Griechenland: "Es gibt keinen schmerzfreien Weg"

23.04.2011 | 14:36 |   (DiePresse.com)

Die griechische Regierung schmiedet angeblich Umschuldungspläne. Die EZB warnt dagegen vor der Illusion, mit einem Schuldenschnitt ließen sich die Probleme des Landes lösen.

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Griechenland sucht auch ein Jahr nach der Beinahe-Pleite weiter nach einem Halt im Schuldensumpf. Die Regierung erwägt großen griechischen Zeitungen zufolge eine "sanfte Restrukturierung" der erdrückenden Staatsschulden. Die Europäische Zentralbank (EZB) warnte am Samstag dagegen vor der Illusion, mit einem Schuldenschnitt ließen sich die Probleme des Landes lösen.

Die Budgetkrise des Landes hatte sich vor einem Jahr so sehr zugespitzt, dass die Regierung am 23. April ihre Euro-Partner um Finanzhilfen bitten musste. Ein eilig von den Euro-Ländern und dem IWF zusammengezimmertes Hilfspaket über 110 Milliarden Euro sichert den Griechen seitdem das finanzielle Überleben. Allerdings sind die Hilfsgelder im kommenden Jahr aufgebraucht. Das Land müsste sich dann wieder am Kapitalmarkt Geld borgen, was wegen noch immer horrender Zinsen derzeit bei Experten als unmöglich gilt: Für zehnjährige Papiere werden 15 Prozent fällig, für zweijährige Staatsanleihen sogar über 22 Prozent.

An den Finanzmärkten wird deshalb seit Wochen mit einer Restrukturierung gerechnet, die den Schuldenberg von über 150 Prozent der Jahreswirtschaftsleistung verkleinern helfen soll.

Die auflagenstärkste Zeitung "Ta Nea" berichtetet ohne Angaben von Quellen, die Regierung erwäge eine freiwillige Vereinbarung mit den privaten Gläubigern, die zu einer Streckung von Rückzahlungsfristen führen solle. Dies müsse vor 2012 geschehen, aber nicht vor Ende Oktober dieses Jahres, wenn EZB-Chef Jean-Claude Trichet aus dem Amt scheidet. Er ist ein entschiedener Gegner einer Schulden-Restrukturierung. Die Zeitung "Isotimia" berichtete, die Rückzahlungsfristen für griechische Anleihen sollten um fünf Jahre verlängert werden.

Die griechische Regierung hatte ähnliche Berichte bereits mehrfach zurückgewiesen und beteuert, die Gläubiger könnten mit einer fristgerechten Rückzahlung ihrer Ansprüche rechnen.

EZB-Chefvolkswirt Jürgen Stark warnte in einem Interview mit heute.de vor der Illusion, man könne die Haushaltskrise mit einer einfachen Schuldenreduzierung lösen. Die Regierung wäre voraussichtlich auf unabsehbare Zeit von den Finanzmärkten abgeschnitten und auf fremde Finanzhilfe angewiesen. Außerdem würde das Bankensystem an den Rand der Insolvenz gedrängt. Für die Banken-Stabilisierung müsste sich das Land erneut schwer verschulden. Die einzige Möglichkeit sei die konsequente Umsetzung der Reformprogramme und die vollständige Rückzahlung aller ausstehenden Schulden: "Es gibt keinen schmerzfreien Weg."

Der ehemalige Chefunterhändler Griechenlands bei der Euro-Einführung, Yannis Stournaras, warnte in der "Süddeutschen Zeitung" ebenfalls vor den Konsequenzen: Die griechischen Banken, die das Gros der Staatsanleihen halten, hätten kein Kapital mehr, auch die Sozialversicherungsfonds würden 15 Milliarden Euro verlieren. Hinzu komme der Dominoeffekt, weil die Investoren sich sofort fragten, on Irland und Portugal die nächsten wären: "Meiner Meinung nach wäre das ein Desaster. Das Ende des Euro."

