Sir Michael Rake: "Griechen müssen anfangen zu arbeiten"

Sir Michael Rake ist nicht nur Chef der British Telecom. Sondern auch einer der wenigen Briten, die für den Beitritt ihres Landes zur Eurozone plädieren. Auch wenn er für Griechenland wenig Hoffnung sieht.

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(c) Michaela Bruckberger

Die Presse: Sir Rake, Sie haben in der jüngeren Vergangenheit immer wieder für einen Eurobeitritt Großbritanniens geworben. Sind Sie heute froh, dass es nicht so weit gekommen ist?

Sir Michael Rake: Nein, ganz und gar nicht, auch wenn ich damit wohl der letzte Eurobefürworter in Großbritannien sein dürfte. Ich habe immer an die Europäische Union und die gemeinsame Währung geglaubt. Klar, es sind Fehler passiert. Zum Beispiel die Aufnahme Griechenlands in die Eurozone. Oder der Bruch des Stabilitätspakts durch Frankreich, Italien und Deutschland. Das ändert aber nichts daran, dass der Euro bis heute ein großer Erfolg ist, schon allein seiner positiven Wirkung auf den Handel wegen. Das lässt sich ja auch daran ablesen, dass der Euro nach wie vor sehr stark ist.

Dabei freut sich die Wirtschaft in Ihrem Land gerade über das schwache Pfund. Und darüber, dass der Eurozug abgefahren ist. Oder sehen Sie da noch irgendwelche Chancen?

Nein, das ist vorbei. Zumindest für die nächsten zehn Jahre. Allerdings bin ich überzeugt, dass es für Großbritannien und die Eurozone segensreich gewesen wäre, hätten wir (die Briten, Anm.) vor zwölf Jahren das Referendum über den Beitritt wie geplant abgehalten. Damals wäre es für den Euro ausgegangen. Schwer zu sagen, ob mit uns an Bord einiges anders gelaufen wäre. Aber ich denke schon, dass der pragmatische Zugang der Briten für die Währungsunion von Vorteil gewesen wäre.

Mittlerweile stellt sich ja weniger die Frage, wieso Großbritannien nicht Mitglied der Eurozone ist. Sondern eher, warum die Briten überhaupt bei der EU sind, an der sie immer weniger Interesse zu haben scheinen.

Es stimmt, Großbritannien hat sich politisch stark zurückgezogen. Tony Blair hat noch versucht, einiges zu bewegen, aber unter Gordon Brown ging es in die andere Richtung. Heute stellt Großbritannien nicht einmal einen EU-Kommissar. Das ist eine kleine Katastrophe, weil unsere Wirtschaft ja sehr eng mit der europäischen verflochten ist. 50 Prozent unserer Exporte gehen in die EU. Deshalb wäre ein stärkeres Engagement der Briten für Europa und den Euro sehr zu begrüßen.

Über die Zukunft der Eurozone machen Sie sich keine Sorgen?

Nicht wirklich. Vielleicht werden ein bis zwei Länder den Euro verlassen. Es ist absehbar, dass Griechenland einer dieser Kandidaten sein wird.

Und wann wird es so weit sein?

Nicht in den nächsten zwei bis drei Jahren, so lange wird man (in Europa, Anm.) alles unternehmen, um die Integrität der Währungsunion zu sichern. Entscheidend wird aber sein, ob das griechische Volk die Sanierungspläne dauerhaft mitträgt. Bessert sich die finanzielle Lage des Landes nicht signifikant, bleibt nur die Abwertung der nationalen Währung als letzte Option übrig. Und damit der Austritt aus der Eurozone. Die Griechen müssen aber auch anfangen, Steuern zu bezahlen. Und sie müssen anfangen, zu arbeiten.

Sie halten die Griechen für faul?

Nein, so würde ich das nicht sagen. Aber die griechische Wirtschaft muss produktiver und flexibler werden. Die Gewerkschaften müssen sich mit der Regierung und den Unternehmen auf einen gemeinsamen, harten Weg verständigen. Das ist auch der große Unterschied zu Irland. Die Iren werden es schaffen und nach ein paar harten Jahren die Krise hinter sich lassen. Das Land hat nicht nur eine wettbewerbsfähige Industrie, sondern auch Menschen, die sich damit abgefunden haben, hart an der Sanierung des Landes arbeiten zu müssen.

