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„Die Zinsen sind für die Kunden nicht das Wichtigste“

14.11.2010 | 18:25 |  JEANNINE HIERLÄNDER (Die Presse)

Interview. Maria Nowak hat Mikrokredite nach Frankreich gebracht und hilft, sie in Europa zu verbreiten. Weil die Kosten höher sind und der Markt kleiner ist als in Entwicklungsländern, sei das gar nicht so einfach, sagt sie.

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Die Presse: Bei Mikrokrediten denkt man zunächst an Entwicklungsländer. Was ist in der Mikrofinanz in Europa anders?

Maria Nowak: In Entwicklungsländern gibt es viel mehr Kunden, weil dort der Großteil der arbeitenden Bevölkerung selbstständig ist. In Europa sind hingegen die meisten Menschen angestellt. Die Kredite sind in den Industrieländern viel größer als in armen Ländern – in Burkina Faso verleiht man ein paar hundert Euro, in Frankreich sind es schnell 3000 Euro. Die Personalkosten und der administrative Aufwand sind höher: In Europa werden mit Mikrokrediten Unternehmen gegründet, während in armen Ländern vor allem traditionelle Tätigkeiten ausgebaut werden, etwa in der Landwirtschaft.

Wozu braucht man in Europa überhaupt Mikrokredite?

Das Prinzip ist da wie dort dasselbe: Um Wohlstand zu schaffen, braucht es Arbeit und Kapital. Weil arme Menschen aber kein Kapital haben, muss man ihnen mit Mikrokrediten Zugang dazu verschaffen.

Welche Rolle spielt Profit in der

Mikrofinanzierung?

Die meisten Organisationen machen keine Profite. In Europa gibt es hauptsächlich sehr kleine Institute, die vielleicht 50Kredite im Jahr vergeben. Wir vergeben 15.000 Kredite jährlich, aber machen damit auch keinen Gewinn. Es ist viel mehr Aufwand, einen Kredit über 2000 Euro bereitzustellen als einen über 300.000 Euro. Und natürlich sind die Zinsen nicht die gleichen, selbst wenn man dieselbe Rate verlangt wie herkömmliche Banken.


Müssen die Anbieter mehr auf ihre Umsätze achten, um zu überleben?

Nein, ich denke, die Zukunft der Mikrofinanz ist es, die Kosten zu decken. Mikrokredite müssen zukunftsfähig werden, sonst verschwinden sie. Und Kostendeckung ist der einzige Weg dorthin. Ich bin ganz und gar nicht dafür, Gewinne anzustreben. In Mexiko und in Indien gab es Fälle, in denen Institute an die Börse gegangen sind und große Gewinne geschrieben haben. Das ist für mich nicht die richtige Lösung.

Wie sollen die Organisationen kostendeckend arbeiten, wenn ihre Kosten so hoch sind?

Es gibt Institute in Zentral- und Osteuropa, denen das gelungen ist. Sie haben zu einer Zeit begonnen, als viele Menschen Firmen gegründet haben, einfach, weil sie keine Arbeit hatten. Außerdem gab es nicht so viele Banken. Die Kosten waren niedriger, der Zinsertrag größer. Einige machen bis heute hohe Profite.

Wie hoch ist der durchschnittliche Zinssatz für Kleinstkredite?

Das ist von Land zu Land unterschiedlich. Bei uns in Frankreich sind es 9,7 Prozent, in Deutschland zehn.

Das klingt aber überhaupt nicht nach mikro...

Weil Sie das mit den niedrigen Zinsen vergleichen, mit denen die Banken werben. Banken geben lieber niedrige Zinsen an und verlagern einen Teil der Kosten auf die Spesen. Die Zinsen sind für unsere Kunden nicht das Wichtigste. Für die meisten machen die weniger als 20 Euro im Monat aus. Es geht vielmehr darum, dass man – wenn man arbeitslos ist – keinen Zugang zu Krediten hat. Wir haben den Zinssatz in letzter Zeit einmal angehoben, um zwei Prozent. Für die Kunden war das überhaupt kein Thema. Das Wichtige für sie ist, überhaupt Zugang zu Geld zu bekommen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 15.11.2010)

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