Deutschland: Revolte im Parlament der Volkswirte

25.02.2011 | 19:06 |  KARL GAULHOFER (Die Presse)

Uni-Ökonomen reicht es: Ihre Warnungen vor dem Euro-Schutzschirm stoßen auf taube Ohren. Jetzt haben 200 akademische Volkswirte in einem „elektronischen Parlament“ abgestimmt: 90 Prozent halten ihn für "fatal".

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Wien. Befragt man zwei Ökonomen, hört man drei Meinungen: Dieser böse Spruch scheint zumindest für Deutschland nicht mehr zu gelten. In einem „elektronischen Parlament“ haben 200 akademische Volkswirte darüber abgestimmt, was sie von dem dauerhaften EU-Rettungsschirm halten, der im März beschlossen werden soll. Das eindeutige Ergebnis: gar nichts. Über 90 Prozent stimmten für einen Text, der eine „dauerhafte Garantie der Zahlungsfähigkeit“ für hoch verschuldeten Staaten der Eurozone als „massiven Fehlanreiz“ geißelt, der „das Fundament der EU untergräbt“.

So lautet, kurz gefasst, die Argumentation der Professoren: Schon dem provisorischen Rettungsschirm fehlt die Rechtfertigung. Sind Länder wie Irland, Portugal oder Spanien nur vorübergehend nicht liquide, dann brauchen sie ihn nicht: Sie können mit ihren Gläubigern neue Bedingungen verhandeln – zum Beispiel längere Laufzeiten. Glauben die Investoren nicht mehr, dass sie nur einen Liquiditätsengpass überbrücken, dann sind die Schuldner einfach insolvent. Ein Rettungsschirm für de facto insolvente Staaten aber bietet „massive Anreize“, die „Verschuldungspolitik zulasten der EU-Partner fortzusetzen“.

 

Keine Rettung ohne Insolvenz

Eine Budgetüberwachung oder ein „Pakt für Wettbewerbsfähigkeit“ hilft da wenig. Nur wenn die Gläubiger zumindest auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten müssen, kommen die Dinge auf Dauer ins Lot. Denn erst ab dann werden die Anleihen mit angemessenen Risikoprämien gehandelt, und der höhere Preis wirkt einer noch höheren Staatsschuld „sehr viel effektiver entgegen als Kontrollen und Sanktionsdrohungen“.

Erst wenn die bittere Pille „Umschuldung“ geschluckt ist, sind EU-Hilfen gerechtfertigt – und auch notwendig. Denn die Folgen dürfen „nicht unkalkulierbar werden“. Um eine Panik auf den Finanzmärkten zu verhindern, sind die „maximalen Ausfallrisken systemisch wichtiger privater Gläubiger einzugrenzen“. Zudem wird ein Staat, der gerade ein Insolvenzverfahren hinter sich hat, kaum zu privaten Krediten kommen. Auch da muss die Union einspringen – wenn auch unter strengen Auflagen. Der Internationale Währungsfonds (IWF) soll im Vorfeld den Richter darüber spielen, ob ein Insolvenzfall vorliegt oder nicht. Sonst könnte ein Insolvenzfall „unterlaufen oder verzögert“ werden – auch von der Europäischen Zentralbank (EZB). Dass sie mit ihrem Anleihenaufkauf „die Geldpolitik in den Dienst der Stützung von Staaten stellt“, sehen die Ökonomen gar nicht gern.

Momentan aber deute alles auf eine „Vergemeinschaftung der Schulden“, was zu „höheren Steuern oder Inflation“ führen wird – „mit fatalen Folgen für das Projekt der europäischen Integration“.

 

Repräsentatives Ergebnis

Schauplatz des Appells ist das „Plenum der Ökonomen“. Der Hamburger Bernd Lucke hat dieses „Online-Parlament“ vor einem halben Jahr gegründet, aus Frust darüber, dass die Politiker die Experten vor weitreichenden Entscheidungen nicht um Rat fragen.

Er wollte aber „nicht mit einer Unterschriftensammlung herumlaufen, sondern ein Meinungsbild aufzeigen“, erklärt Lucke der „Presse“. Wie funktioniert das „Parlament“? Am Anfang stehen einige Thesen. „Irgendwer muss sich aus dem Fenster hängen“, sagt Monika Merz, die in Wien lehrt und als Plenums-Präsidentin am Entwurf mitgearbeitet hat. Der wurde online diskutiert, die Kommentare sind einsehbar.

