Analyse: Angst vor dem griechischen Infarkt

Europa streitet über die richtige Medizin für den griechischen Patienten. Die Angst vor den Folgen Infarkts wächst. Doch ob die Umschuldung schockartig oder heimlich kommt: Bezahlen wird sie der Steuerzahler.

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(c) EPA (Karl-Josef Hildenbrand)

Wien. Während die Investoren auf den Infarkt des griechischen Patienten wetten, liefert Athen immer originellere Ansätze, wie es den 340 Mrd. Euro hohen Schuldenberg abtragen will. Der jüngste Vorstoß: 15 Millionen Exil-Griechen sollen helfen, ihr Land zu refinanzieren. Ab Herbst will Athen ihnen spezielle Diaspora-Anleihen verkaufen.

An sich ist das keine schlechte Idee, denn ab 2012 kommt Athen mit dem 110 Mrd. Euro schweren Hilfskredit von IWF und EU nicht mehr aus, um die Rechnungen zu zahlen. Dann müsste sich Griechenland auf dem Finanzmarkt neue Geldgeber suchen. Doch die machen sich rar. Da ist es gut, zuerst bei alten Freunden nachzufragen. Wie viel Zinsen patriotische Investoren für ihren Einsatz erwarten dürfen, wurde nicht bekannt.

 

IWF, EZB und EU größte Gläubiger

Anleger ohne nostalgische Bindung an das Land fordern derzeit jedenfalls hohe Renditen, wenn sie griechische Papiere kaufen. Denn kaum ein Marktteilnehmer zweifelt daran, dass Athen auf einen Schuldenschnitt („Haircut“) zusteuert. In den letzten Tagen sprangen die Renditen deshalb auf Rekordwerte. Für zweijährige Schuldscheine aus Athen erhalten Anleger bis zu 23,1 Prozent effektive Zinsen. Das sind rund sechs Prozentpunkte mehr als vergangene Woche. Auch die Renditen für portugiesische und irische Staatsanleihen stiegen im Fahrwasser der Erwartung einer griechischen Pleite stark an.

In Europa wächst unterdessen die Angst vor den Folgen eines Griechenland-Infarkts. Schließlich wären Kreditinstitute in ganz Europa betroffen. Ökonomen und Politiker sind unsicher, wie der Patient am besten zu behandeln ist: mit einem raschen „Haircut“ oder doch mit einer „stillen“ Umstrukturierung? So ziehen sich die Verantwortlichen lieber auf Dementis zurück: „Wir reden gar nicht darüber“, sagte der griechische Finanzminister Giorgos Papakonstantinou erst kürzlich. Eine Umschuldung würde „riesige Gefahren für die Banken, die griechische Wirtschaft, die Haushalte und die Unternehmen mit sich bringen“.

Tatsächlich würde der Forderungsverzicht tiefe Spuren hinterlassen. Doch die Betroffenen sitzen längst nicht mehr nur in Griechenland. Nach Schätzungen der Bank of Canada halten EZB, IWF und EU mit rund 130 Mrd. Dollar (89,3 Mrd. Euro) längst den größten Teil der wackeligen Forderungen. Griechische Banken und Pensionsfonds halten demnach zusammen gerade noch rund 70 Mrd. Dollar.

Dahinter folgen nach Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich deutsche Banken mit 26,3 Mrd. Dollar an Staatsanleihen. Frankreichs Banken sind mit 19,8 Mrd. Dollar investiert. Fast noch einmal so viel Geld haben deutsche Banken griechischen Firmen geliehen, bei den französischen Instituten sind es 43 Mrd. Dollar.

 

Schock oder Schongang?

Verzichten sie nun auf einen Teil ihrer Forderungen, müssten die Banken die Staatsanleihen entsprechend abschreiben. Einer Analyse von Goldman Sachs zufolge würde ein 60-prozentiger Schuldenschnitt europäischen Banken 41 Mrd. Euro an Verlusten bringen. Bekommen die Banken kein Geld auf dem Markt, müssten wie zuletzt die Staaten einspringen – mit Steuergeld. Dennoch sei ein rascher „Haircut“ besser für die Gläubiger, meint etwa die Citigroup. Je länger zugewartet werde, desto größer würde der Forderungsnachlass ausfallen. Die Schocktheorie ist nicht unumstritten. Stattdessen könnte etwa die EZB (oder die EU) billig griechische Staatsanleihen einsammeln, um eine stille Umschuldung vorzubereiten. Derzeit sind zweijährige Schuldscheine um etwa 73 Prozent des Ausgabepreises zu haben. Die Differenz zwischen Kaufkurs und Ausgabekurs könnte die EZB als Schuldenerlass an Athen weitergeben. Jörg Angelé, Analyst bei Raiffeisen Bank International, hält das für die beste Lösung. Die schleichende Umstrukturierung garantiere die „maximale Beteiligung der Privaten“ bei minimaler Belastung des Steuerzahlers.

Tatsächlich käme der Steuerzahler eine Zeitlang ungeschoren davon. Ist aber ein möglicher „Haircut“ später größer als das, was die Anleger freiwillig als Abschlag beim Verkauf akzeptiert haben, wird es teuer. Dann müsste auch die EZB Abschreibungen vornehmen. Für etwaige Verluste müssten die Euroländer geradestehen.

„Das Ergebnis ist immer das gleiche“, sagt Angelé: „Der Steuerzahler bezahlt. Nur einmal geht es still und leise und einmal erleben wir zusätzlich einen Schock auf den Finanzmärkten.“

Auf einen Blick

Anleger rechnen mit einer baldigen Umschuldung Griechenlands. Zweijährige Anleihen bringen bereits über 23 Prozent Rendite.

Die Umschuldung birgt Risken. Zig Milliarden müssten Europas Banken abschreiben. Manche Experten raten zu einer stillen Umschuldung: Die EZB solle billig Papiere aufkaufen und Athen die Schulden erlassen. Kommt es zu einem „Haircut“, zahlt in jedem Fall der Steuerzahler.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 23.04.2011)

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