Wifo: „Schuldenkrise mit Niedrigzinsen bekämpfen“

26.05.2011 | 18:30 |   (Die Presse)

Niedrigzinsen könnten einen „Haircut“ in Griechenland verhindern, Steuererhöhungen und zu starke Sparmaßnahmen würden dagegen die Konjunktur zu stark abbremsen, meint Wifo-Ökonom Schulmeister.

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Wien/Ju. Eine Fortsetzung der Niedrigzinspolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) ist für das Wirtschaftsforschungsinstitut der beste Weg, die europäische Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Wifo-Ökonom Stefan Schulmeister hat verschiedene Szenarien für die nächsten Jahre durchgerechnet – und ist dabei zu dem Schluss gekommen, dass sich die Staatsschuldenquote am besten dadurch senken ließe, dass die Zinsen dauerhaft unter dem nominellen BIP-Wachstum gehalten werden.

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In einer Modellrechnung nimmt Schulmeister an, dass die EZB die Leitzinsen bei 1,5 Prozent (derzeit betragen sie 1,25 Prozent) stabilisiert und die langfristigen Zinsen mit drei Prozent (derzeit rentieren deutsche Staatsanleihen mit 3,1 Prozent) begrenzt, indem sie ein Eurobond-Programm mit fixer Verzinsung (und einer Garantie durch die Euroländer) auflegt. In diesem Szenario würde die Wirtschaft der Eurozone bis 2015 kumuliert um fünf Prozent stärker wachsen als im Basisszenario. Mit entsprechend positiven Folgen für Defizite und Staatsschuldenquoten. Die positivsten Auswirkungen hätte dieses Szenario auf die Problemländer Griechenland, Irland und Italien.

 

CDS als tickende Zeitbombe

Mit solchen sanften Maßnahmen könnte eine Umschuldung Griechenlands vermieden werden, meint Schulmeister. Ein „Haircut“ wäre deshalb gefährlich, weil er die sogenannten Credit Default Swaps (CDS, Derivativinstrumente, mit denen Staatsanleihen versichert werden) auslösen würde. Das Volumen dieser CDS auf Griechenland-Anleihen ist beträchtlich. Experten schätzen Volumina zwischen 56 und 70 Mrd. Euro. „Netto“, also abzüglich der „Gegenwetten“ zur Absicherung ist die Summe zwar deutlich niedriger, ein Fälligwerden der CDS würde aber doch recht massive Wellen im Finanzsystem schlagen. In der letzten Finanzkrise hatten schlagend gewordene CDS nach dem Zusammenbruch der Großbank Lehman Brothers den Versicherungsriesen AIG ins Wanken gebracht und die Krise damit dramatisch verschärft.

Alternativszenarien zur Verbesserung der Staatsfinanzen hält Schulmeister für weniger geeignet: Sparen die öffentlichen Haushalte der Euroländer insgesamt ein Prozent des BIPs bei den Ausgaben ein, verringert sich das BIP-Wachstum bis 2015 kumuliert um 3,3 Prozentpunkte. Wird per Steuererhöhungen im Ausmaß von einem Prozent des BIPs konsolidiert, wächst die Wirtschaft um 2,2 Prozentpunkte langsamer. Ein Risiko bleibt der Energiepreis: Ein um 50 Dollar höherer Barrelpreis für Rohöl würde das Wachstum kumuliert um 4,2 Prozentpunkte dämpfen. Dass eine anhaltende Niedrigzinspolitik die Inflation wesentlich beschleunigt, glaubt Schulmeister nicht: Die Modellrechnung ergäbe eine Inflationsbeschleunigung um 0,7 Prozentpunkte.

Der Wifo-Ökonom hält das Vorhaben der EZB, die Inflation mittels Zinserhöhungen einzudämmen, für einen „Denkfehler“. Eine flexible Notenbank, wie sie etwa mit der amerikanischen Fed praktiziert wird, sei in diesem Fall besser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2011)

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13 Kommentare

Ist Aiginger damit wirklich einverstanden?

