26.05.2013 04:09 Merkliste 0

Ratingagentur schickt Politik zurück zum Start

05.07.2011 | 10:50 |   (Die Presse)

Die Ratingagentur S&P will die geplante Beteiligung der Privatgläubiger an der Griechenland-Hilfe als „teilweisen Zahlungsausfall“ werten. Nowotny kritisiert deren Verhalten.

Artikel drucken Drucken Artikel versenden Senden Merken AAA Textgröße Artikel kommentieren Kommentieren

Mehr zum Thema:

Wien/Bloomberg/Reuters/Jaz. In der Vorwoche hoffte die europäische Politik, die Griechenland-Misere langsam aber sicher lösen zu können. Trotz heftiger Widerstände auf der Straße beschloss das Parlament in Athen ein Sparprogramm, das von EU und IWF als Voraussetzung für frisches Geld aus dem Hilfstopf genannt worden war. Die bevorstehende Staatspleite war abgewendet. Zudem sorgte ein Vorschlag des französischen Bankenverbands über die Beteiligung der Privatgläubiger an der Griechenland-Hilfe für Aufatmen bei Politikern. Denn erstmals signalisierten auch Banken und Versicherungen, sich finanziell zu beteiligen.

Anfang dieser Woche war die Euphorie wieder verflogen. Grund dafür war ein Statement der Ratingagentur S&P zu den Plänen. „Aus unserer Sicht würden sie zu einem teilweisen Zahlungsausfall führen“, so die Ratingagentur. Die bestehenden und künftigen Staatsanleihen Griechenlands würden daher mit der schlechtesten Bewertung „D“ versehen werden.

Die Europäische Zentralbank (EZB) wird einem Bericht der Financial Times zufolge weiter an ihrem Prinzip festhalten, auf das beste Raing aller Agenturen zu achten. Die EZB könnte damit die Tür für einen Kompromiss zur Lösung der griechischen Schuldenkrise offenlassen, der eine Beteiligung der privaten Gläubiger vorsieht, solange nicht alle Ratingagenturen dabei ihre Bewertung auf die schlechteste Note absenken.

Griechenland: Die unglaublichsten Zuschüsse

Alle 5 Bilder der Galerie »

Auch der US-Derivateverband äußerte sich dahingehend, dass er den französischen Vorschlag nicht als Kreditereignis bewerte. "So wie ich Frankreichs Plan verstehe, handelt es sich gewissermaßen um einen freiwilligen Roll-Over und im Allgemeinen werden durch einen freiwilligen Roll-Over keine Kreditausfall-Versicherungen (CDS) fällig", teilte der Derivateverband International Swaps and Derivatives Association (ISDA) am Montag mit.

Nowotny-Kritik an Ratingagenturen

Der Chef der Österreichischen Nationalbank, Ewald Nowotny, kritisiert die Rating-Agenturen wegen ihrer strengen Vorgaben für die Griechenland-Hilfe. Ihm sei aufgefallen, dass die (großteils US-amerikanischen, Anm.) Rating-Agenturen in dieser europäischen Angelegenheit "sehr viel strikter und aggressiver sind als bei ähnlichen Fällen in Südamerika", meinte der OeNB-Gouverneur Montagabend in der "Zeit im Bild 2".

Nowotny spricht hier von einer "schwer schwierigen Diskussion" mit den Rating-Agenturen, da dieser auch teilweise Verzichte als Ausfall werten würden. Überhaupt gebe es eine "eigenartige Situation". Die Banken selber wären nämlich durchaus bereit, sich an der Rettung zu beteiligen, weil sie Interesse an der Stabilität Griechenlands hätten.

Faymann zeigte sich ebenfalls erbost über die Kritik der amerikanischen Ratingagenturen. Er attestierte den Agenturen ein mangelndes Einfühlungsvermögen sowie mangelnde "Ortskenntnis". Es sei an der Zeit, eine europäische Ratingagentur zu errichten, die mit den Gegebenheiten in Europa besser vertraut sei. Der Kanzler sprach von einer "unkontrollierten Entwicklung", bei der Ratingagenturen einen größeren Einfluss hätten als parlamentarische Beschlüsse.

Zusammenbruch der Banken

Sollten die Ratingagenturen konsequent bleiben, wäre die Folge davon der Zusammenbruch des griechischen Bankensystems, da die EZB angekündigt hatte, in einem solchen Fall keine griechischen Staatsanleihen mehr als Pfand zu akzeptieren. Dies ist zurzeit jedoch die einzige Möglichkeit für griechische Banken, noch zu frischem Geld zu kommen. Dies könnte zu einem Sturm auf die Banken und „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ in Griechenland führen, meinte IHS-Chef Bernhard Felderer in der Vorwoche.