Zugleich kritisierte der Ökonom aber die Reformmüdigkeit in der griechischen Regierung: "Manche Minister sträuben sich gegen weitere Kürzungen." Das Land müsse von der EZB, dem IWF und der EU deshalb weiter unter Reformdruck gesetzt werden.




http://www.heute.de/ZDFheute/inhalt/28/0,3672,8234300,00.html

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(APA)

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15 Kommentare
Gast: ken3
24.04.2011 13:06
1

Schmerzvermeidung

Liebend gerne würde man einen Schuldenschnitt machen, wenn Privatanleger den Großteil der Griechenschuld besitzen würden.
Ohne Mitleid würde über die drübergefahren werden, indem sie null Cent ausgezahlt bekämen. Sind eh nur Unsympathler, fette Kapitalisten mit einer Havanna im Mund. Ähnlich wie die Hunt Brothers.

Dem ist nicht so. Die Pigs-Gläubiger sind einmal die Eurobanken.
Fallen die Banken, fällt auch der Staat. Das sind Zwillingsbrüder. Da gibt es keine Schatztruhen in den Kellern der Parlamente. Wer sonst als die Banken zahlen die Staatsausgaben.

Dann sind die Versicherungen. Fonds, Lebensversicherungen, Pensionskassengelder von Millionen von Menschen. Das würde den Lebensnerv einer Gesellschaft treffen.
Da ist es doch einfacher, man macht so weiter.
Zumindest bis zum geht-nicht-mehr.

Gast: muahahahaha
24.04.2011 12:11
1

was

bitte ist die Strafe für die Fälschung der Daten um in die Eurozone zu kommen?

Antworten Gast: Dirlewanger
24.04.2011 18:08
0

Re: was bitte ist die Strafe...

Entweder Scheiterknien an der Klagemauer oder ein Abend in Brüssel mit Trichet, Merkel und Barroso....

Re: Re: was bitte ist die Strafe...

klingt wie ein nettes Abendessen: tranchierte Ferkel

Re: Re: Re: was bitte ist die Strafe...

und barolo

Gast: CH
24.04.2011 09:12
0

so wirds

Mit allen ländern in Europa wird es wie in Griechenland geschehen. Sobald die extrem billiglohn länder wie Türkei, Indien oder China uns die Aufträge wegschnappen.

Hm

Frage mich, was dann mit den Lebensversicherungspolizzen geschieht.
Bekommen dann die Versicherten eine nette Benachrichtigung, dass aufgrund der Marktsituation (natuerlich unvorhersehbar / hoehere Gewalt, usw.) leider nur 50% von dem eingezahlten Kapital wieder ausbezahlt werden koennen?

Antworten Gast: 1. Parteiloser
24.04.2011 09:21
2

Re: Hm

50% ist sehr optimistisch.

Wenn die Entschuldungen der Staaten über die Abwertung der Anleihen erst einmal ins Laufen gekommen sind, dann sind meisten Versicherungen und Fonds einfach Pleite. Es müssten dann Masseverwalter die Kontrolle über die Reste übernehmen und die Reste dann an die Gläubiger verteilen. Es ist eher anzunehmen, dass weniger als die genannten 50% übrig bleiben werden. Das war bei anderen Finanzinstituten, welche in den Bankrott gegangen sind, auch nicht anders.

Weil das Problem aber so gewaltig ist, so spielt es am Ende keine Rolle, ob die Enteignung durch sehr hohe Teuerungsraten offiziell gemacht werden wird oder aber durch einen schnellen Schnitt. Die Bücher müssen auf jeden Fall von den nicht vorhandenen Vermögenswerten irgendwann bereinigt werden.

Dieser Vorgang, wenn auch schmerzlich für viele Sparer, würde auch den positiven Effekt haben, dass die viel zu aufgeblähte Finanzwirtschaft einen Schrumpfungsprozess um 50 - 70% durchmachen würde. Dann hätten wir wenigstens wieder eine Finanzwirtschaft, welche auch der Gesellschaft dienen könnten und nicht nur umgekehrt.

Ich meine auch, dass das eingezahlte Kapital schon weg ist, die Wahrheit den Menschen aber vorenthalten wird.

Gast: Blankenstein Husar
23.04.2011 17:53
1

Daß der Euro scheitern würde, war wohl selbst dem "glühendsten" Europäer insgeheim klar....

