Irland: Wie ein Musterschüler durchfallen kann

Der keltische Tiger strauchelte über eine Immobilienblase. Auf ihr Wirtschafts- und Steuermodell aber schwören die Iren noch heute und suchen den Weg zurück zu den Wurzeln des Reichtums.

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(c) AP (JOHN COGILL)

Wien. Wieder einmal, so scheint es, haben sich Ökonomen und Wirtschaftsredakteure gewaltig geirrt. Fast zwei Jahrzehnte lang lobten sie den Aufstiegs Irlands vom Armenhaus zum drittreichsten Mitglied der EU. Viel freier Markt, gepaart mit einem gerade ausreichenden sozialen Sicherungsnetz – Irland schien das beste aus zwei Welten, den USA und der EU, zu verbinden. Der britische „Economist“ sprach hymnisch vom „Leuchtfeuer Europas“. Und jetzt taumelt das Land, ohne es noch recht wahrhaben zu wollen, in Richtung Staatsbankrott – und zieht die ganze Eurozone in eine Existenzkrise.

Für die Iren haben freilich die Lenker versagt, nicht die Denker. Ihre Achtung für die eigenen Volkswirte ist sogar gestiegen. Denn diese haben, anders als ihre US-Kollegen, durchaus gewarnt – was Premier Bertie Ahern, heute Buhmann der Nation, als „Jammern und Raunzen“ abtat. Zu eindeutig waren die Anzeichen, dass sich die Iren an ihrem überhitzten Immobilienmarkt die Finger verbrennen würden. Vor allem aber hatte sich das Land schon seit 2002 vom exportorientierten Wachstumsmodell entfernt – unbemerkt vom Ausland, das den „keltischen Tiger“ weiter lobte und streichelte.

 

Der Sündenfall ab 2002

Zwischen 1990 und 2007 wuchs die irische Wirtschaft im Schnitt um 6,5Prozent, die Arbeitslosigkeit sank von 20 auf sechs Prozent. Das ursprüngliche Erfolgsrezept dahinter: eine sehr gut ausgebildete, junge Bevölkerung, relativ niedrige Löhne, ein flexibler Arbeitsmarkt und damit hohe Wettbewerbsfähigkeit. Dazu kam eine in Westeuropa konkurrenzlos niedrige Körperschaftsteuer von 12,5 Prozent, die vor allem US-Konzerne ins Land lockte. Google, eBay, Facebook, Intel, Dell und Pfizer errichteten hier ihre Europa-Zentralen, brachten Kapital, Know-how und Wertschöpfung.

Zu Beginn des neuen Jahrtausends aber begann das Wachstum leicht abzuflachen. Das Konzept mit den niedrigen Ertragssteuern funktionierte nur, solange ein stetig hohes Wachstum dennoch für volle Kassen sorgte. Zudem sank der Wille Brüssels, den Haushalt der neureichen Iren mit Milliarden aus den Kohäsions- und Strukturfonds aufzupäppeln.

Da kam die Euro-Einführung gerade recht. Sie brachte ungewohnt niedrige Zinsen und schuf, ähnlich wie in Spanien, die Basis für einen Kredit- und Immobilienboom. Ergänzt wurde er durch Steuererleichterungen für Bauprojekte und eine Regulierung, die bei den immer riskanteren Kreditgeschäften konsequent wegsah.

Nun fühlten sich Finanzjongleure angezogen, zur Freude der Regulatoren: „Es ist kein Zufall, dass sich Finanzdienstleister, die an vorderster Front der Produktinnovationen stehen, in Irland niederlassen“, rühmte sich der Chef der Finanzaufsicht IFR kurz vor Ausbruch der Krise. Wer ein Haus baute, konnte sich das Acht- bis Zehnfache seines Jahresgehalts an Kredit besorgen – oft unbesichert.

 

Die Löhne fahren Achterbahn

2006 arbeitete jeder Siebente in der Bauindustrie. Für die restliche Wirtschaft aber wurde Irland immer weniger attraktiv. Mit den Wohnungspreisen stiegen auch die Löhne, die Wettbewerbsfähigkeit sank: Nirgends in der EU stiegen die Lohnstückkosten zwischen 1999 und 2007 so stark wie in Irland. Auch die Beamten kassierten kräftig, und Charlie McCreevy, Finanzminister von 1997 bis 2004, verkündete sein Credo einer zyklischen Fiskalpolitik: „Wenn ich Geld habe, gebe ich es aus.“

Dennoch erzielte er Überschüsse. Denn was bei der Körperschaftsteuer langsam erodierte, kam durch Steuern auf Immobiliengeschäfte locker wieder herein– bis die Blase platzte. In der Krise kehren die Iren wieder den liberalen Musterschüler heraus. Als die Nachbarn noch Konjunkturpakete schnürten, präsentierten sie ihr erstes Sparprogramm. Als die Arbeitslosigkeit stieg, sanken die Löhne – wie im Lehrbuch. Wir sind wieder kompetitiv, freut sich die Exportwirtschaft und will zurück zu den Wurzeln des Wunders.

Doch der Rucksack, den der Staat mit den Katastrophenbanken geschultert hat, ist 80 Mrd. Euro schwer. Die Bankenrettung kostet die Hälfte der Wirtschaftsleistung. Damit ist Irland de facto bankrott. Die EU will als Gegenleistung für ein Anzapfen des Rettungsfonds ein Ende der niedrigen Unternehmenssteuern. Auf diesen Eckpfeiler des Modells aber will Irland weniger denn je verzichten. Die US-Konzerne, heißt es, drohen sonst bereits mit dem Abzug. Auch daher rührt der verzweifelte Versuch der Iren, sich dem Drängen Brüssels zu entziehen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.11.2010)

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