23.05.2013 17:10 Merkliste 0

Portugal: „Wir brauchen ein Wunder“

07.04.2011 | 18:37 |  Von unserem Korrespondenten RALPH SCHULZE (Die Presse)

Der Ruf nach EU-Hilfe sorgt in Portugal für gemischte Gefühle, sowohl Erleichterung als auch Angst vor der Zukunft. Ausschlag hatten jene Horrorzinsen gegeben, die Portugal für seine Schulden zahlen musste.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Mehr zum Thema:

Lissabon. Es war ein verhängnisvolles Wort, das nicht wenige Portugiesen seit Wochen mit Sorge erwartet hatten, und dieses Wort sagt eigentlich alles: „Hilfe“. In riesigen weißen Lettern vor schwarzem Hintergrund prangt es auf der Titelseite der portugiesischen Tageszeitung „Publico“. Darüber ein Foto jenes Mannes, der es nicht schaffte, das Land aus dem Schuldenstrudel zu führen, und kurz vor dem Untergang den Rettungsknopf drückte: José Socrates, sozialistischer Übergangsregierungschef, der eigentlich schon vor zwei Wochen den Hut an den Nagel gehängt hatte und zurückgetreten war.

„Da kommt ein Tsunami auf uns zu“, sagte Staatssekretär Carlos Zorrinho nach der Katastrophennachricht. Socrates' Botschaft an das Volk in der Nacht zum Donnerstag verhieß keine einfache Zukunft: Seine Regierung habe „im nationalen Interesse“ beschlossen, „die EU-Kommission um finanziellen Beistand zu bitten“. Ohne diesen Hilferuf wäre Portugal unkalkulierbaren Risken ausgesetzt. Die Situation werde sich verschlimmern, wenn nichts getan würde, sagte Socrates mit versteinerter Miene in seiner nächtlichen „Rede an die Nation“. Stunden zuvor hatte er ausländische Hilfe noch abgelehnt.

 

Zinsen waren nicht mehr finanzierbar

Den Ausschlag hatten jene Horrorzinsen gegeben, die Portugal in den letzten Tagen für seine Schulden zahlen musste. Vor Socrates' Hilferuf hatten sich die Zinsen für einjährige Anleihen auf fast sechs Prozent geschraubt, für drei- bis fünfjährige Schuldpapiere musste Portugal den Anlegern mehr als neun Prozent Zinsen hinblättern. Zehnjährige Anleihen lagen nur knapp darunter und damit fast auf der Höhe des Pleite-Eurolandes Irland. „Das kann kein Staat lange aushalten“, stöhnte man im Finanzministerium.

„Ich habe tagelang dafür gekämpft, dass dies nicht geschieht“, sagte ein sichtlich angeschlagener Socrates mit grauem Gesicht in seiner TV-Ansprache. Er ahnte vermutlich, dass dieser Offenbarungseid auch das Ende seiner politischen Karriere einleiten dürfte. In der vorzeitigen Neuwahl des portugiesischen Parlaments am 5. Juni räumen die Umfragen ihm und seinen Sozialisten keine Chance ein. Socrates ist vor zwei Wochen zurückgetreten, nachdem die Parlamentsmehrheit eine neue harte Sparrunde mit tiefen sozialen Einschnitten als „unzumutbar“ abgelehnt hatte.

 

„Volk nicht auf Brot und Wasser setzen“

Oppositionschef Pedro Passos Coelho, Vorsitzender der konservativen Sozialdemokraten, meinte dazu: „Man kann einem Volk nicht Brot und Wasser verordnen.“ Passos Coelho, der vermutlich Portugals neuer Ministerpräsident werden wird, fordert schon länger europäische Unterstützung und ging mit Socrates hart ins Gericht: Dieser habe in der Vergangenheit „ein illusorisches Bild eines Landes geschaffen, das keine Hilfe braucht und das die Sparziele erreicht, aber dies hat nichts mit der Wirklichkeit zu tun“.

