Europa am Tropf des Internationalen Währungsfonds

23.05.2011 | 18:19 |  von Karl Gaulhofer und Stefan Riecher (Die Presse)

Schon über 80 Prozent aller IWF-Notkredite gehen an europäische Staaten. Mit einer Strauss-Kahn-Nachfolgerin aus den eigenen Reihen will sich die Europäische Union auch die Verhandlungen erleichtern.

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Wien. Mister Euro hat Zahnschmerzen. Um 40 Minuten kam Olli Rehn deshalb zu spät zu seiner Rede bei einer Wirtschaftskonferenz in Wien. Eine Notbehandlung sei nötig gewesen, „eine äußerst schmerzhafte Erfahrung“, wie der EU-Erweiterungskommissar gestand. Und er fügte vorsichtshalber hinzu: „Nicht, dass Sie jetzt Vergleiche mit Europa anstellen.“

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Die drängen sich freilich auf. Die Schuldenkrise schmerzt, die Peripheriestaaten der Union wackeln bedenklich. Die reicheren und wirtschaftlich solideren Länder des Nordens zeigen immer weniger Bereitschaft, teure Finanzbrücken für die Problemländer Griechenland, Irland und Portugal zu bauen, um das große Euro-Ganze stabil zu halten.

Selbst der überzeugte Europäer Rehn ortet „eine gewisse Unterstützungsmüdigkeit“. Wer soll da noch helfen, wenn nicht der Internationale Währungsfonds (IWF)? Zu Beginn der Krise wollten ihn viele gar nicht einbeziehen. Jetzt gewinnt er immer größere Bedeutung als Kreditgeber und neutraler Kontrollor der Reformprogramme. Doch nach dem unrühmlichen Abgang von Dominique Strauss-Kahn ist die wichtigste Finanzinstitution der Welt ohne Führung – der Zahnarzt hat seine Ordination verlassen.

 

Die EU ist geeint wie selten

Tatsächlich ist Europa bereits zum wichtigsten Patienten des Fonds geworden: 60 Prozent aller Kreditvereinbarungen entfallen auf den alten Kontinent, 53 Prozent auf die EU-Staaten. Im Ranking der Staaten steht zwar Mexiko mit knapp 54 Milliarden Euro an Krediten an der Spitze. Doch dann folgen mit Griechenland, Portugal, Irland, Polen und der Ukraine gleich fünf europäische Länder.

Der Vergleich fällt noch deutlicher aus, wenn man die eher harmlosen „flexiblen Kreditlinien“ herausrechnet. Sie sind ein neueres Angebot des Fonds an budgetär solide Schwellenländer, um sie vor einer Ansteckung durch Finanzkrisen zu bewahren. Mexiko, Polen und Kolumbien kamen in den Genuss – und haben die hohen Beträge bislang gar nicht angerührt.

Bei den IWF-typischen Notkrediten aber, die mit strengen Sanierungsauflagen verbunden sind, beträgt der Anteil Europas bereits über 80 Prozent. Kein Wunder also, dass die Europäer verbissen – und gegen den starken Widerstand der Schwellenländer – um den Vorsitz kämpfen. Rasch und geeint wie sonst selten haben sie sich auf die französische Finanzministerin Christine Lagarde als „ihre“ Kandidatin geeinigt. Bis Ende Juni soll im Konsens aller 187 IWF-Mitgliedstaaten ein Nachfolger für Strauss-Kahn gefunden werden. Am gestrigen Montag hat das Rennen um den begehrten Posten offiziell begonnen.

Ein Drittel der Beiträge

Weil Europa nun selbst am Tropf hängt, geht es beim Chefposten um weit mehr als um Tradition. Seit der IWF 1947 in Funktion trat, stand stets ein Europäer an seiner Spitze. Dieses Gewohnheitsrecht sei legitim, argumentieren vor allem die Franzosen: In Summe sind die EU-Staaten mit einem Drittel des Kapitals die größten Beitragszahler, gefolgt von den USA mit etwa 17 Prozent.

Neu ist allerdings, dass Europa nun auch zum größten Nutznießer von IWF-Mitteln geworden ist. In vergangenen Krisen durften seine Steuerzahler vor allem lateinamerikanische und asiatische Pleitekandidaten aus der Bredouille holen, um die Weltwirtschaft in Balance zu halten. Mit einer IWF-Chefin aus den eigenen Reihen erhoffen sich die EU-Granden, sich in den Verhandlungen leichter zu tun. Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel spricht es aus: Die Europrobleme seien der Grund, wieso sie sich für Lagarde starkgemacht hat. Olli Rehn sagt es mehr durch die Blume: Der nächste Chef des Währungsfonds „soll eine tiefgreifende Kenntnis der europäischen Wirtschaft mitbringen“.