Niedrige Zentralbankzinsen bedeuten mehr Schulden, auch für die Staaten. Und das in einer Zeit, in der die EU ohnehin schon mit zu hoher Staatsverschuldung kämpft!
Erreicht wird damit nur eine vorübergehende Scheinkonjunktur, die beim schließlich immer nötigen Schuldenabbau zu einer umso tieferen Rezession führen muss.
Glaubt Stefan Schulmeister (nicht zu verwechseln mit seinem Bruder Paul) immer noch, dass bei einer solchen Konjunkturpolitik so starke Multiplikatoreffekte erzeugt werden, dass man dann die Schulden leichter zurückzahlen kann? Diese Theorie hat doch noch nie funktioniert und ist deshalb längst obsolet. Woher sollte auch die EZB soviel billiges Geld nehmen? Mit zunehmender Staatsverschuldung müssen die Zinsen für Geldaufnahmen steigen und können nie so niedrig bleiben!
Mit Stefan Schulmeisters Rat würde die schließlich eintretende Katastrophe nur noch größer werden, was die EU wohl zerreissen müsste!
Nichts kann davor bewahren, dass nach einer schuldenfinanzierten Scheinkonjunktur ein schwerer Wirtschaftseinbruch folgen muss! Das wird uns noch alle - besonders den "kleinen Mann" - treffen. Denn er ist es ja, der die Wahlgeschenke, für die das Geld gar nicht da war, genossen hat und am Ende den Gürtel enger schnallen wird müssen!
Alles, was den Tag der Wahrheit hinauszögert, führt nur zu noch bittererem Erwachen!
Deshalb ist Stefan Schulmeisters Vorschlag verantwortungslos und strikt abzulehnen!

Schulmeister (der nicht am Bild ist) ist meint ja auch der Staat sollte verpflichtet Zinsen gesetzlich fixieren

Das WIFO kann man wirklich nicht mehr ernst nehmen

Überall liest man, dass zu niedrige Zinsen erst die Krise

ausgelöst haben, indem sie z.B. in Griechenland und Spanien gewaltige Blasen geschaffen haben. Nun lese ich mit Erstaunen, dass noch mehr niedrige Zinsen in den nächsten Jahren das Problem wieder beheben werden.
Frage: Womit werden die Griechen in 5 Jahren die auf Grund der niedrigen Zinsen dann noch viel höheren Schulden zurückzahlen????
Richtig geraten. Indem man dann die Zinsen nochmals senkt? Usw. Usw........

Gast: CDS
27.05.2011 16:00
1 0

zum Haarausraufen

Der gesamte Absatz über CDS ist mE völliger Unsinn. Netto ausstehende CDS sind ca 5-6 Mrd. (gegenüber > 300 Mrd Anleihen von Griechenland).

Wer hat hauptsächlich CDS? Antwort: Investoren wie Banken, Versicherungen und Pensionskassen (so erlaubt), die sich irgendwann leichtsinniger Weise griechische Anleihen gekauft haben und diese jetzt vor einem Ausfall absichern wollen/müssen. Worst Case: die Anleihen werden umstrukturiert (=ökonomischer Verlust für die Investoren) OHNE dass die CDS auslösen. Dann haben Investoren zwar brav Versicherungsgebühren bezahlt, aber keinen Nutzen davon.


Gast: radius
27.05.2011 09:39
2 0

Das obige Bild zeigt nicht Schulmeister, sondern Aiginger. Was soll das?

Haben jetzt die roten Träumer a la Schulmeister das Kommando im WIFO übernommen?

Wozu bezahlen wir diese?

Das was Schulmeister anbietet, ist ein sehr schlechtes Kochrezept. Jeder Gastronom schlittert mit dieser Küche in die Pleite.

Hair-Cut ist unvermeidlich

Voraussetzung, daß die maroden Staaten von einer Niedrigzinsenpolitik profitieren, sind gemeinsame Eurobonds, wo die Staaten mit noch guter Bonität für die Länder, welche Jahre oder sogar Jahrzehnte massiv über ihre Verhältnisse gelebt haben, Haftungen übernehmen. Allerdings gehen die derzeitigen Triple-A-Staaten dabei Eventualverpflichtungen ohne einen direkten Einfluß auf die Budgetpolitik der Wackelkandidaten ein, was in etwa gleich kommt, wenn man dem Nachbar, der sein Auto aus zumindest fahrlässigen Eigenverschulden zu Schrott gefahren hat ein Neues zur Verfügung stellt und hofft, daß dieser jetzt sein Verhalten geändert hat.

Selbst wenn man GR die benötigten Mittel zu einem Zinssatz von 5 % zur Verfügung stellt, ergibt dies bei einem Schuldenberg von rd. 300 Mrd. eine jährliche Zinsenbelastung von 15 Mrd. Euro. Die geplanten Privatisierungserlöse von Euro 50 Mrd. innerhalb der nächsten 4 Jahre reichen somit nicht einmal um die Zinsen zu bedienen, womit aber der Schuldenberg auch nicht abgebaut wird. Nach Versilberung des Vermögens ist aufgrund des in Relation zur Wirtschaftleistung weit überhöhten Schuldenberges ein Hair-Cut unausweichlich, damit Griechenland sich wieder zu leistbaren Zinsen auf dem freien Markt finanzieren kann.

