Ferguson: "Deutsche werden in sauren Apfel beißen"

Deutschland und Frankreich würden nicht einsehen, dass ihr wirkliches Problem die Banken sind, sagt der Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson.

Niall Ferguson Banken gravierenderes
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Niall Ferguson Banken gravierenderes
(c) Reuters (Jonathan Ernst)

Der britische Wirtschaftshistoriker Niall Ferguson hält ein Auseinanderbrechen der europäischen Währungsunion derzeit für unwahrscheinlich. "Aber wir werden etwas erleben, was einem Zahlungsverzug sehr nahe kommt, sei das in Griechenland oder Irland", sagt Niall Ferguson im Interview mit dem Schweizer "Tagesanzeiger". Die Frage sei vielmehr, ob Deutschland am Ende die Rechnung bezahlen werde. "Ich persönlich denke, dass sie in den sauren Apfel beißen werden, weil es für sie noch teurer kommt, die Eurozone zu verlieren", lautet seine Vorhersage.

Ferguson glaubt zwar, dass Deutschland handeln wird, um die Eurozone zu stabilisieren. "Aber das wird wohl erst spät und vor allem auf wenig wirkungsvolle Weise geschehen. Der Grund dafür ist, dass die deutsche Regierung nicht einsehen will – Gleiches gilt für die französische –, dass ihr wirkliches Problem die Banken sind", gibt Ferguson zu bedenken. In der Eurozone gebe es eine ganze Reihe insolventer Banken: Von den deutschen Landesbanken bis hin zu den regionalen Sparkassen (Cajas) in Spanien. "Hier liegt das weitaus gravierendere Problem als bei den Staatsschulden", ist der Historiker überzeugt.

Ferguson fordert Transferunion

Zur Lösung der Problems schlägt Ferguson eine Art Transferunion vor. Es müssse ein übergreifendes Steuer- und Finanzsystem geben, das einen automatischen Transfer von Deutschland zu den Griechen erlaube. Diesbezüglich übt er auch Kritik an Deutschland: "Es will nicht erkennen, dass das Problem in Wahrheit auch ein deutsches Problem ist und nicht nur ein solches der bedrängten Peripherieländer."

Die Arbeitsmärkte der Euroländer müssten durchlässiger werden, fordert der Historiker. "Die Unterschiede zwischen den reicheren und den ärmeren Ländern in der Eurozone sind heute sogar noch ausgeprägter als 1999 bei der Gründung der Währungsunion", meint Ferguson.

"Langsames Dahinsiechen" des Euro

Bereits 2010 meinte der Experte, der Euro werde zu einer Weichwährung, wie "DiePresse.com" berichtete. Seine Vorhersage lautete: "Die Europäer werden zunächst zusammenbleiben und sich durchwursteln". Er sprach davon, dass der Euro "nicht einfach mit einem Knall auseinanderbrechen, sondern langsam dahinsiechen" werde.

Schon damals wies er auf ein grundsätzliches Problem der Euro-Zone hin: "Es gibt nach wie vor keinen Mechanismus für finanzielle Transfers zwischen den Mitgliedstaaten. Ohne neue EU-Verträge lässt sich das auch nicht machen".

 

(Red.)

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