Beulen aus Athen tragen

09.07.2011 | 18:27 |  von Karl Gaulhofer (Die Presse)

Griechenland ist fast pleite? Nichts Neues: Seit 1830 ist das Land über die Hälfte der Zeit in Umschuldungsphasen.

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Kahl und öde liegt Delos da, ein schmaler Granitrücken in der Ägäis. Nur ein paar Museumswärter leben auf der Insel. Sie hüten eine Historie, über die kaum mehr Gras wächst. In der Antike war der Apollontempel der wichtigste Wallfahrtsort der Griechen – und einer der ersten Orte, an dem bargeldlos Kredite vergeben wurden. Hier fand, im vierten Jahrhundert vor Christus, der erste Staatsbankrott statt: Zehn der 13 Stadtstaaten im Attischen Seebund stellten die Zahlungen auf Darlehen ein, die ihnen der Tempel gewährt hatte.

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Ihrer unrühmlichen Tradition als Erfinder der hoheitlichen Zahlungsunfähigkeit sind die Hellenen treu geblieben. Vom Unabhängigkeitskrieg gegen das Osmanische Reich ab 1821 bis heute legte das Land fünf Pleiten hin und befand sich die Hälfte der Zeit in verschiedenen Phasen der Umschuldung. Dennoch schwärmten anfangs nicht nur Romantiker für das befreite Hellas. Auch nüchterne Geschäftsleute drängten an die Wiege unserer Zivilisation. Aus ganz Europa floss reichlich Kapital in das arme, unterentwickelte Land. Viele Investoren holten sich Beulen und Schrammen. Die Versuche, strukturelle Reformen durchzusetzen, scheiterten an einer tiefen Skepsis gegenüber Besatzern und vorgeblichen Rettern, die in einem halben Jahrtausend der Unterdrückung gereift war – und heute zu neuem Leben erwacht.

So fühlte sich auch Prinz Otto aus München schon bald auf verlorenem Posten. Die europäischen Monarchen hatten ihn 1833 nach Athen geschickt, um das Machtvakuum zu füllen. Otto brachte bayerische Beamte mit, die einen Apparat einrichten sollten, wie sie ihn von zu Hause gewohnt waren. Aber schon bald gab es „interkulturelle Reibungsflächen“, wie die deutsche Historikerin Korinna Schönhärl erklärt: Die Beamten säkularisierten die Klöster, für die Griechen traditionell „Horte des Widerstands“ gegen die Osmanen.

Mit Waffen gegen den Fiskus. Und so stießen die bayerischen Steuereintreiber, wie früher die türkischen, auf bewaffneten Widerstand. „Die Griechen haben ein anderes Verständnis vom Staat als wir, sie bringen ihm wenig Vertrauen entgegen“, sagt Schönhärl. Aber auch unter ihnen selbst häuften sich die Reibereien. Auf dem Festland regierten die Clans der von den Türken ernannten einheimischen Verwalter. Ihr Klientelwesen wirkt bis heute fort. Auf den Inseln aber gelangten Handels- und Schifffahrtsfamilien mit Stützpunkten in ganz Europa zu Wohlstand. Diese Vorläufer von Onassis & Co. wollten auch politisch mitreden. Die Machtkämpfe führten in eine Art Bürgerkrieg, und auch gegen die Osmanen wurde weiter gekämpft.

Das alles brauchte Geld, viel Geld. Und so finanzierten die Anleihen aus Europa zum Großteil Waffen und Soldaten, statt in den Aufbau der Infrastruktur zu fließen. Am besten erging es noch den Direktinvestoren, wie dem Schweizer Bankier Jean Gabriel Eynard. Er gründete die National Bank, die bis heute stärkste griechische Finanzgruppe mit 18 Auslandstöchtern.

Erst Premierminister Charilaos Trikoupis versuchte ab 1875, ernsthaft Reformen durchzusetzen. Er plante Eisenbahnen, eine bessere Wasser- und Gasversorgung, den Kanal von Korinth– und schaffte es, dafür Anleihen zu verkaufen. Deutsche, französische und britische Banken erwarteten sich eine Gründerzeit mit satten Renditen. Doch am Ende scheiterte Trikoupis – und die Investoren saßen in der Falle.

