„Überall Korruption, und jeder hat mitgemacht“

21.06.2011 | 18:49 |  Von unserer Korrespondentin CORINNA JESSEN (Die Presse)

Es ist das System, das die politischen Eliten über Jahrzehnte geschaffen haben. Lina G. protestiert am Athener Syntagma-Platz gegen die politisch Verantwortlichen der Schuldenkrise.

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Athen. „Natürlich bin ich hier“, sagt Lina G. in einem Ton, der eigentlich keine Frage nach dem Warum zulässt. Die 46-jährige Lehrerin verbringt viele ihrer Abende auf dem zentralen Athener Syntagma-Platz, ist eine von Zehntausenden „Empörter Bürger“, die nun schon seit einem Monat täglich vor dem Parlament gegen die harten Sparmaßnahmen, aber auch gegen eine politische Kultur demonstrieren, die diese Sparmaßnahmen nötig gemacht hat.

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Lina hat lange still gehalten, „viel zu lange“, wie sie sagt. Innerhalb des vergangenen Jahres hat sie Gehaltskürzungen von insgesamt 20 Prozent hinnehmen müssen. Ihr Mann, ein selbstständiger Architekt, hat nur noch ein Drittel seines gewohnten Auftragsvolumens. Die beiden Töchter sind noch in der Ausbildung und die kostet in Griechenland sehr viel. Theoretisch sind die öffentlichen Schulen kostenfrei, doch wer auch nur eine annähernde Chance für eine Universitätszulassung haben will, der muss auf teure Nachmittagsschulen gehen. „Das gehört zum System“, weiß die Lehrerin.

Es ist dieses System, das die politischen Eliten über Jahrzehnte geschaffen haben, ein System, in dem nur vorankommt, wer privat und oft an der Steuer vorbei Zusatzleistungen in Anspruch nimmt, ein System, in dem man Beziehungen braucht. Die politischen Eliten haben es über Jahrzehnte geschaffen und sich darin sehr bequem eingerichtet. „Unbequem soll es ihnen werden, allen, egal, von welcher Partei“, das möchte Lina.

Ihre Familie kommt kaum noch mit dem Geld aus, aber das ist es nicht in erster Linie, was sie auf den Syntagma-Platz treibt. Dass das Land praktisch schon pleite ist, kaum noch Handlungsspielraum hat, die harten Sparmaßnahmen zu lockern, ist ihr bewusst. Woran sie beteiligt sein will, ist ein Umbruch im Denken, in der politischen Mentalität. „Alle Politiker haben uns immer nur behandelt wie Stimmvieh, und sie hatten ja auch recht. Wir haben alles mit uns machen lassen, überall Korruption hingenommen, jeder von uns hat da auch noch mitgemacht.“ Etwas Neues muss entstehen, da ist sie ganz sicher.

 

Zurück zur Selbstverwaltung

Was? Wie das genau aussehen soll? Lina zeigt strahlend auf die vielen jungen Leute, die auf dem unteren Platz wie zuletzt auch in Madrid ihre Zeltstadt sauber halten, Plakate malen und einen „Ausschuss“ nach dem anderen bilden, um „die Schuldenkrise“ oder „die Energieversorgung“ zu diskutieren. „Wir müssen zurück zu mehr Selbstverwaltung. Ich finde es toll, dass junge Leute endlich wieder kollektive Ideen haben.“

Ganz vorne, an den Abgrenzungen zum Parlament, brüllen ebenfalls junge Leute Parolen, die oftmals weit unter die Gürtellinie gehen. Dahin geht Lina nicht. Sie ist besorgt darüber, dass sich da ganz offensichtlich auch eine gefährliche, sehr rechtslastige Szene zusammenfindet. Auch die „300 Griechen“, die in Anlehnung an Leonidas, der in der griechische Antike mit 300 Kriegern die Perser besiegte, sich jeden Abend am Syntagma einfinden und eine Bereinigung Griechenland von der weltweit jüdischen Finanzwelt verlangen, belächelt sie. Lina ist eine sehr durchschnittliche Mutter des Mittelstandes, sie gehört ganz und gar zur Mitte der Gesellschaft. Dass es jeden Abend so viele Linas auf dem Syntagma gibt, macht die „Empörten Bürger“ für die Regierung so gefährlich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 22.06.2011)

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26 Kommentare
 
12
Gast: TOM22
23.06.2011 10:38
1

überall Korruption

in diesem Land sieht man überall Korruption und Mißwirtschaft. Als Tourist wird man komplett beschissen. Salzwasser in den Leitungen, schlechtes sauteures Essen, kein Klo am Strand, etc... Alles ist "schwarz" - eine Rechnung bekommen sie nirgends. Selbst die Autobustickets waren verdächtig! Nie mehr wieder Griechenland!

