Wifo: „Schuldenkrise mit Niedrigzinsen bekämpfen“

Niedrigzinsen könnten einen „Haircut“ in Griechenland verhindern, Steuererhöhungen und zu starke Sparmaßnahmen würden dagegen die Konjunktur zu stark abbremsen, meint Wifo-Ökonom Schulmeister.

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(c) REUTERS (HERWIG PRAMMER)

Wien/Ju. Eine Fortsetzung der Niedrigzinspolitik durch die Europäische Zentralbank (EZB) ist für das Wirtschaftsforschungsinstitut der beste Weg, die europäische Schuldenkrise in den Griff zu bekommen. Wifo-Ökonom Stefan Schulmeister hat verschiedene Szenarien für die nächsten Jahre durchgerechnet – und ist dabei zu dem Schluss gekommen, dass sich die Staatsschuldenquote am besten dadurch senken ließe, dass die Zinsen dauerhaft unter dem nominellen BIP-Wachstum gehalten werden.

In einer Modellrechnung nimmt Schulmeister an, dass die EZB die Leitzinsen bei 1,5 Prozent (derzeit betragen sie 1,25 Prozent) stabilisiert und die langfristigen Zinsen mit drei Prozent (derzeit rentieren deutsche Staatsanleihen mit 3,1 Prozent) begrenzt, indem sie ein Eurobond-Programm mit fixer Verzinsung (und einer Garantie durch die Euroländer) auflegt. In diesem Szenario würde die Wirtschaft der Eurozone bis 2015 kumuliert um fünf Prozent stärker wachsen als im Basisszenario. Mit entsprechend positiven Folgen für Defizite und Staatsschuldenquoten. Die positivsten Auswirkungen hätte dieses Szenario auf die Problemländer Griechenland, Irland und Italien.

 

CDS als tickende Zeitbombe

Mit solchen sanften Maßnahmen könnte eine Umschuldung Griechenlands vermieden werden, meint Schulmeister. Ein „Haircut“ wäre deshalb gefährlich, weil er die sogenannten Credit Default Swaps (CDS, Derivativinstrumente, mit denen Staatsanleihen versichert werden) auslösen würde. Das Volumen dieser CDS auf Griechenland-Anleihen ist beträchtlich. Experten schätzen Volumina zwischen 56 und 70 Mrd. Euro. „Netto“, also abzüglich der „Gegenwetten“ zur Absicherung ist die Summe zwar deutlich niedriger, ein Fälligwerden der CDS würde aber doch recht massive Wellen im Finanzsystem schlagen. In der letzten Finanzkrise hatten schlagend gewordene CDS nach dem Zusammenbruch der Großbank Lehman Brothers den Versicherungsriesen AIG ins Wanken gebracht und die Krise damit dramatisch verschärft.

Alternativszenarien zur Verbesserung der Staatsfinanzen hält Schulmeister für weniger geeignet: Sparen die öffentlichen Haushalte der Euroländer insgesamt ein Prozent des BIPs bei den Ausgaben ein, verringert sich das BIP-Wachstum bis 2015 kumuliert um 3,3 Prozentpunkte. Wird per Steuererhöhungen im Ausmaß von einem Prozent des BIPs konsolidiert, wächst die Wirtschaft um 2,2 Prozentpunkte langsamer. Ein Risiko bleibt der Energiepreis: Ein um 50 Dollar höherer Barrelpreis für Rohöl würde das Wachstum kumuliert um 4,2 Prozentpunkte dämpfen. Dass eine anhaltende Niedrigzinspolitik die Inflation wesentlich beschleunigt, glaubt Schulmeister nicht: Die Modellrechnung ergäbe eine Inflationsbeschleunigung um 0,7 Prozentpunkte.

Der Wifo-Ökonom hält das Vorhaben der EZB, die Inflation mittels Zinserhöhungen einzudämmen, für einen „Denkfehler“. Eine flexible Notenbank, wie sie etwa mit der amerikanischen Fed praktiziert wird, sei in diesem Fall besser.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 27.05.2011)

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