Ratingschock: „Das ist Terrorismus“

Die EU überlegt nach der Portugal-Abstufung, Ratings von Krisenländern einfach auszusetzen. Heftige Kritik an den Ratingagenturen kommt jetzt auch von der OECD.

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(c) AP (Yves Logghe)

Wien/Brüssel/Red. Nach der dramatischen Abstufung der Bonität Portugals durch die Ratingagentur Moody's wendet sich die Stimmung in Europa dramatisch gegen die „Notenverteiler“: Die EU überlegt ernsthaft, Ratings für Mitgliedsländer, die Finanzhilfen benötigen, auszusetzen. Wie sie das anstellen will, blieb die EU-Kommission freilich schuldig. Indessen wirft auch die OECD den Ratingagenturen eine Verschärfung der Schuldenkrise vor. Und der frühere Industrieminister Portugals, Luis Mira Amaral, nennt das Vorgehen von Moody's „Terrorismus“.

Auslöser der Aufregung war eine überraschende Rückstufung des mit Finanzproblemen kämpfenden Eurolandes Portugal durch Moody's um ganze vier Bonitätsstufen auf Ramschstatus. Die Rückstufung (der die beiden anderen Ratingagenturen, Standard & Poor's und Fitch, noch nicht gefolgt sind) hat in Lissabon einen regelrechten Schock ausgelöst. Die Wirtschaftszeitung „Diario Economico“ meinte, Moody's wolle Portugal in den Bankrott treiben.

 

Schärfere Aufsicht geplant

Die EU, die mit den Bonitätsbeurteilungen durch die Agenturen schon in Griechenland ihre liebe Not hat, will nun reagieren: Binnenmarktkommissar Michel Barnier sagte, die EU-Kommission ziehe in Betracht, Bonitätsbewertungen für hoch verschuldete EU-Staaten auszusetzen. Zusätzlich arbeite man an einer Verschärfung der gesetzlichen Aufsicht von Ratingagenturen in Europa. Zuvor hatte die EU die Entscheidung, Portugal trotz des vereinbarten Reform- und Sparprogramms dramatisch abzustufen, stark kritisiert.

Schwere Vorwürfe gegen die US-Ratingagenturen erhebt nun aber auch die in Paris ansässige Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD): Die Agenturen würden die Schuldenkrise durch „sich selbst erfüllende Prophezeiungen“ zusätzlich anheizen, sagte OECD-Ökonom Pier Carlo Padoan in einem Interview mit der italienischen Zeitung „La Stampa“. Die Agenturen würden nicht einfach Informationen übermitteln, sondern Urteile abgeben, die bereits bestehende Tendenzen deutlich verstärken. Das sei, als würde „ein am Abgrund Stehender hinabgestoßen“.

Die überraschende Abstufung Portugals brachte aber auch den deutschen Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) auf die Palme: Er forderte – nicht zum ersten Mal – ein „Aufbrechen des Oligopols“ der drei Agenturen Moody's, S&P und Fitch. In der EU gibt es wie berichtet Überlegungen, eine europäische Ratingagentur zu gründen. Diese Idee hat aber nicht nur Anhänger: Nicht wenige Experten meinen, die Urteile würden sich entweder nicht allzu sehr von jenen der amerikanischen Konkurrenz unterscheiden – oder aber, falls die Euro-Agentur unter politischen Einfluss gerate und sozusagen ein politisches Wunschkonzert spiele, wertlos sein.

Der deutsche Geschäftsführer von Standard & Poor's, Torsten Hinrichs, hat die Kritik an den US-Agenturen unterdessen scharf zurückgewiesen. Er meinte, die Eurokrise sei nicht durch Ratingagenturen, sondern durch fragwürdige politische Entscheidungen verursacht worden.

In Portugal hat die Rückstufung durch Moody's relativ starke Auswirkungen: Der Lissabonner Börseindex fiel um mehr als 2,5 Prozent, gleichzeitig kletterten die Renditen portugiesischer Staatsanleihen auf Rekordniveau. Anders gesagt: Wenn Portugal jetzt Geld ausleiht, muss es viel höhere Zinsen zahlen als noch zu Beginn der Woche. Unmittelbar nach der Rückstufung musste das Land für eine drei Monate laufende Anleihe im Volumen von 843 Mio. Euro mehr als fünf Prozent Zinsen akzeptieren.

 

EZB lockert Ratinggrenze

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat als Reaktion auf die Rückstufung durch Moody's die Ratinggrenze für portugiesische Anleihen gelockert: Die dürfen künftig auch dann von der EZB als Sicherheit akzeptiert werden, wenn sie nicht mehr „Investment grade“ besitzen. Bisher hat diese Bestimmung nur für Irland und Griechenland gegolten. Österreichs EZB-Rat Ewald Nowotny sagte der APA, die Maßnahme sei „vorbeugend“ beschlossen worden, falls auch die anderen Ratingagenturen Portugal zurückstufen.

Auf einen Blick

Die EU will Ratings für Mitgliedsländer, die Finanzhilfen benötigen, künftig einfach aussetzen. Die OECD kritisiert die Ratingagenturen, weil sich ihre Negativratings zu selbsterfüllenden Prognosen entwickeln. Grund der Aufregung ist die jüngste Rückstufung Portugals.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 08.07.2011)

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