Madoff-Skandal: US-Anwalt jagt Wiener Banken

Laut Irving Picard sollen österreichische Banken im Madoff-Skandal eine Schlüsselrolle gespielt haben. Er hat die Wiener Bankerin Sonja Kohn, die Bank Medici, die Bank Austria und UniCredit auf 14,8 Milliarden Euro verklagt.

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Picard – (c) REUTERS (BRENDAN MCDERMID)

Bei ihrer Einvernahme durch die Staatsanwaltschaft Wien gab sich Sonja Kohn, Gründerin der inzwischen geschlossenen Bank Medici, ahnungslos. „Es ist mir unbegreiflich und für mich unvorstellbar, wie Madoff an allen Kontrollinstanzen vorbei diesen Betrug begehen konnte“, gab sie zu Protokoll. „Weder bei mir noch bei anderen Personen oder Aufsichtsorganen hat die Performance einen Verdachtsmoment ausgelöst.“ Doch der New Yorker Staranwalt und Konkursverwalter Irving Picard, der Madoff-Opfer vertritt, glaubt ihr nicht. Seiner Ansicht nach soll die Wiener Bank Medici eine Schlüsselrolle bei den Machenschaften des Finanzjongleurs Bernard Madoff gespielt haben. Picard brachte in der Nacht auf Samstag gegen Kohn, die Bank Medici, die Bank Austria, ihre Konzernmutter UniCredit und weitere Personen eine Klage in Höhe von 19,6 Milliarden Dollar (14,8 Milliarden Euro) ein. Noch nie zuvor wurde von einem österreichischen Unternehmen eine so hohe Summe gefordert.

Seelenverwandte von Madoff? In der Klage bezeichnete Picard die Bank-Medici-Mehrheitseigentümerin Kohn als „Seelenverwandte“ des zu 150 Jahren Haft verurteilten Finanzbetrügers Madoff, mit dem sie 23 Jahre lang aufs Engste zusammengearbeitet habe. „In Sonja Kohn fand Madoff eine kriminelle Seelenverwandte, deren Gier und unehrlicher Einfallsreichtum seinem eigenen ebenbürtig waren.“ Die Bank Austria war mit 25 Prozent an Medici beteiligt und verkaufte ebenfalls in großem Stil Madoff-Produkte. Sie kassierte dafür hohe Provisionen.

Madoff war der Star der New Yorker Finanzszene. Seine Fonds erzielten hohe Renditen, auch wenn es mit den Aktienmärkten bergab ging. Wie sich später herausstellte, legte der mittlerweile zu 150 Jahren Haft verurteilte US-Broker die Gelder nicht an, sondern verteilte sie ähnlich wie bei einem Pyramidenspiel immer weiter. Im Zuge der Finanzkrise flog der Skandal auf. Die Schadenssumme wird auf 65 Milliarden Dollar geschätzt. Doch der Großteil des Geldes ist verschwunden.

Prominente im Aufsichtsrat. Die Bank Medici mit 15 Mitarbeitern war in Europa eine der größten Vertriebsstellen von Madoff-Fonds. Der große Name des Instituts hat übrigens nichts mit dem Florentiner Adelsgeschlecht zu tun. Kohn gab ihrer Bank einfach den Namen Medici. Die heute 62-jährige Bankerin begann ihre Karriere in den 1970er-Jahren in den USA. Damals lernte sie auch Madoff kennen. Zurück in Österreich gründete sie mithilfe der Bank Austria die Bank Medici. Kohn ist in Wien exzellent vernetzt. Sie flog mit den Ex-Chefs der Wiener Börse nach Shanghai und Dubai und fädelte Kooperationen ein. 1999 erhielt sie das Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich.

Im Aufsichtsrat von Medici saßen Ex-Wirtschaftsminister Hannes Farnleitner (ÖVP) und der ehemalige Finanzminister Ferdinand Lacina (SPÖ). Beide versicherten, dass in der Bank nie von Madoff gesprochen wurde. Laut Anwalt Picard können 9,1 Milliarden Dollar des von Madoff veruntreuten Geldes Kohn und ihren Verwandten zugeordnet werden sowie einem Labyrinth von Fonds in Österreich, Italien und Gibraltar. Der Opferanwalt ging auch gegen andere Großbanken juristisch vor.

Who-is-Who der Wiener Finanz im Visier

Picard, fährt in seiner Milliardenklage gegen Sonja Kohn auch schwere Geschütze gegen mächtige Banker auf. Er hat den ehemaligen UniCredit-Boss Alessandro Profumo ebenso im Visier wie den Ex-Chef der Bank Austria, Gerhard Randa, der ja Kohn einst bei der Beschaffung einer Banklizenz in Österreich behilflich gewesen sein soll.

Die Liste der Beschuldigten liest sich wie ein Who-is-who der Wiener Hochfinanz: Angeführt sind etwa auch die ehemaligen Bank-Austria-Vorstände Wilhelm Hemetsberger, Friedrich Kadrnoska (jetzt laut Firmen-Compass u. a. conwert-Verwaltungsrat) und Werner Kretschmer (nun bei der UniCredit-Fondstochter Pioneer), der spätere Wiener-Börse-Chef Stefan Zapotocky, Fondsmanagerin Ursula Radel-Leszczynski sowie der nunmehrige Verkehrsbüro-Vorstand Harald Nograsek.

Weiters beschuldigt sind sechs Familienangehörige Kohns, darunter ihr Ehemann Erwin, diverse Kohn zuzurechnende "Scheinfirmen" in Österreich, New York, Italien, Gibraltar und auf den Cayman Islands und ehemalige Organe der Wiener Bank Medici (Peter Scheithauer, Helmuth Frey, Manfred Kastner, Josef Duregger, Andreas Pirkner, Werner Tripolt, Andreas Schindler). Auch Gianfranco Gutty von der Mailänder Bank-Austria-Mutter UniCredit ist in der 153-seitigen Klage, die bereits im Internet kursiert, ein Absatz gewidmet.

Vorwürfe werden bestritten.
Der Anwalt von Kohn, Andreas Theiss, bestreitet die Vorwürfe. Die Anschuldigungen „entsprechen nicht der Realität“, so Theiss zur „Presse am Sonntag“. Kohn und die Bank Medici seien Opfer und nicht Täter. Die Bank Austria kündigte an, „mit aller Vehemenz gegen die Klage vorzugehen“. Anleger, die ihr Geld verloren haben, freuen sich über das Vorgehen von Picard. Sollte der US-Anwalt Erfolg haben, würden die Madoff-Opfer direkt davon profitieren. In Österreich zählten neben Prominenten aus Wirtschaft, Politik und Sport auch die Gemeinde Hartberg und die Kärntner Tourismusholding zu den Geschädigten. „Die Vorgänge in den USA sind für uns eine Bestätigung“, sagte Ex-Justizminister Dieter Böhmdorfer, der Madoff-Anleger vertritt und ebenfalls die Bank Austria geklagt hat.

(APA / "Die Presse", Print-Ausgabe, 12.12.2010)

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