Und der europäischen Politik, denkt er sich wohl heimlich dazu. Vor einer Verbrüderung von Politikern auf beiden Seiten des Verhandlungstisches warnt hingegen ein ehemaliger IWF-Chefökonom. Der Fonds sei nicht dafür da, dass man ihn liebt, schreibt Raghuram Rajan in der „Financial Times“. Seine bessere Rolle sei die des Sündenbocks, auf den sich die nationalen Politiker im Sparkorsett hinausreden können.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 24.05.2011)

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108 Kommentare
 
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Gast: Öko-Vergelter
24.05.2011 14:53
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Rettung Europas

Europa kann durch diverse ökologische Maßnahmen gerettet werden. Z. B. kann man die herkömmlichen Autos durch 0,9-Liter-Autos ersetzen. Und den €uro kann man durch regionale Gelder mit Umlaufgebühr ersetzen.
www.humane-wirtschaft.de

Das ganze Projekt EU kommt zu früh.

Da wurden Länder in ein gemeinsames Währungs- und Wirtschaftssystem zusammengepresst, die nie wirklich dafür bereit waren. Das sieht man ja sehr schön an den Euro-Banknoten: irgendwelche Gemäuer. Jede nationale Banknote irgendeines Landes hatte selbstverständlich immer irgendwelche Portraits ihrer Geistesgrößen abgebildet. In diesem "Friedensprojekt EU" konnte man sich nicht einmal auf irgendwelche gemeinsamen europäischen "Köpfe" einigen, weil das womöglich zu endlosen Streitigkeiten geführt hätte, á la: "Unser Mozart/Goethe/Dante etc. hätte viel besser auf den 500-Euro-Schein gepasst als euer Sokrates/Chopin/Cervantes..." - Europa ist nun mal nicht die USA.

Antworten Gast: "irgendwelche Portraits"
26.05.2011 11:00
0

Re: Das ganze Projekt EU kommt zu früh.

Und du und "irgendwelche" Deppen die an "irgendwelche Gemäuer" gerannt sind, geben hier ihren Unsinn bekannt.


Vielleicht war es doch keine so gute Idee von den parteiübergreifenden Sozialisten, mittels exzessiver Schulden mehr Wohlstand zu schaffen als tatsächlich erarbeitet wurde?


Was wurden doch die Warner ausgelacht! Schulden sind doch nur eine andere Art des Sparens hieß es. Es würden ja Werte für die Zukunft geschaffen.

Tatsächlich wurde ein großer Teil der Schulden verfressen und verjuxt. Und heute ist der Patient süchtig danach.

Jetzt kommt eben der Zahltag und die Entwöhnung.

Antworten Gast: Diagnostiker.
26.05.2011 11:03
0

Re: Vielleicht wäre es eine gute Idee, wenn du endlich nicht mehr nur deine Arbeitslose versaufen würdest.

Weißt ja: "Der Lumpus ist ein Dumpus"

Gast: smilefile
24.05.2011 09:32
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..sehe ich eher so...



IWF am Tropf der Europäischen Nationen! / ....

Den IWF ...

... als "neutralen Kontrollor" zu bezeichnen, ist weltfremd. Er ist Verwalter von US-Interessen und diese sind: den Rest der Welt in Zinsenabhängigkeit zu stürzen. Wer nicht mitmachen will, gefährdet in ihren Augen die Sicherheit des 300 Mill. Einwohner zählenden Staatenkonstruktes USA, also etwa 4% der Weltbevölkerung, und dann läuft es so wie im Irak ab, der Öl mit Euro zu handeln versuchte. Oder in Serbien, dass sich gegen IWF-Gelder wehrte. Die USA hängen am Tropf der Welt, und die gibt dem Raubtier fleißg zu fressen, um dieses Kuckuksei nicht vollends wahnsinnig zu machen. Gerecht wäre, sämtliche IWF-Bedienstete samt der US-Regierung und Bankmanger wegen Völkervergewaltigung, Massenvernichtung und Betruges lebenslang in Gefängnisse zu stecken. Leider hat niemand die Macht dazu. Und deshalb werden wir unser Sklavendasein solange dulden, bis wir, von Bargeld befreit, unsere Lebensmittel von Monsanto einlösen dürfen.

