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Mit geborgtem Geld aus der Arbeitslosigkeit

14.11.2010 | 18:24 |  JEANNINE HIERLÄNDER (Die Presse)

Bekannt gemacht hat die sogenannten Mikrokredite der indische Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus. Aber Kleinstkredite für Bedürftige gibt es auch in Europa, etwa im Umfang von bis zu zwei Milliarden Euro.

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Brüssel. Bei der Bank haben sie es gar nicht erst versucht. Dabei träumten Franąoise Van Hove und Fatuma Chimanuka schon lange von einem eigenen Lokal. „Aber wir waren arbeitslos“, sagt Van Hove. Und die Chancen auf einen Kredit damit gleich null. Trotzdem leitet die 46-jährige Belgierin seit eineinhalb Monaten die Snackbar „l'îlot saveurs“ im Zentrum von Brüssel. Ihren neuen Job verdankt sie „Crédal“, einer Organisation, die Kleinstkredite an Bedürftige vergibt: Menschen, die bei kommerziellen Banken auf taube Ohren stoßen, weil sie arbeitslos oder verschuldet sind. Oder beides.

Zwei von zehn Erwachsenen in den 15 alten EU-Staaten haben kein Bankkonto – so schätzt das Netzwerk der europäischen Mikrofinanzierer, das rund 90 Mitgliederorganisationen zählt. Sie alle vergeben Mikrokredite: Kredite, die nicht größer sind als 25.000 Euro. In den zehn neuen Mitgliedsländern sind es 47 Prozent der Bevölkerung.

An ihrem Lächeln sieht man Françoise Van Hove ihre Erleichterung an. Vor zehn Jahren verlor sie wegen einer Depression ihren Job als Kinderbetreuerin – seitdem lebte sie von Sozialhilfe. Auch ihre 33-jährige Freundin und Geschäftspartnerin war jahrelang auf staatliche Hilfe angewiesen. Jetzt verbringen die beiden ihre Tage nicht mehr auf dem Arbeitsamt, sondern in der Küche. Mit Krabbenquiches, Thunfischsalaten und Apfelkuchen setzen sie etwa hundert Euro am Tag um. 200 müssten es sein, damit sie die Kosten samt Kredit decken könnten.

Weil Crédal-Kunden im ersten Jahr nur Zinsen zahlen – für Van Hove und Chimanuka sind das 16 Euro im Monat –, kommen sie derzeit über die Runden. Das Haus gehört der Stadt, daher ist die Miete mit 650 Euro für Brüsseler Verhältnisse günstig. „Es ist zu früh, um zu sagen, ob es zum Leben reichen wird“, sagt Chimanuka.

 

Zehn Prozent Ausfallsrate


Können sie ihren Kredit nicht bedienen, gehören Van Hove und Chimanuka zu jenen zehn Prozent Unternehmern, die ihre Schulden bei Crédal nicht zurückzahlen. EU-weit liegt die Ausfallsrate von Mikrokrediten Schätzungen zufolge bei über fünf Prozent – vor der Krise waren es etwa drei. „Wir versuchen natürlich so weit wie möglich, unser Geld zurückzubekommen. Aber manchmal kann man einfach nichts machen“, sagt Crédal-Mitarbeiterin Nathalie Denis.

Die Kreditnehmer müssen keine Sicherheiten vorweisen. „Am Anfang haben wir Garantien verlangt – bis wir gemerkt haben, dass die Menschen dann weniger nach Krediten fragen“, so Denis. Zwar wird das persönliche Umfeld des Kunden überprüft und er muss einen Businessplan erstellen. Aber eigentlich ist die einzige Sicherheit das Bauchgefühl.

Das ist es auch, was die Mikrofinanz so schwierig macht. Denn bei Mikrokrediten handelt es sich um kleine Summen und verhältnismäßig kurze Zeiträume – ein Mikrokredit läuft etwa fünf Jahre. „Es geht nicht nur um kleine Kredite, sondern auch um eine ganz andere Art der Kreditvergabe“, sagt Dietrich Englert aus dem Deutschen Arbeits- und Sozialministerium. Die Kunden seien oft schlecht ausgebildet und bräuchten viel persönliche Betreuung. „Es stehen der Mensch und seine Situation im Mittelpunkt.“

Das deutsche Arbeits- und Sozialministerium will über den Mikrokreditfonds Deutschland, an dem auch der Europäische Sozialfonds beteiligt ist, bis zum Jahr 2015 rund 18.000 Mikrokredite vergeben. Seit dem Start Anfang des Jahres sind es schon 1500, mit einem durchschnittlichen Volumen von 6000 Euro. „Das ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass es auch in entwickelten Volkswirtschaften Bedarf gibt.“ Einer Studie des deutschen Arbeitsministeriums zufolge haben 15 Prozent der deutschen Kleinunternehmen Probleme, an Kapital zu kommen – das sind etwa eine halbe Million Firmen. Besonders Frauen: „Sie starten oft mit zu wenig Kapital und gehen erst viel zu spät zur Bank“, sagt Englert.

Laut Schätzungen sind in Europa Mikrokredite im Umfang von bis zu zwei Mrd. Euro in Umlauf. Geht es nach der Europäischen Union, werden es bald viel mehr sein. Gemeinsam mit der Europäischen Investitionsbank stellt die Europäische Kommission 200 Mio. Euro für Kredite und Haftungen zur Verfügung. Damit sollen bis 2017 etwa 46.000 Mikrokredite mit einem Gesamtvolumen von 500 Mio. Euro vergeben werden.

Derzeit sind rund 23 Millionen Unionsbürger auf Jobsuche. Jährlich werden laut Angaben des Europäischen Investitionsfonds etwa zwei Millionen Firmen gegründet, die Hälfte davon von Arbeitslosen. „Die Initiative wird bald ein paar hunderttausend Menschen erreichen, vor allem solche, die selbstständig sein wollen“, sagt László Andor, Kommissar für Beschäftigung und Soziales. Schätzungen zufolge könnten dadurch bis zu 150.000 Jobs entstehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2010)

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