Griechen flüchten aus Staatsanleihen

Nicht nur deutsche und französische Banken verkaufen im großen Stil griechische Anleihen. Sie reduzierten die Anleihen um ein Drittel. Auch Athener Finanzkonzerne verlieren jegliches Vertrauen.

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Wien/Höll. Deutsche und französische Banken haben zuletzt ihren Bestand an griechischen Staatsanleihen um ein Drittel reduziert. Diesem Beispiel folgen nun die griechischen Finanzkonzerne. Die „National Bank of Greece“, die größte Privatbank des Landes und nicht zu verwechseln mit der Athener Nationalbank, hat laut dem jüngsten Quartalsbericht 4,8Mrd. Euro an Staatsanleihen auf den Markt geworfen, weil diese von Ratingagenturen als Ramsch eingestuft werden. Zudem hat das Institut angekündigt, das Volumen der Hellas-Bonds von derzeit 13,2Mrd. Euro weiter zurückzufahren.

Dieser Schritt ist eine völlige Kehrtwende: Vor einem Jahr haben sich die Banken gegenüber der Europäischen Union und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) freiwillig verpflichtet, griechische Papiere zu halten. Inzwischen stellt sich heraus, dass sich die wenigsten an diese Abmachung gehalten haben. Haben Ende April 2010 deutsche Privatbanken noch 16Mrd. Euro an Athener Anleihen, sind es gegenwärtig nur noch 10,3Mrd. Euro. Als Käufer ist die Europäische Zentralbank (EZB) eingesprungen. Diese ist dadurch zum größten Gläubiger des schwer angeschlagenen Staates aufgestiegen. Die EZB hat Anleihen europäischer Schuldnerländer in der Höhe von 74Mrd. Euro erworben, davon soll der Großteil auf Griechenland entfallen. Die genaue Höhe gibt die EZB nicht bekannt, denn dies könnte zu einer Beeinflussung der Märkte führen, heißt es. Die EZB kann nicht pleitegehen, bei allfälligen Verlusten müssen die nationalen Notenbanken aufkommen.

 

Deutschland spielt auf Zeit

Deutschland und Österreich fordern daher, dass sich private Gläubiger – gemeint sind Banken und Versicherungen – verpflichtend an einem zweiten Hilfspaket für Griechenland beteiligen. Doch Frankreich und die Europäische Zentralbank (EZB) sind strikt dagegen. Sie bestehen auf eine freiwillige Beteiligung privater Investoren. Wegen des Streits will die Berliner Regierung jetzt mehr Zeit gewinnen. Die Entscheidung über ein zweites Hilfspaket, das auf bis zu 120Mrd. Euro geschätzt wird, soll erst im September fallen, hieß es am Donnerstag in EU-Kreisen. Bis dahin sollen alle Einzelheiten geklärt werden.

Berlins Finanzminister Wolfgang Schäuble verlangt, dass die Banken ihre bestehenden Griechenland-Papiere gegen neue Schuldentitel mit einer längeren Laufzeit eintauschen. Ob ein solcher Schritt von den Ratingagenturen als Umschuldung und damit als Zahlungsausfall Griechenlands gewertet würde, ist allerdings offen. Die Agenturen erklärten, ein solches Modell sei heikel und müsse erst genau geprüft werden.

Als Kompromiss werden daher folgende Anreize diskutiert, damit die Banken möglichst freiwillig bei der Umtauschaktion mitmachen:

• Staatsgarantie: Der Verband deutscher Privatbanken ist dafür, dass die neuen Anleihen mit einer Garantie der anderen europäischen Staaten abgesichert werden. Bei einer Pleite würden nicht Griechenland, sondern die Steuerzahler in den anderen Ländern zum Handkuss kommen.

• Höherer Zinskupon: Im Raum steht auch, dass die privaten Gläubiger für ihr Risiko von der Athener Regierung höhere Zinsen erhalten als der Internationale Währungsfonds und die Europäische Union.

• Rangordnung der Gläubiger: Diskutiert wird außerdem, dass die Inhaber der neuen Anleihen im Falle eines Bankrotts vorrangig behandelt werden.

Wegen der Krisenangst kletterten am Donnerstag die Renditen von zweijährigen griechischen Staatsanleihen auf einen Rekordwert von 30Prozent. Laut Pimco-Manager Andrew Bosomworth gefährdet die Haltung Deutschlands den Euro. Falls die Berliner Regierung nicht einlenke, liegen die Chancen für ein Auseinanderbrechen der Eurozone bei 50Prozent, so Bosomworth im Bloomberg-Interview. Pimco ist der weltweit größte Anleiheninvestor.

Auf einen Blick

Die deutsche Regierung will im Streit um ein zweites Hilfspaket für Griechenland mehr Zeit gewinnen. Die Entscheidung über zusätzliche Milliardenhilfen soll erst im September fallen, hieß es am Donnerstag in EU-Kreisen. Auch griechische Banken stoßen mittlerweile im großen Stil Anleihen ihres Landes ab. Als Käufer sprang die EZB ein.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 17.06.2011)

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