„Überall Korruption, und jeder hat mitgemacht“

Es ist das System, das die politischen Eliten über Jahrzehnte geschaffen haben. Lina G. protestiert am Athener Syntagma-Platz gegen die politisch Verantwortlichen der Schuldenkrise.

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(c) EPA (ORESTIS PANAGIOTOU)

Athen. „Natürlich bin ich hier“, sagt Lina G. in einem Ton, der eigentlich keine Frage nach dem Warum zulässt. Die 46-jährige Lehrerin verbringt viele ihrer Abende auf dem zentralen Athener Syntagma-Platz, ist eine von Zehntausenden „Empörter Bürger“, die nun schon seit einem Monat täglich vor dem Parlament gegen die harten Sparmaßnahmen, aber auch gegen eine politische Kultur demonstrieren, die diese Sparmaßnahmen nötig gemacht hat.

Lina hat lange still gehalten, „viel zu lange“, wie sie sagt. Innerhalb des vergangenen Jahres hat sie Gehaltskürzungen von insgesamt 20 Prozent hinnehmen müssen. Ihr Mann, ein selbstständiger Architekt, hat nur noch ein Drittel seines gewohnten Auftragsvolumens. Die beiden Töchter sind noch in der Ausbildung und die kostet in Griechenland sehr viel. Theoretisch sind die öffentlichen Schulen kostenfrei, doch wer auch nur eine annähernde Chance für eine Universitätszulassung haben will, der muss auf teure Nachmittagsschulen gehen. „Das gehört zum System“, weiß die Lehrerin.

Es ist dieses System, das die politischen Eliten über Jahrzehnte geschaffen haben, ein System, in dem nur vorankommt, wer privat und oft an der Steuer vorbei Zusatzleistungen in Anspruch nimmt, ein System, in dem man Beziehungen braucht. Die politischen Eliten haben es über Jahrzehnte geschaffen und sich darin sehr bequem eingerichtet. „Unbequem soll es ihnen werden, allen, egal, von welcher Partei“, das möchte Lina.

Ihre Familie kommt kaum noch mit dem Geld aus, aber das ist es nicht in erster Linie, was sie auf den Syntagma-Platz treibt. Dass das Land praktisch schon pleite ist, kaum noch Handlungsspielraum hat, die harten Sparmaßnahmen zu lockern, ist ihr bewusst. Woran sie beteiligt sein will, ist ein Umbruch im Denken, in der politischen Mentalität. „Alle Politiker haben uns immer nur behandelt wie Stimmvieh, und sie hatten ja auch recht. Wir haben alles mit uns machen lassen, überall Korruption hingenommen, jeder von uns hat da auch noch mitgemacht.“ Etwas Neues muss entstehen, da ist sie ganz sicher.

 

Zurück zur Selbstverwaltung

Was? Wie das genau aussehen soll? Lina zeigt strahlend auf die vielen jungen Leute, die auf dem unteren Platz wie zuletzt auch in Madrid ihre Zeltstadt sauber halten, Plakate malen und einen „Ausschuss“ nach dem anderen bilden, um „die Schuldenkrise“ oder „die Energieversorgung“ zu diskutieren. „Wir müssen zurück zu mehr Selbstverwaltung. Ich finde es toll, dass junge Leute endlich wieder kollektive Ideen haben.“

Ganz vorne, an den Abgrenzungen zum Parlament, brüllen ebenfalls junge Leute Parolen, die oftmals weit unter die Gürtellinie gehen. Dahin geht Lina nicht. Sie ist besorgt darüber, dass sich da ganz offensichtlich auch eine gefährliche, sehr rechtslastige Szene zusammenfindet. Auch die „300 Griechen“, die in Anlehnung an Leonidas, der in der griechische Antike mit 300 Kriegern die Perser besiegte, sich jeden Abend am Syntagma einfinden und eine Bereinigung Griechenland von der weltweit jüdischen Finanzwelt verlangen, belächelt sie. Lina ist eine sehr durchschnittliche Mutter des Mittelstandes, sie gehört ganz und gar zur Mitte der Gesellschaft. Dass es jeden Abend so viele Linas auf dem Syntagma gibt, macht die „Empörten Bürger“ für die Regierung so gefährlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2011)

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