Auf ihrer Basis wurde der Text überarbeitet und schließlich abgestimmt. Wie repräsentativ ist das Ergebnis? 500 deutsche VWL-Professoren gibt es, 300 traten dem „Plenum“ bei, zwei Drittel von ihnen stimmten ab. Nicht votiert hätten vor allem jene, die zu ganz anderen Themen forschen. Eine Verzerrung gibt Lucke zu: Schon zur Gründung des „Plenums“ war die Irritation über den Rettungsschirm das große Thema; seine Gegner „hatten eine stärkere Neigung beizutreten“. Dennoch hält er das Ergebnis für „einigermaßen repräsentativ“. Auch eine Befragung aller Kollegen hätte „eine sehr klare Mehrheit“ ergeben – Lucke schätzt sie auf 80 Prozent. Darauf weise auch die Liste der Ja-Stimmen, ergänzt Merz: Da finden sich Absolventen der eher „linken“ Uni Harvard wie solche der „rechten“ in Chicago. Unter der Kritik am Schirm scheinen fast alle Uni-Lehrer Platz zu finden – sofern sie aus Deutschland stammen.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 26.02.2011)

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84 Kommentare
 
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Gast: Bazi
27.02.2011 09:57
0

Transfer

Der Transfer aus den wenigen Geberländern wird wahrscheinlich noch so lange fortgesetzt, bis dort alle privaten Rücklagen und Altersvorsorgen verfrühstückt sind. Erst dann wird der Euro abgeschafft.

Tolle Planwirtschaft im neoliberalen Europa!


Re: Tolle Planwirtschaft im neoliberalen Europa!

Ja.Neoliberal ist eben nur eine feine Sache für den kleinen Sektor der Nutznießer die aus Geld Geld machen und weitervermehren und der Sektor der aus der Mehrheit der rechtlosen Arbeitssklaven(Einführung in Ö.findet sukzessive statt[Ewiges Praktikum ,Teilzeit und Leiharbeit und einige Scheuslichkeiten mehr]) Ihren Profit schinden und diesen gleich wieder am (fast)unregulierten Finanzmarkt wieder anlegen,aber nicht fein ist es für die Bevölkerungsmehrheit der man aber großteils!? erfolgreich einredete es geschehe zum Vorteil aller.
Blöd da stehen heute die ökonomischen Fanatiker die in der Hajekökonomie ihr Heil immer noch suchen und finden.Wenn die vom Wiener Hajekinstitut "dozieren"glaubst Du der Pfarrer predigt von der Kanzel.

Die neoliberalen EU-Biedermänner

verstaatlichen den EURO - da sieht man den Systemfehler.

Wer über 2+2 abstimmt hat einen Vogel?

Natürlich ist das Ganze eine Spinnerei.

Anstatt die Verwaltungskosten drastisch einzuschränken, werden über verwickelte Gesetze ständig neue Kosten programmiert.

Bei den Guttenbervorgaben kein Wunder - wie viele haben noch Doktorieren lassen?

Sind aber ausgepuffte Schurln mit Rechhaberei-Komplex?

Wann begreifen BürgerIn, daß ihre Macht im Abwählen, nicht im Wiederwählen der Korruption besteht.


Antworten Gast: Halbwissen
27.02.2011 11:59
0

Re: Wer über 2+2 abstimmt hat einen Vogel?

30 % sind schon Nichtwähler !
Zufrieden ?

Gast: unbeteiligter
26.02.2011 15:30
1

und jetzt muss nur noch die unfähige..........

Merkel weg und das deutsche Volk den Putsch gegen die Verfassung (was anderes ist die Eurorettung nicht) bestrafen .

t

Die Merkel ist doch offenbar eine der wenigen die im Bezug auf den Rettungschirm noch einen Sinn für die Realität hatte.



Lediglich die ständigen Vorwürfe sie würde durch Ihre zögerliche Haltung alles schlimmer machen hat Sie einbrechen lassen. Hätten damals die Ökonomen rechtszeitig Ihre Meinung kundgetan dann wäre Merkel vermutlich nicht eingebrochen.
Im Kern hat Merkel stets geforder was die Ökonomen nun verspätet kundtun, leider konnte Sie auf Grund mangelhafter Unterstützung an Ihrer Realitäts-bezogenen Meinung nicht festhalten.

Antworten Antworten Gast: unbeteiligter
27.02.2011 13:55
1

Re: Die Merkel ist doch offenbar eine der wenigen die im Bezug auf den Rettungschirm noch einen Sinn für die Realität hatte.

Merkel täuscht doch nur die dummen wähler in der Brd und gaukelt denen vor,dass sie Rückgrat hat.

nur Nacktschnecken haben keines.......