Die Griechen hatten es freilich ungeschickt angestellt. Statt zu diversifizieren, setzten sie beim Export alles auf eine Karte: die Rosine. Umso mehr, als Frankreich, der Hauptproduzent der süßen Trockenfrucht, wegen einer Mehltauplage für einige Jahre vom Markt verschwand und die Preise stiegen. Kaum aber hatten die Franzosen den Befall im Griff, erließen sie auch schon – mitten in einer globalen Rezession – ein Importverbot. Die Preise rasselten in den Keller, und den Griechen ging die Luft aus. Im Dezember 1893 musste Trikoupis verkünden, was Experten längst erwartet hatten: „Wir sind leider bankrott.“ Und die Zoll- und Monopolerträge, die sich die Gläubiger als Pfand gesichert hatten? Sie wurden einfach nicht überwiesen.

Berlin ziert sich. Was dieser bisher schwersten Griechenpleite folgte, erinnert frappant an unsere Tage: Die Franzosen und Briten suchten eine einvernehmliche Lösung. Berlin aber blieb hart und wollte gegenüber Hellas wie Banken ein Exempel statuieren. Der Hintergrund aber war ein anderer als heute: Die britischen und englischen Institute waren schon lange in Griechenland aktiv und hatten beste Kontakte, bis zum Königshaus. Die fehlten den deutschen Bankern. Deshalb forderten sie, durch heftiges Lobbying, Hilfe vom Staat. Aber da könnte ja jeder kommen. „Die Banken hätten im Erfolgsfall die Gewinne eingestreift, also sollten sie auch das Risiko tragen“, skizziert Schönhärl die Position Berlins. Damit blieb nur ein Konfrontationskurs gegen Athen – und dieser führte spät zum Erfolg, als die Griechen 1897 nach einer neuen Niederlage gegen die Türken so dringend Geld brauchten, dass sie jedes Diktat akzeptierten.

Geld aus dem Verkehr ziehen. Was die Bondholder nun installierten, war fast eine Vorform des Internationalen Währungsfonds. Die „Commission Financière Internationale de la Grèce“ sorgte dafür, dass 40 Prozent der Staatseinnahmen an die Gläubiger flossen. Bis 1941 zahlte das Land so Zinsen und Tilgungsraten. Aber daneben sorgte die Institution (die es ähnlich auch in Ägypten und dem Osmanischen Reich gab) vor der Einführung des Goldstandards für eine geregelte Geldpolitik: Sie holte in zu großer Zahl gedruckte Geldscheine vom Markt und verhinderte so eine Inflation. Zudem drängte sie Athen, die Steuerflucht einzudämmen, Fälschungen von Briefmarken und Schmuggel von Tabak zu bekämpfen und in Eisenbahnstrecken zu investieren, um mehr Zölle einzunehmen. Der Druck der geprellten Investoren hätte so fast den Fortschritt ins Land gebracht. Aber die Griechen leisteten hinhaltenden Widerstand: Die geforderten Gesetze gingen nicht durchs Parlament, und wenn doch, wurden sie nicht exekutiert. Die Gläubigerberater waren die Feinde von außen, nicht anders als die Türken.

Ähnliches sieht Schönhärl heute: „Das Gefühl, von außen bestimmt zu werden, ist wieder da. Die Griechen fühlen sich bedroht.“ Vielleicht sollten sie sich zu Herzen nehmen, was die Gesandten der Gläubiger von 1897 geschrieben haben: „Diese Kontrolle mag den Griechen nicht schmecken. Aber ohne Zweifel wird sie sich langfristig für sie selbst als ebenso segensreich erweisen wie für die Anleihebesitzer.“

Pleiten, Pech und Pannen

4. Jahrhundert v. Chr.
Der weltweit erste Staatsbankrott: Zehn Stadtstaaten stellen ihre Zahlungen an den Tempel von Delos ein.

1826
können die Griechen die Anleihen nicht mehr bedienen, die sie für den Befreiungskrieg gegen die Türken aufgenommen haben.

1843 und 1860
kommt es zu den nächsten Pleiten.

1893
findet der bisher folgenschwerste Staatsbankrott statt: Bis 1941 steht Athen unter der Kuratel der europäischen Gläubigerstaaten.

