Weltbank: Gewichtsverschiebung in der Finanzpolitik

Mit dem Selbstbewusstsein aufstrebender Wirtschaftsmächte und aus einer Position der Stärke heraus drängen Schwellenmächte wie China den Einfluss der lange dominierenden US-Amerikaner und Europäer zurück.

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(c) EPA (AN MING)

Washington. Die Dekoration bleibt gleich im Exekutivrat des Internationalen Währungsfonds (IWF) im 13. Stock der Zentrale in Washington. An der einen Frontseite hängt ein Ölbild des einstigen IWF-Präsidenten – und ehemaligen deutschen Bundespräsidenten – Horst Köhler, und an der anderen steht auf einem Sockel die Bronzebüste des britischen Nationalökonomen John Maynard Keynes, auf den die Gründung der Institution nach Endes des Zweiten Weltkriegs in Bretton Woods unter anderem zurückgeht.

Doch ringsum verschieben sich die Gewichte im Lenkungsgremium der Finanzwelt. War nach dem Kollaps der westlichen Finanzmärkte vor zwei Jahren noch Kooperation das Zauberwort zur Bewältigung der globalen Krise, so treten die Interessenkonflikte in den Nachwehen umso akzentuierter hervor. Mit dem Selbstbewusstsein aufstrebender Wirtschaftsmächte und aus einer Position der Stärke heraus – die Krise hat sie weit weniger getroffen als die etablierten Industrienationen – drängen die Schwellenmächte den Einfluss der lange dominierenden US-Amerikaner und Europäer zurück, die in schöner Harmonie jahrzehntelang die Spitzenpositionen in der Weltbank und dem IWF unter sich aufgeteilt haben.

 

Konter Chinas

Besonders aggressiv tritt dabei China auf, das Währungsreserven von 2,5 Billionen Dollar gehortet hat – ein Umstand, der US-Finanzminister Timothy Geithner sichtlich irritiert. Er hatte im Vorfeld der IWF-Herbsttagung massiven Druck gegenüber Peking aufgebaut, die chinesische Währung aufzuwerten. Nach Einschätzung von US-Finanzexperten liegt der Renminbi 40Prozent unter seinem tatsächlichem Wert. Die chinesische Zentralbank hatte sich im Sommer lediglich zu einer minimalen Aufwertung von 2,3Prozent durchgerungen. Zugleich werteten auch Brasilien, Südkorea und Japan ihre Währungen ab, die Euroländer wiederum mäkeln am niedrigen Dollar-Kurs.

Chinas Zentralbankchef Zhou Xiaochuan konterte süffisant, der schwache US-Dollar, die niedrigen Zinsen und das schleppende Wachstum in den USA seien mitverantwortlich für das wirtschaftliche Ungleichgewicht. „Die größten Probleme sind die langsamen Fortschritte der Industriestaaten bei der Reform ihrer Finanzsysteme und die anhaltende Abhängigkeit ihrer Finanzbranchen von staatlicher Hilfe“, stichelte er.

Im Schlusskommuniqué der Konferenz, das der US-Forderung nach mehr Offenheit in Währungsfragen Rechnung trägt, hat denn auch China seinen Standpunkt nach einer „ausgewogeneren“ Evaluierung der Wirtschaftspolitik der Industrienationen deutlich durchgesetzt. IWF-Präsident Dominique Strauss-Kahn erklärte, er werde sich persönlich für die Überwachung der Industrieländer einsetzen. Weltbank-Chef Robert Zoellick warnte bei der Abschlusspressekonferenz die Staaten diplomatisch davor, den Blick nach innen zu richten.

 

Mittlerrolle Frankreichs

Dass im grassierenden Währungskonflikt zwischen den USA und China einerseits und den übrigen Industrie- und Schwellenländern andererseits dem IWF künftig eine stärkere Rolle zukommen soll, darüber besteht indes Konsens unter den 187Mitgliedstaaten. Frankreichs Finanzministerin Christine Lagarde kündigte an, die Austarierung der Handels- und Währungskonflikte zum Schwerpunkt des französischen Vorsitzes im Rahmen der G20-Gruppe im kommenden Jahr zu machen. „In einem Krieg gibt es immer einen Verlierer, in dieser Situation aber darf es keinen Verlierer geben.“

Wie erwartet geht die Diskussion um die Sitzverteilung im IWF-Direktorium in die nächste Runde. Noch zieren sich die Europäer, einen oder gar zwei Stammsitze aufzugeben. Eine Entscheidung könnte beim G20-Gipfel in Seoul im November fallen. Soviel ist jedoch sicher: Ab Jänner sitzen neue Gesichter am Tisch der 24Direktoren.

Auf einen Blick

Weltbanktagung: Der Währungskonflikt zwischen USA und China und das Gerangel um die Neugruppierung des Direktoriums des Internationalen Währungsfonds (IWF) – die Hauptthemen der Herbstkonferenz in Washington – wurden aufgeschoben. Der G20-Gipfel in Seoul soll über die neue Sitzverteilung im IWF-Lenkungsgremium entscheiden. Frankreich will im Rahmen seines G20-Vorsitzes im nächsten Jahr eine Mittlerrolle im Währungsstreit einnehmen. Auf Druck Chinas hin stehen die Industrienationen unter einer stärkeren Kontrolle.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.10.2010)

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