplin zu zwingen. Wir haben das Instrument der Abwertung nicht mehr, Gott sei Dank. Aber die Deutschen denken nie daran, dass ihre Handelsbilanz ohne den Euro heute unendlich viel schlechter dastehen würde.

Was empfehlen Sie den Deutschen?

Prodi: Sie müssten ihre Stärke nutzen, um politische Verantwortung für Europa zu übernehmen. Die brauchen wir dringend: Italien ist bedeutungslos geworden, Spanien in einer dramatischen Krise, Großbritannien stellt sich an den Rand. Also bleibt nur ein deutsch-französischer Zweizylindermotor, um den sich ein paar starke Länder gruppieren. Aber den gibt es nicht.

Warum nicht?

Prodi: Das liegt an der politischen Führung. Ich kenne Merkel und Sarkozy gut, die können nicht miteinander. Am Ende des Griechenland-Gipfels hat Sarkozy gesagt: „Wir haben alles erreicht, was wir erreichen wollten.“ In Wirklichkeit haben sich die Deutschen durchgesetzt. So etwas muss eine deutsche Kanzlerin zutiefst irritieren.

Brauchen wir eine Wirtschaftsregierung? Müssen starke Länder ihre Exporte drosseln, um die Handelsbilanzen auszugleichen?

Prodi: Es wäre ein Fehler, auf das Niveau der Schwächeren zu nivellieren. Wir brauchen mehr Koordination in der Wirtschaftspolitik, aber jeder muss sich besser entwickeln können als die anderen. Kalifornien ist ja auch wirtschaftlich ungleich potenter als Utah.


Viel hat man sich von den neuen EU-Spitzenpositionen erhofft. Aber Ratspräsident Van Rompuy ist nur ein Moderator im Hintergrund, und Obama ruft eher Merkel oder Sakrozy an als Lady Ashton. Eine versäumte Chance?

Prodi: Noch ist sie nicht versäumt. Aber klar: Die wurden genommen, weil sie schwach sind. Ich kenne Lady Ashton, ich kenne Van Rompuy – der hat ein hohes Niveau. Man muss abwarten. Das Problem liegt eher bei Obama: Europa ist ihm egal, er telefoniert auch nicht mit Merkel und Sarkozy. Und das ist ein historischer Fehler.

ZUR PERSON

Romano Prodi (71) war von 1996 bis 1998 und von 2006 bis 2008 italienischer Premierminister und von 1999 bis 2004 Präsident der Europäischen Kommission. Bis 1999 lehrte er Volkswirtschaft und Industriepolitik an der Universität Bologna. 2008 zog er sich aus der Politik zurück und gründete eine Stiftung, die sich mit Peacekeeping in Afrika beschäftigt.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 01.09.2010)

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26 Kommentare
 
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Gast: Carlos de Salamanca
01.09.2010 14:30
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Die Griechen haben betrogen, in Spanien geht es weiter.

In Spanien stehen Reformen der Rentenversicherung an. Wie in Griechenland, sind Renten / Pensionen in Spanien vererbbar. Wenn jemand (betrügend) bestätigt, dass man die Großeltern, die Eltern oder Geschwister eine Zeit lang gepflegt hat, hat man Anspruch auf einen Anteil der Rente. So hat zum Beispiel eine alleinstehden Frau, deren Vater eine Staatrente von ca. 1000 Euro bekam, eine Versorgung von 870 Euro lebenslang, ohne in ihrem Leben auch nur einen Cent in die Rentenkasse eingezahlt zu haben. Dieses soll nun geändert werden. Aber es gibt Seilschaften in den Regionalen Rentenbüros der Seguridad Social, die fälschen und betrügen, damit Freunde und Verwandten weiterhin "ihr" Geld erhalten. Das Rentenniveau hat dajenige Deutschlands übertroffen, zudem Spanier über Wohneigentum verfügen und hohe Bankeinlagen nicht rentenschädlich sind.

Gast: tc_t
01.09.2010 12:01
0 0

...und herr prodi und seine eu wissend zugeschaut haben.. von anfang an....


1 0

Ein indianische Sprichwort sagt:

Wer den Betrug duldet, ist selber ein Betrüger!

Tea Party for Europe

Wir brauchen dringend eine europäische "Tea Party"!!!

-beim EUR
-bei der EU
-bei der Political Correctness
usw...

Antworten Gast: zara zara
01.09.2010 13:05
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Re: Tea Party for Europe

Geh bitte.
Es gibt schon mehr als genug paranoide Verschwörungstheoretiker.

Re: Tea Party for Europe

Die Ideologie der Tea Party ist ein Sammelsurium von Halbwahrheiten bis gemeingefährlichen Lügen.

Das letzte was wir Europäer brauchen ist noch so ein Zusammenschluss.

0 0

Re: Tea Party for Europe

Du meinst eine Ultrarechte Bewegung...
Was ist dann Strache? Ist er ein Partyluder?

Lustig

"Ich verstehe euch Europäer nicht. Ihr habt so viele Wahlen, dass ihr nie langfristig denkt. Ich mache mir große Sorgen über die Zukunft eurer Demokratie."

War nicht letztes Jahr ein Bericht in der Times (möglicherweise auch in der Wirtschafts-Times) darüber, dass sich Amerika ein Beispiel daran nehmen sollte wie weit weg die Führung der EU vom Bürger ist und dadurch der Apparat handlungsfähig auch langfristig ist?

Dass Brodi jetzt das Gegenteil behauptet grenzt an Realitätsverweigerung. Das einzige Problem, die er jedoch schon anspricht, sind die Kinderein der Politiker. Das gilt leider für jedes Land gleichermaßen.