Griechische Pein

Seit seiner Unabhängigkeit vom Osmanischen Reich im Jahr 1830 leidet Griechenland unter maroden Staatsfinanzen. Heute ist ein Hauptgrund die zu teure Verwaltung, im 19. Jahrhundert waren es die teuren Kriege und internen Konflikte.

Die lange Fremdherrschaft führte zu großer Skepsis gegenüber dem Staat und ausländischen Ratgebern. Eine Folge ist die schlechte Steuermoral.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2011)

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9 Kommentare

Seit 1830 ist das Land über die Hälfte der Zeit in Umschuldungsphasen ..

.... statt herumzujammern sollte das vielleicht einmal jemand dem Herrn Novotny sagen ...

Gast: Izmir Übuel
10.07.2011 18:39
0

Alles schon mal dagewesen

"This Time is Different: A Panoramic View of Eight Centuries of Financial Crises" by Carmen M. Reinhart, University of Maryland & Kenneth S. Rogoff, Harvard University

www.nber.org/~wbuiter/cr1.pdf

Gast: Izmir Übuel
10.07.2011 18:32
0

Thukydides über seine Landsleute ( um 400 v. Chr.)

"Die Masse ist in ihren Auffassungen unstet und wetterwendisch, für ihre Fehlleistungen macht sie andere verantwortlich, vor allem die Politiker, mitunter die Wahrsager. So sind vernünftige Beschlüsse nicht zu erwarten, wenn das Volk den Entscheidungsprozess beherrscht und die Politiker in Furcht vor ihm leben. Da dies aber oft genug der Fall ist, geben nicht sachgerechte Kriterien immer wieder den Ausschlag."

Gast: geschichte
10.07.2011 16:06
0


Die lange Fremdherrschaft führte zu großer Skepsis...

Naja, nicht sehr überzeugend, weil die Steuermoral der Türken soll ähnlich schlecht wie die der Griechen sein. Die Türken litten aber nicht unter einer jahrhundertelangen Fremdherrschaft.

Ich würde also eher sagen: Je südlicher ein Land, desto schlechter die Steuermoral und desto üblicher ist Sozialbetrug. Vielleicht liegt es ja am Klima. Die harten Winter im Norden fördern die soziale Disziplin. Es fällt schwer, ohne funktionierendes Gemeinwesen einen skandinavischen Winter durchzustehen.

Re: Die lange Fremdherrschaft führte zu großer Skepsis...

Bitte nicht bös sein, aber wenn Sie glauben, dass die Steuermoral bei uns schlechter ist als in Polen...

Re: Re: Die lange Fremdherrschaft führte zu großer Skepsis...

Ich bin nicht böse, weil als ich die Worte zu meinem Kommentar schrieb dachte ich mir selbst, dass die miserable Steuermoral in dem frostigen Russland an meiner These nagt.

Deswegen dann die vorsichtige Formulierung: "VIELLEICHT liegt es ja am Klima."

Re: Re: Re: Die lange Fremdherrschaft führte zu großer Skepsis...

Ich denke eher, es ist eine Frage "eingeschlichener" Kultur. So in die Richtung: Einen Vorteil den man hat herzugeben ist schmerzhafter, als ihn nie gehabt zu haben.
Beispiel (aber das wär jetzt nur eins von sehr vielen, soll jetzt nicht das Thema "entführen"). Ein einheitliches Pensionssystem in Ö wär überhaupt kein Problem. Aber so wie´s ist müssten Sie dazu Einzelpersonen tausende € pro Monat wegnehmen.

So ist´s *vielleicht* auch mit der Steuermoral. Wenn das lax gehandhabt wird, ist´s nicht so einfach die Zügel anzuziehen.

Aber auch nur eine Theorie...

Re: Re: Re: Re: Die lange Fremdherrschaft führte zu großer Skepsis...

Die Theorie scheint gar nicht so abwegig, wenn wir uns z.B. an BK Kreisky erinnern und dessen Ausspruch betreffend "wohlerworbener Rechte".

Wenn man "wohlerworben", was sich auf die Einkommen in geschützten Bereichen bezog, durch "gewohnte", d.h. sich selbst zugestandene "Rechte" der Steuerhinterziehung, Annahme von "kleinen Geschenken", etc. ersetzt, passt's auch für Griechenland.

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