 

Lissabon trickste bei Budgetzahlen

In der Tat musste die Europäische Kommission in den letzten Monaten schon mehrfach eingreifen: Zuletzt Ende März, als die Brüsseler Buchprüfer entdeckten, dass Portugals Haushaltsdefizit höher war als von Socrates angegeben. Es lag 2010 bei 8,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes und nicht, wie versprochen, bei 7,3 Prozent. Womit Portugal das angestrebte Sparziel der Haushaltssanierung klar verfehlte.

Doch auch mit der viel zu spät an die aufgeblähten Staatsausgaben gesetzten Axt konnten die Schuldenkatastrophe und der Vertrauensverlust an den Finanzmärkten nicht mehr verhindert werden: Ein Stopp für Pensionssteigerungen, empfindliche Steuererhöhungen, Lohnkürzungen im öffentlichen Dienst, weniger soziale Leistungen, Mautgebühren auf den Autobahnen, höhere Preise im öffentlichen Transport, Einsparungen im ohnehin lahmenden Bildungs-, Gesundheits- und Justizwesen, Baustopp öffentlicher Infrastruktur. Selbst dieser Horrorsparkatalog brachte nicht schnell genug die notwendige Etat-Entlastung.

Nun wird allgemein erwartet, dass Portugal einen Notkredit aus dem von Euroländern und Internationalem Währungsfonds (IWF) gefüllten Rettungsfonds in Höhe von bis zu 90 Milliarden Euro braucht. Allein bis zum Juni müssen mehr als neun Milliarden Euro an Krediten zurückgezahlt werden. Schon am heutigen Freitag werden die EU-Finanz- und Wirtschaftsminister in Budapest sich des neuen Pflegefalls Portugal annehmen. Sicher ist schon jetzt, dass der Rettungskredit mit harten Auflagen verbunden sein wird, sodass sich die Portugiesen auf eine noch ziemlich lange Leidenszeit gefasst machen müssen.

 

Portugiesen erwarten Verschlechterung

Vermutlich ist der Kater in Portugal am Tag nach dem nächtlichen Rettungsruf deshalb groß: Umfragen zufolge glaubt die Mehrheit der Portugiesen, dass es dem Land, dessen Wirtschaft jetzt schon schrumpft und das elf Prozent Arbeitslose hat, in einem Jahr noch schlechter gehen wird als heute. Die katholische Kirche befürchtet gar, dass im heute bereits ärmsten Land Westeuropas mehr Menschen „Hunger leiden“ werden.

Immer mehr Portugiesen holen sich jetzt schon in kirchlichen Suppenküchen ihre tägliche Mahlzeit. Der gesetzliche Mindestlohn liegt in Portugal bei bescheidenen 475 Euro im Monat. Der Bischof der südportugiesischen Stadt Beja, Vitalino Dantas, vertraut offenbar nicht mehr auf die Politik. Stattdessen fleht er: „Wir brauchen ein Wunder.“

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.04.2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr zum Thema:

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

15 Kommentare
Gast: niederösterreicher
08.04.2011 10:25
2 0

Es braucht keine Wunder!

Die Ursache des Übels liegt in der sozalen Marktwirtschaft und dem damit einhergehenden ausufernden Sozialstaat!

1. Sozialstaat abschaffen - jeder soll für sein Geld arbeiten müssen, keiner kann sich auf Kosten der Allgemeinheit auf die faule Haut legen!
2. Einführung der freien Marktwirtschaft.

Und alle Probleme sind gelöst!

Re: Es braucht keine Wunder!

1. Sozialstaat abschaffen - jeder soll für sein Geld arbeiten müssen, keiner kann sich auf Kosten der Allgemeinheit auf die faule Haut legen!
Wollen Sie den Amerikaner vorwerfen, dass sie einen überbordenden Sozialstaat haben?

2. Einführung der freien Marktwirtschaft.
Wurde ja gemacht.
-PPS (Privat Public Sharing etc.) Resultat: Die Gemeinden haben sich über beide Ohren verschuldet.
- Privatisierung in fast allen Bereichen.

NEbenbei erwähnt bin ich auch gegen die Staatswirtschaft. Aber alles mit Mass und Ziel. Und die ach so erfolgreichen Banken haben uns ja in den letzten Jahren bewiesen wie gut die MArktwirtschaft funktioniert. Gewinne privatisieren Verluste sozialisieren.