Gast: Ich frage nur mal...
24.05.2011 02:20
0

für die Zusammenhänge dahinter: Wie ist denn der IWF historisch entstanden? Wer steckt denn eigentlich hinter dem IWF? :-)


Antworten Gast: Wanderer.
26.05.2011 11:05
0

Re: für die Zusammenhänge dahinter: Wie ist denn der IWF historisch entstanden? Wer steckt denn eigentlich hinter dem IWF? :-)

Der IWF wurde im Zuge der Abkommen von 1944 (Bretton-Woods) geschaffen.

Hilft die Antwort?

BigBrain

Hahahahhah so viel zum Mächtigen Wirtschftbündnis EU

Die Bulgaren und die REumenien hzab ihr ja auch noch am Hals !!!!

Was für ein Klub von verlierern


Antworten Gast: HitMan
26.05.2011 11:09
0

Re: BigBrain - du hast ja eine elende Rechtschreibung.

Und so ein Idiot nennt sich "BigBrain".

Antworten Gast: Blümchen
24.05.2011 12:42
0

Re: Hallo PigBrain ! Du meinst wohl: TurkEU - nein danke !


Gast: Hemingway
23.05.2011 21:52
5

Schon kapiert ? Die EU - Länder sind PLEITE !

Die Printmedien und vor allem der ORF können die Menschen nicht mehr manipulieren.

Bankrupty !

67 % waren aus Geldgier für die kriminelle und korrupte EU .

Wo sind denn die dummen Politiker(innen), die die Menschen mit falschen Versprechungen in diesen Verein gelockt haben ?


"Die Presse" am

intellektuellen Tropf der Kronenzeitung?

keine sorge der euro ist noch immer viel mehr wert

als er sein sollte.

wieso soll man jetzt das teure gold kaufen? um verluste zu bauen?

wer jetzt noch kein gold hortet soll nimmer tun.

Antworten Gast: Friedrich Smetana
24.05.2011 03:14
0

Der Euro ist noch immer viel mehr wert?

Können Sie dies unter Meineid beschwören?

Interessant wäre es, wenn Sie eine Expertenfunktion hätten oder Spitzenpolitiker wären.
Dies wäre in Folge historisch sehr, sehr interessant.

Die EU-Eliten haben Europa verkauft!


Antworten Gast: Rothschuld
24.05.2011 03:20
1

Re: Die EU-Eliten haben Europa verkauft!

Jein. Nicht alle EU-Eliten haben Europa verkauft. Manche haben auch teils sehr gut gekauft, bzw. kaufen in Folge die staatlichen Unternehmen anderer Staaten auf.

Gast: zero
23.05.2011 21:04
0


Wenn jetzt schon 80 % sind, dann ist für Griechenland aber nicht mehr viel Geld da

(und beim nächsten Kandidaten ist sowieso schluss)

Deshalb kommt jetzt vielleicht Italien als finaler großer Kracher.

Re: Der finale große Kracher ...

wird schon bei Spanien erfolgen.

Wer ist ein Wucherer?

Die IWF saugt den Europaern das Blut ab!

Re: Wer ist ein Wucherer?

Das ist lächerlich bei einem Kreditvolumen von nicht einmal 100 Mrd.

Die Wähler haben das schon ganz alleine geschafft, indem sie die letzten 4 Jahrzehnte weit über ihre Verhältnisse gelebt haben und von der Regierung Leistungen vorderten, die die Staatshaushalte in den Ruin trieben!

lustig, lustig...

Die Wucherer von gestern sind heute Opfer der Wucherer!

Antworten Gast: garstig?
23.05.2011 20:04
2

Re: lustig, lustig...



und die türkei hängt überhaupt an unserem tropf, wo hinten und vorne nicht genug für uns da ist- DAS ist sicher eine zeitlich begrenzte situation, svenc.

Gast: Gräfin von Herberstein ist frei
23.05.2011 19:25
0

Die EU ist geeint wie selten

Liebe Mitbürger seit gescheit, euer Steuergeld ist im europäischen Raum nicht verloren.
Ein Europäer ist jemand, für den der Hummer nur die Vorspeise zu einer Pellkartoffel ist

 
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