Bob Doll: "Wieso Ratingagentur? Wir machen selbst Research"

Chefstratege der weltgrößten Fondsgesellschaft BlackRock, Bob Doll, vertraut nicht auf die Noten externer Agenturen und meint, dass deren große Macht ausschließlich darin liege, dass alle ihren Urteilen glaubten.

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(c) REUTERS (HENRY ROMERO)

Wien. Mit einem verwalteten Vermögen von 3600 Mrd. Dollar (das ist mehr als das zwölffache des österreichischen Bruttoinlandsprodukts) ist BlackRock der mit Abstand größte Vermögensverwalter der Welt. Viel Geld, für dessen Management eine Menge an Informationen nötig ist. Wie weit vertraut die in New York ansässige Fondsgesellschaft dabei den Noten der internationalen Ratingagenturen?

„Überhaupt nicht“, sagt Bob Doll, Chefstratege von BlackRock, im Gespräch mit der „Presse“. „Wir bei BlackRock beachten Ratings nicht. Wir machen unseren eigenen Credit-Research.“ Und woher kommt dann die Macht der Agenturen, wenn sich die größten Player auf den Finanzmärkten nicht immer nach deren Noten richten? „Die kommt daher, dass das eben doch viele Leute ernst nehmen“, meint Doll. Und zwar in Europa mehr als in den USA. Denn die vor Kurzem ausgesprochene Drohung, die USA abzustufen, habe dort relativ wenig Aufregung verursacht.

Die in Europa vorherrschende Meinung, dass die Agenturen europäische Länder deutlich strenger benoten als etwa die USA, findet der US-Experte „interessant“. Das habe aber weniger politische Gründe, sondern liege daran, dass sie „auf die USA als Land mit der Weltreservewährung blicken“. Das schaffe andere Voraussetzungen – und werde sich in dem (allerdings in weiter Ferne liegenden) Augenblick ändern, in dem Amerika diesen Status verliert.

Man müsse auch sehen, dass die USA zwar viele Probleme (auch mit den Staatsschulden) habe, aber eben immer noch weniger als andere. Doll: „Wir sind das beste Haus in einer schlechten Gegend.“

 

Griechenland ist pleite

Zur Griechenland-Krise meint der US-Experte, jeder in der Finanzwelt wisse, dass Griechenland nicht zahlen könne. Der „Default“ sei also praktisch da. Die Frage sei jetzt, „wann man in Europa anerkennen kann, dass Griechenland zahlungsunfähig ist“. Dazu brauche es noch Zeit. Zumal es nicht so aussehe, als hätten die EZB und die Euroregierungen eine Lösung zur Verhinderung der Staatspleite parat.

Doll würde eine Lösung einfallen: niedrige Zinsen. „Schuldner, egal ob Staaten, Unternehmen oder Private, werden nicht von ihren Schulden erwürgt, sondern von den Zinszahlungen“. Niedrigstzinsen würden beispielsweise das hoch verschuldete Japan seit Jahren vor dem Kollaps bewahren. Auch in den USA seien die hohen Staatsschulden noch nicht wirklich ein Problem, weil der Anteil der Zinszahlungen am BIP nicht wesentlich gestiegen sei.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 06.07.2011)

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