Gast: timeo
08.04.2011 08:44
4 0

Staatsbankrott und die ehem. Ostblockländer

Schön langsam nähern sich nun bereits auch die EU-Länder durch ihre Überschuldungen dem Staatsbankrott.
Auffällig dabei ist, dass es durchwegs diese Länder sind, die von Sozialdemokraten regiert werden.
Ein Vergleich mit den ehemaligen Ostblockländern bietet sich an: Auch die Ostblockländer waren alle heruntergewirtschaftet und konnten nicht mehr weiter, bis sie alle zusammengebrochen sind.
Das, was vor 2o Jahren im Ostblock war, wird nun, zumindest in sozialdemokratisch geführten Ländern, auch im Westen geschehen.
Ein Beweis mehr dafür, dass es ohne Leistung einfach nicht geht. Es kann erst ausgegebne werden, was man vorher erwirtschaftet hat.Die Iden der Linken sind nur Träumereien, bis sie die Wirklichkeit eingholt. Dann aber wird viel Leid die Bevölkerung ertragen müssen: siehe wieder die Ostblockländer. Ihr wurde dort eingeredet, sie leben im Paradies, bis sie daraufgekommen sind, dass sie eigentlich ganz unten wohnen.

Re: Staatsbankrott und die ehem. Ostblockländer

Wenn erst die Linken in Deutschland regieren, dann ist Feuer am Dach der EU; Gute Nacht Europa!

Gast: Papa Schlumpf
08.04.2011 08:43
1 0

Jahrelang werden Kredite aufgenommen um sich zu bereichern

Das Geld versichert im Dunstkreis der Politik, wird für die Klientel ausgegeben, ...

Und dann: uhhhh - wir haben plötzlich Schulden, wie konnte das passieren!

Und andere sollen - und werden vermutlich - dafür zahlen. Das ist organisierter Diebstahl.

Gast: Wanderer.
08.04.2011 08:30
0 0

HAt wirklich jemand geglaubt, die größte Finanz- und Wirtschaftkrise seit den 30er Jahren geht so einfach (billig) vorüber?

Noch 2006 wurde etwa Irland von den Neoliberalen und kurzsichtigen Wirtschaftsjournalisten gelobt. Auch die iberische Halbinsel galt vielen als Musterbeispiel der segensreichen Kräfte der "freien Marktkräfte".

Jetzt sieht die Sache ganz anders aus.
Doch gerade jene, die an den Finanz- und Spekulationsblasen sehr viel verdienten, zahlen nichts für die Folgen.

Gast: Arbeitsdepp
08.04.2011 08:03
2 0

Verschuldungswahnsinn

Da wird den Günstlingen wie Beamten, Bauern, ÖBB, ASFINAG etc. das Geld reingestopft ohne Ende, Geld bei Projekten in Milliardenhöhe vergackt, verschwinden bei Banken die Milliarden ( BAWAG: wo sind denn die 2 Milliarden versteckt? , HYPO NÖ und Kärnten, ... ).
Arbeitslose / Arbeitsunwillige werden reichlich versorgt.
Die Verwaltungsreform wird von der jeweiligen Regierung seit Jahrzehnten verhindert.
Und NICHTS ändert sich: ausser wieder einmal ein Belastungspaket für die immer weniger werdenden Leistungsträger.

Und jetzt sollen wir anderen europäischen Staaten auch noch Geld schenken die jahrelang die EU belogen haben und mit dem Geld fahrlässig verschwenderisch umgegangen sind.

Antworten Gast: timeo
08.04.2011 08:46
2 0

Re: Verschuldungswahnsinn



Sie haben die von der derzeitigen Unterrichtsministerin Schmied ruinierete Communalbank vergessen....

Gast: Luzifer
07.04.2011 23:42
2 2

Warum boomt die Wirtschaft in Deutschland und liegt

Portugal wirtschaftlich darnieder?