Gast: Leitwolf2
01.09.2010 07:56
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In Österreich ist es nicht anders..

"Wer" lässt denn den Betrug zu? Die Kernpunkte des Betrugs werden doch in den Medien tunlichst nicht angesprochen. Wenn es brenzlig wird, haben selbst die "kritischten" Magazine und Zeitschriften immer noch dicht gehalten.

Es zahlt sich aus, wenn Medien einerseits vom Staat für "objektive, unabhängige und kritische" Berichterstattung bezahlt werden, und andererseits diverse Beiräte dafür sorgen sollen, dass niemand ausschert.

Re: In Österreich ist es nicht anders..

Da haben sie völlig recht.
Die vierte Kraft in der Demokratie liegt praktisch in den letzten Zügen.

Gast: politisch entmündigter Zahltrottel
01.09.2010 07:16
0 0

Zum Titel

Jo, wiss ma eh. Und wir wissen auch, wer die nächsten sind, die man läßt (ließ). Die Einsicht wurde zu spät verlautbart, gewußt haben sie ohnedies alle Interessierten.

Gast: tztttt
01.09.2010 07:12
0 0

zzzzzzzzzzrt

lange Urlaub ist angesagt
tut gut bei bei p.

Gast: PeterMo
01.09.2010 07:01
0 0

Viele Regierungen ...

ohne langfristige Pespektiven ... na ja, da weiss Herr Prodi ja, wovon er spricht. Seit dem Ende des 2. Weltkrieges hat ja keine einzige der italienischen Regierungen kaum länger als ein Jahr regiert. Das allerdings auf ganz Europa zu übertragen ist schon etwas abenteuerlich.

3 1

hmmm

"In der Krise muss man die Banken retten, um die Situation von 1929 zu vermeiden. Es gibt chirurgische Eingriffe, vor denen jedem graut, aber sie sind notwendig, sonst stirbt der Patient."

Sollte den bei einem chirurgischen Eingriff das Übel nicht entfernt werden?

Prodi....? War das nicht der italienische Ministerpräsident

der es nicht einmal schaffte, den Müll aus Neapel wegräumen zu lassen, als dort die Müllabfuhr monatelang streikte? Als er dann von Berlusconi abgelöst wurde, normalisierte sich die Lage recht schnell.

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Re: Prodi....? War das nicht der italienische Ministerpräsident

Er war anscheinend der beste Europaer. Die EU waehlt ja den besten zum Vorsitzenden!

Re: Prodi....? War das nicht der italienische Ministerpräsident

Vielleicht hatte einer der Beiden einen besseren Draht zur Mafia?

Re: Prodi....? War das nicht der italienische Ministerpräsident

Eh klar, wenn Korruption wieder ihren Lauf nimmt hat man auch Geld um die paar Mistkübler zu zahlen.

Berlusconi ist für Italien auch ein Krebsgeschwür das leider schon gestreut hat.

Prodi weiß,wovon erspricht

von Freunderlwirtschaft bis zur Korruption.
Und je mehr Geld verteilt wird, umso mehr wird fehlgeleitet und die, die eigentlich Unterstützung bekommen sollten gehen leer aus.
Eine unmoralische Bande, oder Banditen machen derart verfehlte Politik.
Geld stinkt nicht, aber IHR seid trotzdem Drecksäue, ich gestehe, wenn ich dann neben diversen Ministern oft zufällig stehe, tun mir diese "weltfremden" dann doch wieder leid und man macht nur höflichen Smalltalk, anstatt ihnen einen Spiegel des Verbrechens vorzuhalten.

Gast: -Leser
31.08.2010 22:40
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Das Zögern der Deutschen

Die Übernahme von Bürgschaften für Griechenland bedeutet den Bruch des Maastricher Vertrages. Schon nach etwa zehn Tagen fiel eine Entscheidung. Wieviel schneller soll´s denn noch gehen?

Gast: dodel
31.08.2010 22:11
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Prodi: "Griechen haben betrogen, weil man sie ließ???"

und wer ist man???

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Re: Prodi: und wer ist 'man'?

blinde Politiker, die erst sehen, wenn's zu spät ist.
Politiker sollten gar Inch regieren dürfen. Wozu gibt's denn die Wissenschaften?

Re: Re: Prodi: und wer ist 'man'?

Politiker die sich ABSICHTLICH blind stellen nur um der Wirtschaft zu Diensten zu sein.
Oder glauben Sie Ro und Bg wären in der Eu wenn die die Augen aufgemacht hätten ?

Aber der Prodi muss es ja wissen-immerhin hat man bei Italien GENAUSO beide Augen zugedrückt wie bei den Griechen.

Gast: Gerhard
31.08.2010 22:05
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Unfähigkeit der Politik

Wenn man bedenkt, wie oft in den EU Ländern Wahlen sind, wodurch die Politik monaltelang in angstvoller Stille verharrt - siehe z. B. Vorstellung des nächsten Budgets in Österrich - muss man den Chinesen recht geben, wenn sie um die Demokratie besorgt sind, oder klarer ausgedrückt, wenn sie die Unfähigkeit der europäischen Politik ansprechen, Probleme rechtzeitig und energisch gemeinsam anzupacken und zu lösen.
Man kann, so grotesk es schenen mag, nur neidvoll nach China blicken.

Ein Italiener schwadroniert über die Schulden Griechenlands

- das nennt man Chuzpe

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Prodi:

Er wird zum italienischen Helmut Schmidt.

 
12

Hobbyökonom