Madoff-Klagen: Ein Sachwalter schlägt um sich

Der vom Gericht bestellte Irving Picard fordert 6,4 Mrd. Dollar von JP Morgan. Der Rechtsstreit überrascht nicht, die Höhe des Betrages schon. Viele weitere Klagen werden in den kommenden Tagen folgen.

MadoffKlagen Sachwalter schlaegt sich
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MadoffKlagen Sachwalter schlaegt sich
(c) AP (MARK LENNIHAN)

Wien/Sr. Irving Picard ist kein Mann der leeren Worte. Kein Nutznießer des Skandales um Bernard Madoff werde so einfach davonkommen, sagte der Sachwalter nach seiner Bestellung vor knapp zwei Jahren. Mittlerweile brachte der Anwalt mehrere hundert Klagen ein. Auf besonderes Interesse stößt die bislang letzte von ihnen: Donnerstagnacht forderte Picard von der Großbank JP Morgan 6,4 Mrd. Dollar (4,9 Mrd. Euro).

Das Institut agierte jahrelang als Geschäftsbank der von Madoff geleiteten Investmentgesellschaft. „JP Morgan stellte sich bewusst blind, obwohl viele Warnzeichen sichtbar hätten sein müssen“, beschuldigt der New Yorker Jurist die zweitgrößte amerikanische Bank. Irving fordert JP Morgan auf, 5,4 Mrd. Dollar Strafe zu bezahlen, zusätzlich zu einer Mrd. Dollar an von Madoff kassierten Gebühren.

Die Bank weist jede Schuld von sich. Die Klage entbehre jeder Grundlage. Man habe Madoff bloß als normale Geschäftsbank gedient. „Im Gegensatz zu den Behauptungen des Sachwalters wussten wir in keiner Weise von dem Betrug“, verkündete die Firma.

Die Klage gegen JP Morgan ist die zweitgrößte bisher eingebrachte in Verbindung mit dem Betrugsfall Madoff. Im Vorjahr forderte Picard rund sieben Mrd. Dollar von den Erben des verstorbenen Großinvestors Jeffry Picower. Dieser gilt als größter Nutznießer des Betrugs, weil er sein Investment vor Auffliegen des Skandals abzog und zum Teil jährliche Renditen von bis zu 950 Prozent erzielte.

 

Noch eine Woche Zeit für Klagen

Der in der New Yorker Schickeria einst angesehene Investor und frühere Chef der Technologiebörse Nasdaq Bernard Madoff zog über Jahrzehnte ein gewaltiges Schneeballsystem auf. Er betrog Anleger weltweit um bis zu 65 Mrd. Dollar. Knapp ein Drittel davon wurde tatsächlich in die Firma Madoffs einbezahlt. Den restlichen Betrag wähnten die Anleger in Form von Kursgewinnen auf ihren Konten.

Am 11. Dezember jährt sich die Verhaftung des zu 150 Jahren Haft verurteilten Betrügers zum zweiten Mal. Mit diesem Datum ist auch die Insolvenz seiner Gesellschaft datiert. Da die Gerichte Picard zwei Jahre lang Zeit gaben, um Klagen einzureichen, wird die Zeit für den Sachwalter knapp. Allein in den vergangenen zwei Wochen klagte Picard über 100 Privatpersonen. Sie hätten unrealistische Gewinne erzielt, die sie nun zurückzahlen sollen, um so betrogene Investoren zu entschädigen.

Ebenfalls auf der Liste der Geklagten findet sich die Schweizer UBS sowie mehrere US-Investmentfirmen. Sie hätten laut dem Juristen vom Skandal wissen müssen, sich bewusst blind gestellt oder in „unrealistischem Ausmaß“ von dem Betrug profitiert. Alle betroffenen Institute bestreiten sämtliche Vorwürfe vehement.

Noch ist unklar, mit welchem Ausmaß an Entschädigungen von Madoff geprellte Anleger rechnen dürfen. Bislang hat Picard Klagen über mehr als 20 Mrd. Dollar eingebracht. Dieser Wert entspricht in etwa der ursprünglichen Ankündigung des Sachwalters, wonach er ein Drittel des Schadens von 65 Mrd. Dollar von den Profiteuren zurückholen wolle.

Allerdings bezweifeln viele Beobachter, dass ihm das tatsächlich gelingen wird. So erwartet beispielsweise kaum jemand, dass JP Morgan tatsächlich zu einer Strafe von 6,4 Mrd. Dollar verdonnert werden wird. Vielmehr dürften sich die Streitparteien außergerichtlich einigen. Selbst eine Zahlung von einer Mrd. Dollar gilt in Finanzkreisen als völlig angemessen. Nicht zuletzt deshalb reagierte auch die Aktie der Großbank kaum auf die Einreichung der Klage.

 

Nutznießer oder Geschädigte?

Manche der von Picard geklagten Nutznießer holen indes zum Gegenschlag aus. Sie sehen sich als Opfer. Zwar hätten sie mit ihrem Investment Geld verdient. Allerdings gaukelte ihnen Madoff deutlich höhere Gewinne vor, in Form von gefälschten Kontoauszügen. Deshalb dürften mehrere Geklagte auch zu Klägern werden und Entschädigungen fordern. Dabei geht es vor allem um Privatpersonen und kleinere Fondsgesellschaften.

Wie die Rechtsstreite ausgehen werden, ist ungewiss. Lediglich, dass sie sich über viele Jahre ziehen werden, gilt als gesichert. Selbst Picard sagte zuletzt: „Ich hoffe, möglichst viel Geld herauszuholen. Aber versprechen kann ich natürlich gar nichts.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 04.12.2010)

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