Überall Korruption, und alle haben mitgemacht

Worin wir uns in Österreich keinen Deut unterscheiden.

Jo eh...

"sehr rechtslastige Szene"

Keine Angst, Frau Lehrerin, bisher waren immer die Links"autonomen" diejenigen, die Gewalt und Zerstörung bei den Demos unters Volk brachten. Hamma das ned gesehen?

Gast: Elitärer
22.06.2011 13:58
1

Die Eliten warn's.....

sagt die frau lehrerin(46,immer grosse ferien u. frühpension).....die griechische eisenbahn mit ihren wellnessarbeitszeiten fährt täglich 2,5 mio euro verlust ein....das gemeine volk gaunert sich durch nutzloses beamtendasein,frühpensionen,erschleichung von sozialleistungen durchs leben,kassiert für längst verstorbene die pensionen weiter.... aber die eliten sind schuld,ausschliesslich....ich weiss nicht ob's in griechenland eine yeti tant' gibt,wenn ja dann bitte ihr erzählen.....

Es ist dieses System, das die politischen Eliten über Jahrzehnte geschaffen haben, ein System, in dem nur vorankommt, wer privat und oft an der Steuer vorbei Zusatzleistungen in Anspruch nimmt, ein System, in dem man Beziehungen braucht. Die politischen Eliten haben es über Jahrzehnte geschaffen und sich darin sehr bequem eingerichtet

das nennt sich Förderalismus und wird auch hier kräftigst betrieben und verteidigt.

Auch wenn in unserem Land noch keine deraert harten Sparmassnahmen eingeführt werden (müssen) die Volksseele kocht schon lange wegen genau demselben Problem, das auch hier die Schulden weiterhin explodieren lässt.

Bezeichnend ist ja das besonders die Ausbeuter protestieren, den Bürgern sogar den Strom abdrehen, der öffentliche Verkehr stillsteht, ..... und nach weiterhin mehr Gelder verlangen, während die Bürger längst sparen müssen !

Gast: Jesas
22.06.2011 09:15
5

also wie hier im schönen österreich!

kein wunder dass österreich nicht weit hinter griechenland steht in sachen PLEITE!!! die pleitegeier kreisen schon um diese kleinen alpenrepublik!!!

freundschaft!!!

Antworten Gast: niederösterreicher
22.06.2011 11:37
1

Korruption ist typisch für einen Sozialstaat!

Korruotion ist eine typische Erscheinung in einem sozialistischen System. Ein System mit starkem staatlichen Einfluß über Sozialleistungen, Subventionen und staatlichen Förderungen gepaart mit einer ausgeprägten Beamtenstruktur ist immer anfällig für Korruption und "Freunderlwirtschaft".

In einer freien Marktwirtschaft wäre Korruption nicht möglich!

Re: Korruption ist typisch für einen Sozialstaat!

Aber natürlich! Schuld sind die verdam..ten Sozialisten. In einem neoliberalen System nennt man das ganze dann um und bezeichnet es als Lobbying. Da werden nicht einzelne Politiker geschmiert, sondern ganze Regierungen und Gesetze gekauft, damit mit der Sache eine legitimen Anstrich geben kann.

Antworten Antworten Gast: Oberösterreicher
22.06.2011 12:39
0

Re: Korruption ist typisch für einen Sozialstaat!

"In einer freien Marktwirtschaft wäre Korruption nicht möglich!"

?????????????????????????????????

Warum nicht? Bestechung ist in jedem Wirtschaftssystem höchst lukrativ.
Wettbewerb durch Bestechung abzukürzen natürlich auch.

Aber die NÖler waren immer schon ein bisserl dings....

Gast: asylwerber
22.06.2011 08:49
3

Liebe Frau Jessen ....

... hat Leonidas mit seinen 300 Spartanern wirklich "die Perser besiegt"? Zitat Bruno Kreisky: "Lernen Sie Geschichte Frau Redakteurin ..."