Die Erklärung ist relativ einfach: In Deutschland hielt sich bei den Lohnsteigerungen an die Produktivitätssteigerung. Dadurch konnten 2 Mill. Menschen zusätzlich in Lohn gebracht werden, die Steuern und Abgaben bezahlen bzw. die Sozialbudgets nicht belasten. Die Finanzen Deutschland erholen sich zusehens! In Portugal ging man den anderen Weg: Lohnsteigerungern betrafen die Produktivität. Das Ergebnis: die Industrie "wanderte" ins billigere Osteuropa und nach Asien ab. Es gibt in Portugal zb. keine Texilindustrie mehr. Das gleiche gilt auch für Fischindustrie.

So gesehen war die Wirtschaftspolitik von Frau Merkel höchst erfolgreich!

Antworten Gast: Wanderer.
08.04.2011 08:20
1 0

Re: Warum boomt die Wirtschaft in Deutschland und liegt

Diese Erklärung stimmt so einfach nicht.

Die Sachverhalte sind weitaus komplizierter.

Zwei Hinweise dazu:

1. Angela Merkel kann gar keine Wirtschaftspolitik über Lohnabschlüsse machen!

2. Portugal hat u.a. seine Textilindustrie v.a. an China verloren (nicht an osteurop. Länder), was eine (destruktive) Folge der Globalisierung ist.

3 1

Ohne Wunder

Portugal will kein Wunder, sondern das Geld anderer Leute. Unseres, zum Beispiel!

Frage der Mentalität

Wer sind die unverantwortlichen Politiker, die die Südeuropäer in die Euro-Zone hereingelassen haben? Man muss keine besonders hartnäckigen Vorurteile gegen die Südländer haben, um nicht trotzdem einzusehen, dass das nie und nimmer gut gehen kann.

Es ist eine Mentalitätsfrage.

Gast: Mrs. Thatcher
07.04.2011 20:13
5 0

I want my money back

Was haben uns die bezahlten "Testimonials" szt. doch nicht alles eingeredet ... ich erinnere mich auch noch gut an den Pro-EU-Auftritt von Fr. Dagmar Koller, "Gattin" des Wr.Bürgermeisters Zilk, die allen Ernstes wörtlich gesagt hat: "Helmuth und ich haben unseren Zweitwohnsitz in Portugal und wir haben miterlebt, wie es dort nach dem EU-Beitritt Portugals aufwärts gegangen ist, und das wünsche ich mir auch für Österreich!!"
Leider hat sie und die Polit-Besteller/-Bezahler dieser unsäglich dummen Ansage nicht dazugesagt, daß Portugal Netto-Empfänger-Land (mit Höchstsummen) und Österreich Netto-Zahlerland(!) ist, und daß das sehr wohl einen großen Unterschied ausmacht! Den sie vielleicht wirklich nicht kapiert (wenn sogar der Luster aus Tschechien stammt), aber niemand aus der Politriege hat diesen Unsinn korrigiert und den Österreichern gesagt, daß Empfangen und Zahlen von Geld versch.Auswirkungen haben - ob Fr.Koller jetzt, wenn sie wieder so oft auf ihrem Riesenanwesen an der Algarve (dem ehem. Dusika-Besitz) urlaubt, an diesen Unsinn denkt? Und den Ederer-Tausender hat es auch nie gegeben! Im Gegenteil, die "gut Ausgebildeten" zahlen immense Steuern, die aber offenbar nie hoch genug sind, die Schulden wachsen längst ins Uferlose .... aber wir zahlen wie das alte Pferd "Boxer" in George Orwells "Animal Farm" das sich zu Tode arbeitet und zum Schluß von den Schweinen ("PIGS") zum Abdecker geführt wird: Wir sind angekommen - beim Abdecker!

Antworten Gast: Kaufmann 1010
08.04.2011 08:36
0 2

Re: I want my money back

Ja, ja, wer nicht von Ökonomie versteht, der schreibt dann solche Kommentare.

Zum "Ederer-Tausender":

Das waren 1000,- Schillinge, umgerechnet 72,. Euro. Also die waren schon rasch realisiert.

2 0

Re: I want my money back


>>wenn sogar der Luster aus Tschechien stammt<<

Na, den wird ihr Helmerl wohl nicht bezahlt haben (wahrscheinlich eine Sachvergütung für seine "Dienste").

Hobbyökonom