Darüber hinaus würde die geplante Rückkehr Griechenlands an den Kapitalmarkt unmöglich sein, solange das Rating auf dem schlechten Niveau verweilte. Ökonomen befürchten zudem negative Auswirkungen auf die anderen Wackelkandidaten des Mittelmeerraums – allen voran Portugal. Da die EU-Politik dieses Szenario auf jeden Fall vermeiden möchte, bedeutet das Urteil von S&P für sie eine Rückkehr an den Start. „Politiker, Zentralbanker und Bankenvertreter müssen nun zurück an den Zeichentisch und sich etwas Neues überlegen“, sagt Christoph Rieger, Strategiechef bei der deutschen Commerzbank. Eine Beteiligung der Privatgläubiger wurde in der Vorwoche von führenden EU-Politikern wie der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) lautstark gefordert.

 

Kritik an französischen Plänen

Die französischen Pläne hatten vorgesehen, dass die Gläubiger 70Prozent ihres auslaufenden Griechenland-Investments neuerlich in 30-jährige griechische Staatsanleihen stecken. 50 Prozent der ursprünglichen Summe hätte Griechenland erhalten, die restlichen 20 Prozent sollten in einen Sicherungsfonds fließen, der eine Rückzahlung auch nach einer Staatspleite garantieren würde.

Dieser letzte Punkt – als Anreiz für die Banken gedacht – erklärt laut Kritikern des Plans auch die Ablehnung durch S&P. So wäre für Griechenland nach einer solchen Umschuldung eine Staatspleite samt Schuldenschnitt in einigen Jahren günstiger, als die vollen Zinsen für 30 Jahre zu zahlen.

Des Weiteren würden die Gläubiger laut der Einschätzung von S&P in Summe weniger Geld erhalten, da die Zinsen bei den neuen 30-jährigen Anleihen „deutlich geringer“ sein dürften. Zudem würde es sich nicht um einen freiwilligen Umtausch, sondern eine „Restrukturierung“ Not leidender Kredite handeln, so die Ratingagentur. Daher müsse dies als „teilweiser Zahlungsausfall“ gewertet werden.

 

Klage gegen Griechenland-Hilfe

Widerstände gegen die Griechenland-Hilfe gibt es aber auch in Deutschland. Dort verhandelt das Bundesverfassungsgericht heute, Dienstag, über die Rechtmäßigkeit des Hilfspakets. Die Kläger berufen sich auf die EU-Verträge, die eine Finanzhilfe für andere Länder untersagt. Einer der Kläger, der Berliner Ökonom Markus Kerber, fordert daher den Euro-Austritt der EU-Nettozahler – neben Deutschland auch Österreich.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 5. Juli 2011)

Testen Sie "Die Presse" 3 Wochen lang gratis: diepresse.com/testabo

Mehr zum Thema:

Mehr aus dem Web

Mehr auf DiePresse.com

401 Kommentare
 
1 2 3 4 5 6 7 8 9
Antworten Gast: Wir pfeifen auf die EU!
04.07.2011 12:31
4 0

Ich auch!

Und meine Verwandten und Arbeitskollegen auch!

"Finanzwissenschaftler" - ein Widerspruch in sich

denn in Bezug auf Finanz und Wirtschaft gibt es offenbar so viele Meinungen wie es "Wissenschaftler" gibt, und fuer jede Meinung gibt es einen "Wissenschaftler", der sie begruendet.

Wenn heute wieder die gleichen Ratschlaege von sogenannten "Experten" kommen wie nach der Krise 1929 - und zwar von denen, die massgeblich an den Entscheidungen in der EU und im IWF Einfluss nehmen, dann kann es einen nur gruseln.

Re:

Wissenschaft ist nicht Wissenschaft. Vorausberechnungen, wo in den "Formeln" nicht physikalische Gesetze sondern Handlungen von Menschen berücksichtigt werden müssen, sind naturgemäß schwieriger und ergeben eine gewisse Bandbreite.

Daher ist es auch "leicht" anzunehmen, dass z.B. Griechenland (seine Bürger, seine Wirtschaft, seine Regierung) vom Tag "x" an seine Schulden zu 100% selbst bedienen können wird. Wie gesagt, "leicht" aber eher irrational.

Frage an alle Poster

Gestern konnte man in der Schweizer Sonntagspresse folgenden Lösungsansatz in Bezug auf die Griechenland-Krise lesen, der u.a. von Peer Steinbrück vertreten werden soll:

Zitat (SonntagsBlick, S.25): "Punkt 1: Grosser Rettungsschirm zu, Griechenland pleitegehen lassen. Punkt 2: Kleiner Retttungsschirm auf, darunter kommen alle Banken, die dann wirklich von der Pleite bedriht sind. Das kostet einen Bruchteil dessen, was Europa jetzt für die Griechen zahlen muss."