Antworten Gast: niederösterreicher
22.06.2011 11:38
0

Re: Liebe Frau Jessen ....

also den korrupten Atomkanzler sollte man in diesem Zusammenhang nicht zitieren!

Antworten Gast: schlÄchter
22.06.2011 10:04
1

Re: Liebe Frau Jessen ....

sg asylwerber!
;-)))
+
mfg
s.

Gast: Greece
22.06.2011 06:50
9

Ich bin schon 30 Jahre...

...in Greece und wenn ich sagte das die griechen anders sind als die touristen es sehen, wurde ich als schlechtmacher abgestempelt. Die lehrerin, architekten,taxler,bauämter,telekom (ote),stromversoreger.....bis hinunter zum kleinen tischler, alle sind korrupt, sie haben alle die ganzen jahre die hände aufgehalten und halten sie noch immer auf. Nichts hat sich geändert, nicht letztes jahr, nicht dieses jahr. Rechnungen? Ein tisch vom tischler kostet 500.- auf der rechnung steht 150.-, ersatzteile für das boot 230.- rechnung gibt es keine, natürlich kann ich eine auf nachfrage haben...+23 oder 24 % wieviel genau weis ich gar nicht, wie auch, sehe ja keine rechnung. Wenn ich mich aufrege.....dann brauch ich nächstesmal gar nicht mehr kommen und das ganze dorf weis, DER wollte eine rechnung.....! Es hat sich nichts geändert!!!!Die leute, die auf die strasse gehen und jammern, sind die die jahrzente traumhaft verdient haben, die schmiergelder kassiert haben. Die, die gelitten haben und jetzt leiden, sind die, die nicht auf die strasse gehn, weil dann verlieren sie auch noch den rest!!! DIE lehrer sollen schnell ruhig sein, sie hat genauso keine steuern bezahlt für ihre nachhilfestunden und fragt sie mal wann sie in pension gegangen ist-wäre. Das ganze griechische system wurde mit hilfe unserer (europäischen)politikern unterstütz, warum, weil sie ein teil des systems sind. Die korruptheit betrifft nicht nur greece-das betrifft ganz europa-Ich könnte bücher schreiben.......

Re: Ich bin schon 30 Jahre...

Als obs bei uns irgendwie anders wäre, ich bin kurz davor mit meinem Haus fertig zu werden und war anfangs schockiert wie man sich vom Notar bis zum Fließenleger aussuchen kann welchen Anteil man über eine Rechnung bezahlt und welchen man unter der Hand mal vorbeibringt.
Dann kommt man mit den Leuten die das Carport machen mal so zum reden, jo bei uns sind viele nur 20h angstellt und bekommen des Rest schwarz, die Exfrau hat den Chef schon mal angezeigt aber soviel Strafe dass es sich net auszahlen würde hat er net bekommen usw.

Antworten Gast: Zensur passiert?
22.06.2011 12:08
0

Re: Ich bin schon 30 Jahre...

Aber geh! Viele Griechen sind es leid, für die Fehler der Politiker einstehen zu müssen. O-Ton der Medien.

Gast: ASVG-Sklave
21.06.2011 21:25
9

"in dem nur vorankommt, wer privat und oft an der Steuer vorbei Zusatzleistungen in Anspruch nimmt, ein System, in dem man Beziehungen braucht"


absolut ident. Dann muss auch Österreich fallen: Ein korruptes verlottertes System quer durch Europa. Ein Dreck, den sie liebevoll Demokratie, Rechtsstaat und Marktwirtschaft nannten. Ein System der Tüchtigen, das sich jedoch als System der Gauner und Trickdiebe entpuppte.

Antworten Gast: niederösterreicher
22.06.2011 11:43
0

das ist der realexistierende Sozialismus

korrupt und menschverachtend.

schlag nach bei Hayek - der hat es in seinem Büchern schon sehr früh geschrieben, wohin uns unser sozialistischen System mit staatlichen Subventionen, Sozialstaat und staatlichen Klientellpolitik führt.

Es gibt Sozen in allen Parteien: in der ÖVP ist es der Bauernbund und der AAB bei den Marxisten die Gewerkschaften und Sozialpartner, die Grünen und Freiheitlichen sind so und so weit weg von einem freiheitlich-liberalen Gesellschaftsbild.