Um Österreich ein griechisches Schicksal zu ersparen bzw. um die Triple-A-Bonität zu erhalten wurde die Bürgerinitiative Genug Gezahlt gegründet, welche derzeit in ganz A Info-veranstaltungen durchführt. Face-book-Aktion folgt in Kürze.

Gast: Reflector
26.05.2011 22:53
1 0

Naja Wifo-Ökonom halt

Haben's noch einn wenig vom Engstirnigen, heute?

Nur so nebenbei wird erwähnt, dass man keine Ausfälle haben darf, weil dann nämlich die CDS fällig werden könnten und dadurch die Finanzkrise noch mehr beschleunigt.

Tja, dann sind diese CDS also nur dann ein Bombengeschäft, wenn nichts passiert und wenn es kracht dann spingt der Staat ein, so wie bei AIG dem Mistkübel der Wall Street es passierte.

Merkt der Wifo-Ökonom eigentlich gar nicht mehr, dass sich nur mehr Luftgestalten im Finanzsektor tummeln, die nur dazu da sind unter irgendeinem Titel Geld abzuzocken und wenn dieser dann schlagend wird, nicht gehalten werden kann.

Im normalem Leben heisst das Delikt Betrug.

Und genauso ein Betrug ist die künstliche Niedrigzinspolitik, denn diese enteignet alle die bis jetzt noch auf der Sparer - Anlegerseite standen. Aber das macht dem Herrn Wifo - Ökonomen einmal gar nichts, wie denn auch, wenn ja alle Finanzgeschäfte schon das Betrugsmodell als Grundlage haben.

So wie die FED es macht ist es gut, laut Wifo-Ökonom. Na dann schaun ma mal was die nächsten Monate so bringen, dann reden wir weiter und bis dahin heisst es 'watch and learn'.

Sie haben die einmalige Chance eine sehr große Krise miterleben zu dürfen, Herr Wifo-Ökonom, auch wenn sie diese derzeit noch nicht erkennen, die sich nicht nach dem linearen Wirtschaftsuni - Akademikermodell hält, sondern die Sache wird sich natürlich nichtlinear etwickeln, da werden die Herrn Wifo-Ökonomen noch Augen machen!

Gast: Hubertus
26.05.2011 22:46
0 0

Seltsam

Kennt Aiginger das Statut des ESZB nicht? Dort ist als primäres ziel der geldpolitik die Kaufkrafterhaltung sprich preisstabilität genannt. Erst wenn diese gesichert ist, können auch andere (Neben.)ziele verfolgt werden wie Wachstumsförderung ,Arbeitslosenbekämpfung. Von Unterstützung einzelner Schuldnerstaaten kann natürlich keine Rede sein. Und die vorgeschlagene Niedrigzinspolitik ist nicht gratis; erstends wird nicht stark genug gegen die Teuerung vorgegangen und zweitens verlieren die Sparer Geld, weil die EZB den längst erforderlichen Zinsanstieg künstlich verhindert und damit die Spaeinlagen sukzessive entwertet. Mit diesen "Gewinnen" werden dann die Schuldnerstaaten entschuldet. Der Sparer wird also durch den Aigingervorschlag zweimal geschädigt, durch die Teuerung und die entgangenen Zinseinkommen.

Gast: Lutz Berger
26.05.2011 20:32
1 0

"Argentinisches Modell" ist wirksam zur Entschuldung

Das ist kein Weg, um das Schuldenproblem zu lösen.
Viel einfacher und wirksamer wäre ein Schuldenmoratorium (Schuldenboykott), bei dem die Rückzahlung der Schulden verweigert wird.
Es ist erstaunlich, daß bei den heutigen Diskussionen das "argentinische Modell" des Schuldenmoratoriums gar nicht erst in Betracht gezogen wird.
Argentinien erklärte 2002 einfach, daß es seine Schulden nur noch zu einem Bruchteil zurückzahlen werde ---- ein deutlich sicherer Weg für einen überschuldeten Staat, seine Verpflichtungen wirklich los zu werden.
Die Geschädigten sind dann die Anleihe-Inhaber
Die Privatisierungserlöse sollten für einen Neuanfang verwendet werden und nicht den Gläubigern nachgeworfen werden.