Es würde mich wunder nehmen wie dieser Vorschlag bewertet wird...

Re: Frage an alle Poster

Die für mich entscheidenden Fragen wird in Pkt. 2 nicht beantwortet:
a) Ist diese Bankenrettung dann "geschenkt" oder erhalten die Staaten als Gegenleistung Bankanteile? Die Frage ist für mich deshalb so wichtig, da das im ersten Fall keinerlei Abweichung von der aktuellen Vorgangsweise bedeuten würde. GR ist im Grunde Pleite, der Rettungsschirm kommt ja nicht den sich zu Tode sparenden Griechen sondern deren Gläubigern zugute. In zweiterem Fall wäre ein "Exempel statuiert", d.h. wer sich verspekuliert, hat ein Problem und muss sich gegen Gegenleistung helfen lassen.
b) Damit in Zusammenhang: Würden Banken ab diesem Zeitpunkt (das Risiko wird schlagend) nicht so reagieren, dass sie auch das Risiko anderer Staaten höher bewerten? Beispiel: Auch Ö hat offenbar kein Interesse daran, Schulden (auch gemessen am BIP) abzubauen - steigt dann unsere Kupon-Verpflichtung (Verzinsung) unserer Anleihen?

Insgesamt ist auch diese Idee meiner Meinung nach die versuchte Heilung des Symptoms. Heilung muss umfassender sein und - in diesem Fall auch die Konsequenzen aufzeigen.

Das einzige, was ich uneingeschränkt positiv finde ist die Tatsache, dass da endlich Bewegung reinkommt und wenigstens über Alternativen nachgedacht wird. Wird uns doch gar hoffentlich das Wort "alternativlos" abhanden kommen?

Durchaus berechtigt übrigens der Oppositions-Einwand von Walter2 weiter unten.

Antworten Gast: radius
04.07.2011 13:22
0 0

Die Ratten wie Steinbrück wechseln die Seite um politisch daraus Kapital zu schlagen.

Er war der erste Befürworter des Griechenlandpakets, gleich wie unser Faymann.

Ach ja, übrigens möchte Steinbrück die Verursacher natürlich nicht suchen, eh klar, würde er ganz klar schlecht abschneiden in dieser Aufklärung.

Transparenz und Aufklärung und Konsequenzen.

Antworten Gast: Zen Su Riert
04.07.2011 12:32
0 0

Re: Frage an alle Poster

Der Vorschlag ist grundsätzlich immer noch sinnvoll, da wir damit wenigstens nicht die US Invetmentbanken finanzieren, die im Vertrauen auf die Rettung im großen Stil weiter in griechische Anleihen investierten, da diese höhere Zinsen bringen. Allerdings kommt er mehr als ein jahr zu spät, da die EZB im vergangenen Jahr im großen Stil griechische Staatsanleihen am Markt gekauft hat, auf denen sie nun sitzt.

Re: Frage an alle Poster

Dem Vorschlag wäre, aus meiner Sicht zuzustimmen. Da Hr. Steinbrück aber zur SPD gehört, befürchte ich, dieser Vorschlag ist mehr der derzeitigen Oppositionsrolle und der derzeitig herrschenden (ablehnden) Meinung der Bevölkerung zum Rettungsschirm geschuldet, als der eigenen Überzeugung?

Gast: Hammurabi
04.07.2011 11:05
5 2

Nix Neues

Daß Frau Merkel die deutschen Rentner abzockt ist nix Neues. Trotzdem wird sie immer noch gewählt. Da trifft wieder zu: Alt und doof.

Antworten Gast: Gast 99
04.07.2011 12:02
3 2

Re: Nix Neues

Zum Unterschied zu ihren "doofen Rentnern" sind sie schon jetzt auf dem in ihrem Posting angeführtem Level angelangt! Viel schlimmer geht es nimmer.

"Was

nach Griechenland und Portugal fließt, um dort den Lebensstandard aufrechtzuerhalten, geht zulasten des Lebensstandards der Deutschen."

Herr Sinn muss sich bloß mal richtig mit BK Faymann unterhalten, dann wird ihm der Faymann die Augen öffnen und auch er wird erkennen, dass das alles ja gar nicht so schlimm ist.

Antworten Gast: _hw_
04.07.2011 11:16
0 0

Re:

herrn sinn ist offenbar entgangen, dass das geld gar nicht in GR bleibt.

Re: Re:

Der Schirm hat 2 Effekte:
a) Die derzeitigen Überweisungen dienen der Bezahlung des bereits konsumierten Lebensstandards.
b) Die Bürgschaften dienen der Bezahlung des weiteren Lebensstandards, durch Aufnahmemöglichkeit weiterer Kredite.