Antworten Antworten Gast: gast
26.02.2011 20:20
1

Re: Die Merkel ist doch offenbar eine der wenigen die im Bezug auf den Rettungschirm noch einen Sinn für die Realität hatte.



MOOOMENT AMAL , kritiker !

hätte .erkel von vornherein auf ihr volk gehört, ihren chef also, dann wäre es nie zu diesem ''''alternativlosen''' sch..oko gekommen !

sie hätte gesagt : WEG MIT GRIECHENLAND, WENN ES NICHT KANN !, und das wäre das ende vom lied gewesen. her mit der mark, raus aus der ÄÄUU, ohne deutschland eh nix, und gegessen wär das semmerl !

Contenance,

die bisherigen und die jetztige Regierung haben das Staatsschiff Österreich sehr gut durch die stürmische See gebracht. Dass sie Österreich in einen Geleitzug eingebracht haben, spricht für die vorsichtige Politik. Österreich hat sehr viel gewonnen durch Europa und durch den EURO.
Österreich hätte es nie mit dem Schilling geschafft zum Franken oder Pfund aufzuschliessen. Bei einem gezielten Angriff durch Spekulanten wäre die Währung hoffungslos abgesoffen.
Fährt man in die Welt trifft man Österreicher, nicht deshalb weil sie besonders tüchtig sind,sondern weil ihnen das die Politiker und die Regierungen durch gute Politik es möglich gemacht haben.
Also bitte mehr Zufriedenheit und Anerkenntnis der gescholtenen Schicht die ihr Bestes geben.

????

Wie bitte. Sie glauben doch nicht allen Ernstes, dass mir auch nur ein POLITIKER geholfen hat im Ausland zu bestehen. So einen Schwach..inn habe ich schon lange nicht mehr gelesen.
Gruss aus dem Ausland, und glücklich nicht auch noch für den Irrsinn der Politiker bezahlen zu müssen (zahle im Ausland meine Steuern)

Unsere Regierung hat noch gar nichts zu Stande gebracht, und ob der unter dem Titel krisebewältigung angehäufte Schuldenberg rechtfertigbar ist darf bezweifelt werden.



Sollte die Hypo-Adria implotieren, dann platzt der Ö. Schuldberg, und Wir sind mit einem Schlag insolvent.

Gleiches gilt für die übernommenen Garantieren, für die PIIGS-Mitgliederstaaten.

Eine bewegliche kleine Währung ist niemals Ziel eines Angriffes für Spekulanten.
Nur ein Moloch wie der €uro ist angreifbar, weil ja jeder weiß wie schwer sich die EU mit Einigungen tut, und daher die Spekulanten genug Zeit zum spekulieren haben.

Antworten Gast: Idefix1
26.02.2011 15:54
0

Die EU-Fanatiker sollten zufrieden sein, daß Österreich derweil immer noch EU-Mitglied ist

Ein Schuß Ironie in Sachen E-inzigartiger U-nsinn kann hin und wieder nicht schaden, aber die Meldung "Bei einem gezielten Angriff durch Spekulanten wäre der Schilling hoffungslos abgesoffen." ist ja wirklich schon zynisch.

Wenn man allein bedenkt, wie dermaßen abgesoffen die Schwedische Krone ist, welche bekanntlich NICHT an den Euro gebunden ist.....

Wenn eine Währung in Bezug auf andere Währungen abwertet ist dass normalerweise für einen Staat gut.



Auch Inflation ist für den Staat gut, weil dann seine Staatsschulden (Anleihen sind nicht Inflationsangepaßt) sinken.


Wenn Sie statt "Geleitzug" vom "Zug der Lemminge"

geschrieben hätten, dann hätte ich Ihnen folgen können.
Was meinen Sie übrigens damit, dass "Österreich zum Franken aufgeschlossen hat"?????
Das einzige Problem, dass die Schweiz mit dem Franken hat, ist seine Überbewertung. Im übrigen ist keine einzige Währung im Verlauf der Krise durch Spekulantenangriffe "abgesoffen", aber dafür eine ganze Reihe von Euro-Ländern. Die Rechnung ("Euro-Rettungsschirm") werden wir erst erhalten.

