Tory-Vordenker kritisiert 'völlig perverses' Finanzsystem

Die freie Marktwirtschaft habe zu einer Konzentration des Reichtums geführt, kritisiert Philip Blond. Eine neue Form der Sklaverei sei geschaffen worden.

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(c) Reuters (TOBY MELVILLE)

Einer der einflussreichsten Vordenker der regierenden britischen Konservativen, Philip Blond, übt scharfe Kritik am herrschenden Finanzsystem. "Wenn Banken zinsenfrei Geld beim Staat ausleihen, um es in Staatsanleihen zu investieren und Zinsen zu kassieren, während die Unternehmen keine Kredite bekommen, dann ist das ein völlig perverses System", sagte Blond am Dienstag beim "com.sult"-Kongress in Wien.

"Banken sterben national"

Blond kritisierte weiters, dass die Steuerzahler für internationale Abenteuer der Banken ihres Landes haften müssen. "Banken leben international, aber sie sterben national", sagte er ironisch. Er wies darauf hin, dass die Bilanzsumme der britischen Banken mittlerweile das Fünffache der Wirtschaftskraft Großbritanniens betrage. In den 1970er Jahren seien es nur 50 Prozent des britischen BIP gewesen.

Der Chef der Londoner Denkfabrik "ResPublica" gilt als Architekt der Neuausrichtung der vom britischen Premier David Cameron geführten Torys. In seinem Buch "Red Tory" fordert er einen dritten Weg jenseits von Kapitalismus und Staatswirtschaft, wobei vor allem lokale Initiativen gestärkt werden sollen.

"Neue Form von Sklaverei geschaffen"

Weder Privatisierung noch Verstaatlichung hätten funktioniert. Die freie Marktwirtschaft habe nämlich "zu einer Konzentration des Reichtums" geführt, verwies Blond auf die Tatsache, dass in Großbritannien die unter Einkommenshälfte mit nur einem Prozent des gesamten Vermögens auskommen muss. "Wir haben eine neue Form der Sklaverei geschaffen, und die Sklaven stellen die Mehrheit", kritisierte Blond. "Kapitalismus führt zur Bildung von Kartellen. Wir haben keinen freien Markt."

Weil eine stärkere Rolle des Staates in der Wirtschaft nur zu Überregulierung und Anspruchsdenken führe, sei eine auf Gegenseitigkeit beruhende Wirtschaftsform der einzige Ausweg. "Freiwillige Zusammenschlüsse sind das fehlende Bindeglied zur Lösung so vieler Probleme", erwartet sich Blond auch eine effizientere Kriminalitätsbekämpfung durch lokale Initiativen. In Großbritannien werden zwei Drittel aller Häftlinge nach ihrer Entlassung wieder rückfällig, weil der Staat ihnen nicht das bieten könne, was sie für eine Resozialisierung brauchen. "Sie brauchen drei Dinge: Zwischenmenschliche Beziehungen, Familie und einen Arbeitsplatz."

Blond sieht EU in kritischem Zustand

Blond äußerte sich auch kritisch zum Zustand der Europäischen Union. Während die Rechte nur an einem grenzenlosen Markt interessiert sei, wolle die Linke ein soziales Europa mit zusätzlichen Regulierungen schaffen. Nichts davon könne der EU jene "politische Basis für eine europäische Identität" geben, die sie unbedingt benötige, um der globalen Konkurrenz und dem Aufstieg der extremen Rechten widerstehen zu können. "Wir müssen eine europäische Identität schaffen, die nicht nur auf der Bürokratie beruht".

(APA)

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