Die Geister die ich rief .....

Leider wird Hr. Kerber unvollständig zitiert.

Es wäre äusserst interessant zu erfahren, wie er der Argumentation entgegnet, eine Pleite der genannten Länder würde die systemrelevanten Banken in den verbliebenen Ländern derart beschädigen, dass damit das Problem in keiner Weise gelöst wäre.
Er hat Recht - *so* geht es nicht. Aber welche sind die wirtschaftlich und politisch möglichen Alternativen - und welche Konsequenzen haben diese?

Antworten Gast: _hw_
04.07.2011 11:14
0 3

Re: Leider wird Hr. Kerber unvollständig zitiert.

es ist eigentlich fahrlässig, wenn professoren den "normalsterblichen" glauben lassen, mit tritt aus euro/EU aus und hat dann mit der weltwirtschaft nichts zutun.

Re: Re: Leider wird Hr. Kerber unvollständig zitiert.

Da haben Sie Recht...
Aber es ist massentauglich - und deshalb wird gar nicht weitergefragt. Ich bin absolut sicher, dass Hr. Kerber Antworten anbieten könnte. Vielleicht sind auch ein paar dabei, die nicht sehr populär wären.
Ich finde es somit eher fahrlässig, solche unbelegten Verkürzungen zu veröffentlichen und nicht die entscheidende Frage nach den Konsequenzen zu stellen.
Wie erwähnt: Das wäre die dann lohnende Frage, die endlich eine Alternative bewertbar macht.

Antworten Antworten Antworten Gast: radius
04.07.2011 13:25
0 0

Das können Sie sicher auf Europolis-online nachlesen.


Das

wird unseren Kapazundern aber nicht gefallen.

Re: Das

Berührt sie sicher nicht, denn seit wann lesen die denn Bewertungen von Fachleuten, welche eine andere Ansicht als sie selbst vertreten?

Re: Re: Das

Man will doch auch wissen, was die andersdenkenden "Fachleute" dazu zu sagen haben.

Re: Re: Re: Das

Sie wahrscheinlich ja, die Politiker? Fürchte eher nein. Denn wer sich für unfehlbar hält, und die Formulierung "diese Hilfe ist alternativlos" schließt ja andere Varianten als die "eigene" bereits kategorisch aus, den wird das eher nicht interessieren.

10 0

Recht hat der Herr Markus Kerber

Wenn sowie es nun geschehen ist Spekulanten die hoch verzinste Griechenlandpapiere halten sehen das durch das "Bail out" für sie keinerlei Gefahr eines Verlustes besteht warum sollen die ihre Taktik ändern ??? und auf hohe Renditen bis 25 % verzichten ??
Sollte da nicht der Sparguthaben Inhaber von seiner Seite aus nicht den Großmut besitzen auf die lächerlichen Zinsen von 2% zu verzichten und den Bankstern sein Geld zu entziehen !!!!


Leider gehört die EZB- also wir Steuerzahler- zu den größten Gläubigern!

Die EZB kauft auf Teufel komm raus noch immer griechische Anleihen, in vollem Bewußtsein, daß die Titel Ramsch sind. Hinter der EZB stehen die EU Staaten, im Klartext die EUROPÄISCHEN STEUERZAHLER.
Unsere Politiker vernichten nicht nur unsere (der Älteren) Zukunft, sondern auch die unserer Kinder und Enkel.

Re: Recht hat der Herr Markus Kerber

Past haargenau, dazu auch nochmals den deutschen Ökonomen Homburg in Kurzfassung zitiert (rund 2 Wochen zuvor):

Im Normalfall würde ich heute keine Griechenlandanleihen kaufen, aber ich vertraue auf die Dummheit der deutschen Bundesregierung.

Antworten Gast: Nur net gierig sein
04.07.2011 11:20
2 0

Re: Recht hat der Herr Markus Kerber

Ja dazu gehört großer Mut. Aber die Bankster wissen genau dass die kleinen Sparer genauso gierig sind wie sie selbst. Nur auf extrem niedrigen Niveau. 2% minus 25% bleiben heiße 1,5%. Einfach lächerlich, da liegen sie unter dem Kopfpolster genauso gut.

0 0

Re: Re: Recht hat der Herr Markus Kerber

Genau und vor allem ,im Fall der Fälle jederzeit zur Hand.

Wie war das damals als die Leute auf Zur BAWAG gingen um ihr Geld abzuheben !!
Da gabs doch plötzlich Probleme mit der EDV ect.
Obwohl der hartbleibende Kunde sein Geld auch mit Handquittung erhalten kann falls er darauf besteht,aber die meisten lassen sich abwimmeln.

 
1 2 3 4 5 6 7 8 9

Hobbyökonom