...aber daß es so schnell gehen würde bis halb Europa im Schuldensumpf versinkt, überrascht nun selbst den größten EU-Skeptiker.

Noch vor nicht einmal 10 Jahren war die europäische Welt noch in Ordnung,
die Finanzlage der maroden Staaten vielleicht auch nicht besser, zumindest jedoch überschaubarer und durch die nationalen Währungen auf alle Fälle beherrschbar.

Jetzt schlittern wir alle ins finanzpolitische Desaster.

Wie groß der Gesamtschaden sein wird, welcher durch die völlig unsinnige Währungsunion von den EU-Verbrechern angerichtet wurde, läßt sich heute noch nicht einmal annähernd abschätzen.

Sicher ist nur eins:
Die Falotten werden sich längst aus dem Staub gemacht haben, wenn unsere Kinder und Enkel noch immer an dem Schulden-SuperGAU "kiefeln"...


Gast: Schülling
23.04.2011 17:18
0

Citi Bank kalkuliert bereits mit 76% haircut bei griechischen Staatsanleihen

Zuer Erinnerung
Griechenland-Exposure der heimischen Banken (Daten aus 2010):

Erste Group 1 Mrd. Euro (davon 700 Mio. Staatsanleihen)
RZB-Gruppe ~300 Mio. Euro.
Volksbank AG (ÖVAG)187 Mio. Euro
BAWAG 90 Mio. Euro

So ein kleiner Bankenbailout wär ein netter Einstand für die neue Finanzministerin.
Da kann Sie dann auch gleich die Hörigkeit vor der Raika beweisen.
http://www.zerohedge.com/article/citi-expects-76-haircut-greek-debt-and-95-if-country-waits-4-years-debtgdp-ratio-back-down-6
" target="_blank">http://www.zerohedge.com/article/citi-expects-76-haircut-greek-debt-and-95-if-country-waits-4-years-debtgdp-ratio-back-down-6


http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/557737/Griechen-schulden-Oesterreichs-Banken-45-Milliarden-Euro
" target="_blank">http://diepresse.com/home/wirtschaft/international/557737/Griechen-schulden-Oesterreichs-Banken-45-Milliarden-Euro


Griechenland hat 2010 wieder über 9Mrd. für Waffen investiert

Das Land steht vor dem Bankrott und hält sich nur mit dem Geld der EU auf den Beinen und investiert das bisschen was sie haben immernoch in Waffen.

Antworten Gast: Vogel Strauss
25.04.2011 18:47
0

Re: Griechenland hat 2010 wieder über 9Mrd. für Waffen investiert

Müssen sie ja, das ist Teil der Vereinbarungen, damit D u. F das Geld in den 'Rettungsschirm' einzahlen ...

Gast: EU- Doktor
23.04.2011 15:59
0

Jedes Mitgliedsland hat ein Recht auf ein Sterben mit Schmerzen

Dies ist unser kommendes Gesamt Europa und wird nun zur tägliche Aufgabenstellung in der aktuellen Rettungsschirm Schmerztherapie.
Schmerzen zerstören die Persönlichkeit eines Staates und verletzen die Würde seiner Bürger , indem sie zum bloßen Objekt erniedrigt werden und ihnen die Fähigkeit genommen wird, ihr Leiden zu akzeptieren.

Das Ende des Euro

Das Ende des Euro ist da. Es fragt sich nur, ob dies nur das Ende des Euro in Griechenland ist, oder der Kollaps der der gesamten Gemeinschaftswährung. Wenn Griechenland die Eurozone verlässt, kann man ihnen einen Schuldenschnitt gewähren (in der Höhe, in der alle bereits abgeschrieben haben) und dann ab mit ihnen. Wenn die Griechen in der Eurozone bleiben, werden sie nur noch weiter Schulden machen und lieber streiken und randalieren als ihr Land zu sanieren.

Frage

Wie kann man sich gegen Reformen sträuben, wenn man vollkommen Pleite ist ?

Antwort :

Indem der Schmerz und die Angst vor Konsequenzen offensichtlich noch immer nicht groß genug sind.

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