Griechen plündern ihre Bankkonten

09.07.2011 | 18:28 |  von Gerd Höhler (Athen/n-ost) (Die Presse)

Das Vertrauen der Griechen in den Rettungsplan ist gering. Aus Angst vor einem Bankencrash plündern sie ihre Bankkonten – und bringen die Institute in Liquiditätsprobleme.

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Griechenland scheint vor dem Staatsbankrott gerettet– aber nur für wenige Wochen: Die Finanzspritze von zwölf Milliarden Euro, die EU und Internationaler Währungsfonds voraussichtlich in der kommenden Woche nach Athen überweisen werden, reicht nur bis September. Dann braucht das Land weitere Hilfskredite. Viele Griechen zweifeln, dass das Schuldendrama ein gutes Ende nimmt. Aus Angst vor einem Zusammenbruch des Bankensystems oder einer Rückkehr zur Drachme plündern sie ihre Bankkonten – und bringen damit die Geldinstitute in erhebliche Liquiditätsprobleme.

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Allein in den ersten fünf Monaten dieses Jahres sind die Einlagen der griechischen Banken um 17,7 Milliarden Euro oder 8,4 Prozent gesunken. Noch dramatischer erscheint die Lage, wenn man die Entwicklung seit Anfang 2010 betrachtet: In diesem Zeitraum verringerten sich die Einlagen um 41,1 Milliarden Euro oder 18 Prozent.

Offizielle Zahlen für Juni liegen noch nicht vor, aber in der Branche heißt es, dass sich die Kapitalflucht weiter verstärkt habe. Nach einem Minus von 4,8 Milliarden im Mai seien im Juni über fünf Milliarden abgeflossen.

Ein großer Teil der Fluchtgelder fließt ins benachbarte Zypern. Die Einlagen der dortigen Banken wuchsen im April um zwei und im Mai um 2,1 Milliarden Euro. Im Juni habe sich der Zustrom fortgesetzt, berichten Branchenkenner. Viele Griechen bringen ihre Guthaben auch in die Schweiz, nach Großbritannien und Deutschland.

Der griechische Finanzminister will nun sicherstellen, dass seine Landsleute die im Ausland erzielten Zinseinkünfte ordentlich versteuern. Die griechische Finanzverwaltung prüft die Daten von rund 30.000 Griechen, die Konten im Ausland unterhalten. Dabei soll auch untersucht werden, ob die Kontoinhaber die Herkunft der Gelder plausibel erklären können.

Familien greifen Ersparnisse an. Der Rückgang der Einlagen geht aber nicht allein auf das Konto der Kapitalflucht. Wegen der Rezession und der wachsenden Arbeitslosigkeit müssen immer mehr Familien ihre Ersparnisse angreifen. Auch viele Unternehmen lösen Rücklagen auf.

Für die Athener Banken ist der Verlust an Einlagen ein ernstes Problem. Die Institute kämpfen ohnehin mit Liquiditätsschwierigkeiten. Die miserable Kreditwürdigkeit des griechischen Staates, dessen Anleihen nur noch auf Ramschniveau bewertet werden, färbt auch auf die Bonität der Banken ab. Daher sind die Institute vom Interbankmarkt praktisch ausgeschlossen und für die Refinanzierung fast völlig auf die Europäische Zentralbank (EZB) angewiesen. Diese zögert aber inzwischen, den griechischen Banken frisches Geld zuzuteilen. Verschärft wird der Liquiditätsengpass durch wachsende Kreditausfälle. Nach Angaben der griechischen Zentralbank waren Ende des ersten Quartals elf Prozent aller ausgereichten Darlehen notleidend: Sie wurden seit mehr als 90 Tagen nicht mehr bedient. Bei den Verbraucherkrediten lag der Prozentsatz bei 20,5 Prozent. Immer mehr Familien sind nicht mehr in der Lage, ihre Ratenkredite zu bedienen. Fachleute erwarten, dass der Anteil der faulen Kredite bis Mitte 2012 weiter ansteigen wird. Die Ausfälle zwingen die Banken zu immer höheren Rückstellungen in ihren Bilanzen. So erhöhte die National Bank of Greece, Griechenlands größtes Geldinstitut, die Rückstellungen für faule Kredite im ersten Quartal um 21 Prozent auf 381 Millionen Euro. Die EFG Eurobank, Nummer zwei der Branche, stellte 275 Millionen zurück.

Kaum noch neue Kredite. Neue Kredite vergeben die Banken kaum noch. Sie würgen damit die rezessionsgeplagte Wirtschaft weiter ab. Im Mai ging die Summe der ausgereichten Kredite um 1,1 Prozent auf 253,2 Milliarden Euro zurück. Sie entsprach damit 115 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.

("Die Presse", Print-Ausgabe, 10.07.2011)