Nun meint der Ökonom Kenneth Rogoff, dass die Griechen keine Lust haben werden, die Probleme jener deutschen und französischen Banken zu lösen, die griechische Anleihen in ihren Büchern haben und unter einem Schuldennachlass leiden würden.

Das stimmt. Allerdings wäre ein „Haircut“ (Schuldennachlass oder Verlängerung der Laufzeiten für griechische Anleihen, Anm.) nicht nur für deutsche und französische Großbanken unangenehm, sondern auch für die EZB.

Dabei haben Sie die EZB unlängst noch für ihre gute Arbeit gelobt. Nun sieht es so aus, dass sie zur großen Müllhalde für Schrottpapiere und Anleihen von Pleitestaaten geworden ist.

Was genau die EZB in ihren Büchern hat, kann ich nicht beurteilen. In der Krise hat die EZB tatsächlich einen sehr guten Job gemacht, sie hat die Märkte sofort mit ausreichend Liquidität versorgt. Das war enorm wichtig.

Aber wo wird die Politik des billigen Geldes enden? In hoher Inflation?

Darüber würden sich die schwer verschuldeten Staaten freuen. Entscheidend ist, dass die Inflation nicht die Arbeitskosten in die Höhe treibt, und das scheint derzeit auch noch nicht der Fall zu sein.

In Großbritannien liegt die Teuerungsrate aber schon fast bei fünf Prozent.

Das stimmt, allerdings ist die Angst vor Inflation in Großbritannien lange nicht so groß wie in Deutschland. Dort werden immer noch Erinnerungen an die Hyperinflation vor dem Zweiten Weltkrieg wach.

Ein größeres Problem dürfte das trotz niedrigster Zinsen schwache Wachstum sein. Jüngst wurden Spekulationen laut, dass Großbritannien das Triple A verlieren könnte. Wird das Land wieder zum kranken Mann Europas?

Ich hoffe nicht. Ein großes Problem sind die hohen Verbindlichkeiten der privaten Haushalte. Die Einkommen der Briten sinken im Zuge von Inflation und hoher Besteuerung. Es gibt kaum Aussicht auf steigende Löhne, viele Landsleute sorgen sich um ihre Zukunft. Rund 500.000 Briten werden auch demnächst ihren Job im öffentlichen Sektor verlieren. Das alles drückt auf das Wachstum. Allerdings hilft uns das schwache Pfund im Export, Großbritannien verfügt mittlerweile ja auch über eine starke Hightech-Industrie.

Klingt alles in allem nach einer ziemlich explosiven Mischung, die ein wenig an die Thatcher-Ära erinnert.

Die Gewerkschaften haben aber längst nicht mehr die Macht, die sie einmal hatten. Zudem sind weite Teile der Bevölkerung dazu bereit, die bitteren Pillen zu schlucken. Sie wissen, dass es keine Alternativen gibt. Wir werden aber mit Sicherheit einige Streiks im öffentlichen Sektor sehen, weil die Gewerkschafter den Ernst der Lage nicht verstehen wollen.

Und was, wenn die Streiks auch auf andere Sektoren übergreifen?

Es gibt im Land zwar eine Stimmung gegen Banker und „Fat Cats“ (Manager mit hohen Bezügen, Anm.). Für Streiks im öffentlichen Dienst gibt es aus dem Privatsektor aber kaum Unterstützung. Nicht zuletzt, weil unter Gordon Brown der öffentliche Sektor expandierte: mit kräftigen Lohnsteigerungen, hohen Pensionen und vielen neuen Jobs. In einigen Teilen des Landes, etwa im Norden, arbeiten bis zu 75 Prozent der Menschen im öffentlichen Dienst. Das ist nicht haltbar. Und das wissen die Briten auch.

Zur Person

Sir Michael Rake ist Vorstandsvorsitzender der British Telecom, des privatisierten Ex-Monopolisten mit derzeit 107.000 Beschäftigten. Darüber hinaus hält Rake einige Aufsichtsratsmandate, etwa bei Barclays, der drittgrößten Bank Großbritanniens.

Karriere machte Michael Rake zuerst im Beratungsgeschäft. 1974 heuerte er bei KPMG an, von 2002 bis 2007 war er Chef von KPMG International.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 11.06.2011)

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