Re: Wenn Sie statt

Gerne gebe ich ihnen Recht, was das Verhältnis Einigkeit EURO- Länder zur Übermacht US-Dollar angeht, da sind die Europäer wirklich nicht gerade Lemminge, den die folgen bekanntlich blind der Führung. Unsere Ordnung ist weitgehendst demokratisch also hat man die Möglichkeit auzusteigen.
Zum Thema Schilling, dazu muß man frühere Zahlen bemühen, während der Franken sich aus der Geschichte, besonders aus dem 2. Weltkrieg als stabile Fluchtwährung etablieren konnte, auf die sich auch der GIgant Dollar und Pfund einigen konnte ohne Angriffspunkte. Denn erst in jüngster Zeit geriet der Franken in die Schusslinie der US - Behörden. Der Schilling konnte sich in der Kürze der Zeit einfach nicht zur gleichwertigen Fluchtwährug entwickeln, er war mit zuviel Fluchtgeld aus Staaten belastet die nicht unbedingt zum Renommee der österreeichischen Banken betrugen, daher war die Angliederung an den EURO eine Vernünftige, wenn auch icht gerade eine Bestlösung.

Antworten Gast: gast
26.02.2011 14:40
0

Re: Contenance,



EW, laß das saufen-das macht ein sprödes hirn !

Re: Re: Contenance,

Eine einfache Frage, außer der Stillosigkeit. haben Sie wirklich noch den Führerschein, denn wer anderen so etwas zu unterstellen versucht ist meist selbst als Alki aufgefallen.

Antworten Antworten Antworten Gast: gast
26.02.2011 20:22
0

Re: Re: Re: Contenance,



führerschein seit 30 jahren, keine gröberen vorkommnisse, mäßiges trinkverhalten, keine medikamente oder ärgeres.

UND KEIN ÄÄÄUU- DODL !

EWFUKLDA säuft nicht sondern ist entweder Teil der Politik/Beamten-Landschaft oder Opfer der gekonnten Täuschungen (Betrugs) unserer Politiker.




Re: EWFUKLDA säuft nicht sondern ist entweder Teil der Politik/Beamten-Landschaft oder Opfer der gekonnten Täuschungen (Betrugs) unserer Politiker.

1A, weder noch ich bin einfach als Kind der Nachkriegszeit stolz auf Österreich und das Erreichte. Nur wenn man im zeitliche Abstand auf seine Heimat blickt sieht man wie gut Östserreich in Verbund mit den besten Staaten dieser Welt etabliert ist.

Antworten Antworten Antworten Antworten Gast: Idefix1
26.02.2011 17:44
1

Blindwütiger EU-Fundamentalismus hilft uns nicht weiter

Na wunderbar!
Aber wieso muß das Erreichte unbedingt mittels der EU-Mitgliedschaft wieder ruiniert werden ??

Gast: I Ging 1, 21
26.02.2011 14:29
1

Reiche

Der €uro soll durch regionale Gelder mit Umlaufgebühr ergänzt oder ersetzt werden. Dann ist eine leistungslose Geldvermehrung der Reichen nicht mehr möglich.

Gast: gats
26.02.2011 11:12
0

Euroskeptiker geht mir auf die Nerven!!!

<Um eine Panik auf den Finanzmärkten zu verhindern, sind die „maximalen Ausfallrisken systemisch wichtiger privater Gläubiger einzugrenzen“. Zudem wird ein Staat, der gerade ein Insolvenzverfahren hinter sich hat, kaum zu privaten Krediten kommen. Auch da muss die Union einspringen – wenn auch unter strengen Auflagen.>

Welchen Unterschied macht es ob einzelne Finanzinstitute oder Staaten gerettet werden müssen? Es ist doch immer das Geld der Steuerzahler. Ausserdem ist das Risiko einer Kapitalflucht aus dem Euroraum im Falle einer Insolvenz viel zu hoch. Abstimmen kann man schnell einmal, es bleiben aber viele wichtige Fragen unbeantwortet. Entweder wissen die Herren Ökonomen nicht wovon sie sprechen oder aber die Presse hat schlecht recherchiert. Generell gilt für alle Euroskeptiker auf dem Boden der Realität zu bleiben und nicht irgendwelche Luftschlösser zu bauen, die letzten Endes zu einer weitaus dramatischeren Situation führen könnten. In der realen Welt bleibt die Gemeinschaftswährung in der jetzigen Lage alternativlos. Nach dem Motto Mitgehangen ist Mitgefangen, hätten sich die Ökonomen und Skeptiker vor der Euroeinführung darüber den Kopf zerbrechen sollen, wie es um die Stabilität einer Währung, die nicht auf einer nationalen Einheit beruht, bestellt ist. Dieses ewige Gejammere, das an den Tatsachen absolut nichts ändert, nervt.

Re: Euroskeptiker geht mir auf die Nerven!!!

Der Unterschied ist, dass die Finanzinstitute 50 Jahre Steuern (wenn auch wenig) gezahlt haben und das die nächsten wieder tun werden.

Während die Staaten im Süden ein Loch ohne Ende sind.

 
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