Re:

Und?
Irgendwelche Alternativen, Sie Utopist?

Einführung eines klassenlosen Arbeiterparadieses vielleicht, inklusive orwell'schem Überwachungsapparat? Oder lieber doch die Tilgung jeglicher schmutziger, korrupter Zivilisation durch einen "reinigenden" Krieg, und die Rückkehr zu einer naturnahen Stammesgesellschaft?

Das derzeitige System ist einfach ein Spiegelbild der menschlichen Natur, weiter nichts.

Antworten Antworten Gast: auch austrian
22.06.2011 10:32
0

Re: Re:

sie müssen nur ein paar dieser gauner einsperren, und zwar wirklich .. dann sehen die anderen dass es konsequenzen gibt -- und überlegen es sich ..
sind ja gute ansätze da ... die chancen dass der grasser in den häfen geht, stehen gar nicht so schlecht ....


Re: Re:

Die Schweizer müssen nicht die korrupten Griechen unterstützen.

Verstehen Sie das ?

Re: Re: Re:

Es geht hier um die Systemfrage, und nicht um anlassbezogene Fragen.

Dass Politik von Opportunismus und Korruption schwer betroffen ist, ist mir natürlich voll und ganz klar. Aber was dagegen machen? Der Typ Mensch, der sich als Politker versuchen will, ist in meinen Augen ja sowieso opportunistisch und zumindest etwas hinterlistig - oder wie, meinen Sie, schafft man es sonst an die Spitze in der Politik?

die heute empörten griechen haben doch über viele jahre

davon profitiert?
irgendwann kommt der tag der abrechnung, in griechenland hatten die verantwortlichen 12 monate zeit und n i c h t s wurde erarbeitet d e n n
die denken doch das sie weiter geld von irgendwo bekommen und weiter "wurschtln".

in dem land sind a l l e bevölkerungsschichten korrupt gewesen!

Gast: Gast.Gast
21.06.2011 20:11
2

die Perser

Was ist falsch an der Annahme, die Finanzwelt sei nicht nur in Griechenland ausser Kontrolle, immerhin hat uns Amerika gezeigt wo die Achillesferse oder der Achillesfed liegt. Eine Neuorientierung ist nicht nur in Griechenland gefragt.

Bleibt die Frage: Wieviel Griechenland steckt im System Österreich?

Ich behaupte 90 %. Die Bedienungsmentalität im öffentlichen Sektor mag zwar nicht in diesem Ausmaß in Bargeld sehr wohl in den Privilegien wie auch der Effizienz bestehen.

Mit welcher Ignoranz unsere politischen Parteien den seit Jahrzehnten wuchernden Strukturen in der öffentlichen und halböffentlichen Strukturen, Kammern, Bünden, Pfründen begegnen spricht von "großem Griechenland in Österreich".

Für das Scheitern des Verfassungskonvents, für das standhafte Ignorieren der Rechnungshofberichte und dem fehlenden Unrechtsbewußtsein der Politiker gehören diese "verbal abgefotzt und durch die Straßen gejagt".

Das alles ist in der abendländischen Kultur (welch großes Wort) zur "Hure" geworden, mit der sich die Verantwortungsträger spielen.

Empöret Euch, bevor sich unsere Kinder und Enkel zu recht über uns Wähler empören. Die politischen Parteien gehören mächtig ausgehölt und in einer Volksabstimmung ein Wahlrecht herbeigeführt, das nur Mandatare, die mit Unterschrift die persönlicher Haftung für Sauberkeit, Effizienz und Ehrlichkeit einstehen. Zwei Drittel der derzeitigen Mandatare werden dann nicht mehr zur Wahl stehen, wetten?

Re: Bleibt die Frage: Wieviel Griechenland steckt im System Österreich?

zwei Drittel?
deutlich zu nieder.
das würde ja bedeuten, dass 1 Drittel ohne Absprachen an ihre jeweiligen Futtertröge gekommen wäre.
99,9% der Mandatare würden mit Unterschrift die persönliche Haftung für Sauberkeit, Effizienz und Ehrlichkeit NICHT einstehen - sie würden alles verlieren ;)

Gast: radius
21.06.2011 19:22
1

Eine gscheite Frau, doch warum fürchtet sie sich nicht vor der Linkslastigkeit.


 
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