0 0

Re:

Ich kann Ihnen nur zustimmen. Ich denke nicht, dass Griechenland die angesammelten Schulden zurückzahlen wird können. Früher oder später wird meines Erachtens nur ein Haircut oder eine Rückzahlungsstundung möglich sein bzw. das Modell, das Sie vorgeschlagen haben.

Des Weiteren wird es wohl auch Österreich früher oder später eine derartige Vorgehensweise akzeptieren müssen (so wie alle hochverschuldeten Länder). Oder kann sie jemand vorstellen, dass bei ständigen Defiziten der Schuldenstand irgendwann abgebaut werden kann?

Gast: 1. Parteiloser
26.05.2011 18:36
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Eiskalte Enteignung anstatt einer Sanierung?

Würden die Zinsen künstlich niedrig gehalten, würde die Teuerungsrate noch mehr ausbrechen. Das Ganze würde bei sehr niedrigen Sparzinsen erfolgen und zu einem Raub des versteuerten Ersparten bei der Masse der Menschen führen. Es wäre ein neuerlicher gewaltiger Raubzug an den Menschen der Realwirtschaft nur um die Wahnsinn der geschützten Bereiche (Staaten und deren Verschuldung) zu finanzieren.

Der dargestellte Lösungsvorschlag würde also nur das Versagen der Eliten länger finanzieren, die strukturellen und wirtschaftlichen Disbalancen (vor allem Privat - Staat) könnten dadurch niemals gelöst werden.

Wenn man sich die Regierungsarbeit unter dem Kanzler Faymann anschaut und die Aussagen des Schulmeisters (Name passt perfekt!), dann kann man davon ausgehen, dass sich die beiden sehr häufig austauschen. Da haben sich 2 gleichgesinnte Totalversager gefunden.

Die Lösung für Europa kann nur durch eine ordentliche Sanierung der Staatsfinanzen (Ausgaben) eingeleitet werden. Es geht also weniger um die Zinsen, als endlich mal um eine ordentliche Regierungsarbeit samt weitgehender Einstellung der Umverteilungsexzesse.

Re: Eiskalte Enteignung anstatt einer Sanierung?

raub bei der breiten masse? wohl eher nur bei den wenigen abzockern, weil die "breite masse" heute, nach 10 jahren eu-politik nichts mehr auf der hohen kante hat.....so was können nur die "geschützten bereiche" aus der agrarwirtschaft und des banekn sektors verbreiten, um angst und schrecken vor logischen lösungen zu verbreiten.
das versagen der schwarzen "nicht-eliten" mitsamt ihrer raiffeisen-klientel hat die hier zitierte "breite masse" eh lange genug finanziert.

Antworten Gast: G99
26.05.2011 20:32
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Re: Eiskalte Enteignung anstatt einer Sanierung?

wie wollen sie aber die Überschuldung Griechenlands dadurch lösen?. Selbst wenn sie alle Beamten entlassen, kommen die nicht auf einen normalen Kurs. Dazu ein paar Ziffern aus querschuesse.de: "Dies verdeutlichten auch die Daten des griechischen Finanzministeriums zum Staatshaushalt im 1. Quartal 2011. Selbst wenn man alle Löhne, Gehälter und Pensionen der Angestellten und Pensionäre durch den Staates auf null reduzieren würde, wäre das Defizit im Staatshaushalt im 1. Quartal 2011 mit -8,925 Mrd. Euro nicht eliminiert, denn die Gesamtsumme aller Löhne, Gehälter und Pensionen für Staatsangestellte und Pensionäre die der Staat (Central Government) im 1. Quartal 2011 zu leisten hatte betrug 5,135 Mrd. Euro! Dies dokumentiert zwar, wie unhaltbar und brisant die finanzielle Situation des griechischen Staates ist, zeigt aber das Sparmaßnahmen bei Staatsangestellten allein, ein völlig aussichtsloses Unterfangen zur Behebung der Schuldenkrise sind." und weiter"Das eigentliche Problem scheint also weniger das Arbeitnehmerentgelt in der Relation zum BIP zu sein, als die zu hohe Steigerung der Entgelte im Vergleich zur schwachen Steigerung z.B. in Deutschland und vor allem die Qualität und Struktur des BIPs an sich, in der Relation zum aufgebauten Verschuldungsgrad! Die Wertschöpfung im Industriesektor ist stark unterentwickelt und konnte an der weltweiten Erholung der Wirtschaft nicht partizipieren". Na und hohe Schuldzinsen tragen ihres dazu noch bei !

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